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Aktienmärkte : Der Pazifik schlägt den Atlantik

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Bild: Hotel Santa Teresa

An Lateinamerikas Börsen liegen hohe Verluste und satte Gewinne sehr nah beieinander. Oft entscheidet der Staat über Gewinner und Verlierer.

          5 Min.

          Lateinamerikas Börsen bieten in diesem Jahr ein eher schwaches Gesamtbild. Der MSCI-Index für Aktien aus der Region verzeichnet auf Dollar-Basis bis Ende November einen Rückgang um 0,6 Prozent, während Schwellenländer-Börsen 2012 weltweit im Durchschnitt rund 10 Prozent gewannen. Hinter der mageren Indexentwicklung der Gesamtregion verbergen sich freilich große Unterschiede nach Ländern und Branchen. Während die Leitindizes der Börsen von Mexiko und Kolumbien auf Dollar-Basis Zuwächse um mehr als 20 Prozent erzielten, liegen Brasilien und Argentinien mit 10 bis 13 Prozent im Minus. Pazifik schlägt Atlantik, könnte man sagen.

          Frust in Argentinien und Brasilien

          Denn auch die Pazifik-Anrainer Chile und Peru liegen auf Dollar-Basis deutlich im Plus. Während die Börsen der frisch formierten Pazifik-Allianz von Mexiko bis Chile einen Aufschwung erleben, herrscht an den Aktienmärkten der Mercosur-Länder Argentinien und Brasilien schon zwei Jahre Frust. Ein Vergleich drängt sich auf: In der Pazifik-Allianz haben sich Volkswirtschaften zusammengeschlossen, die bereits stark in den Welthandel integriert sind und wirtschaftspolitisch allesamt einen liberalen Kurs fahren. Dagegen schotten sich die führenden Länder des Wirtschaftsverbundes Mercosur, Brasilien und Argentinien, immer mehr nach außen ab.

          Die zunehmende Wettbewerbsschwäche der beiden Volkswirtschaften kann dadurch freilich kaum kaschiert werden. Gleichzeitig greift in Brasilien und Argentinien der Staat immer stärker in die Wirtschaft ein, was im laufenden Jahr mehrfach zu plötzlichen Kursausschlägen der betroffenen Unternehmen und Branchen führte. So büßte die argentinische Mineralölgesellschaft YPF zwei Drittel ihres Börsenwertes ein, nachdem die Regierung im April eine Kontrollmehrheit aus dem Besitz des spanischen Ölkonzerns Repsol enteignete.

          Bovespa zieht Latino-Börsen in den Keller

          Vor allem das Schwergewicht Brasilien zieht den Gesamtindex der Latino-Börsen in den Keller. Schließlich wird an der Börse von São Paulo (Bovespa) fast viermal so viel gehandelt wie an allen anderen Aktienmärkten der Region zusammen. Auch in Brasilien lastet die Hand des Staates auf vielen Kursen. So darf der staatlich kontrollierte Ölkonzern Petrobras seine Preise nicht an steigende Importkosten anpassen. Zum ersten Mal seit 13 Jahren macht Petrobras Verlust. Banken werden mehr oder minder gezwungen, Zinsen und Margen zu senken, obwohl der Anteil fauler Kredite deutlich gestiegen ist. Stromversorger müssen ihre Tarife um 20 Prozent kappen, wenn sie ihre Konzessionen nicht verlieren wollen. Die betroffenen Unternehmen gehören zu den großen Verlierern an der Bovespa, deren Leitindex seit dem Jahreshoch von Mitte März um 16 Prozent abgestürzt ist. Rechnet man die Abwertung des Real hinzu, so ergibt sich ein Dollar-Minus von 29 Prozent.

          Freilich gab es an der Bovespa 2012 neben Schatten auch viel Licht. So legten Konsumaktien im Schnitt um 36 Prozent zu. Privatuniversitäten wie Kroton und Estácio konnten ihre Kurse auf Dollar-Basis 2012 verdoppeln. Gefragt sind bei Anlegern in Brasilien solide Unternehmen, die das weiter kräftige Konsumwachstum auf dem Inlandsmarkt bedienen. Dazu gehören große Handelsketten wie Marisa, Renner und Lojas Americanas, der Kosmetikkonzern Natura, der Wohnungsausstatter Duratex und der Wasserversorger Sabesp. Die Begeisterung für spekulative Werte, die vornehmlich von optimistischen Zukunftserwartungen leben, ist dagegen Ernüchterung gewichen.

          Reichster Mann Brasiliens ist seit neuem bezeichnenderweise nicht mehr der brasilianisch-deutsche Mega-Investor Eike Batista, sondern der Brasilien-Schweizer Jorge Paulo Lemann. Während Batista in den vergangenen Jahren reihenweise Unternehmen mit hochfliegenden Zukunftsplänen, aber geringen Tagesumsätzen an die Börse gebracht hatte, lebt Lemann davon, Bier und Hamburger möglichst effizient zu produzieren und an den Mann zu bringen. Die von Batista geführten Unternehmen wie der Ölsucher OGX, der Bergbauentwickler MMX oder das Logistikunternehmen LLX mit seinen gigantischen Hafenprojekten gehören mit Kurseinbrüchen um 35 bis 70 Prozent 2012 zu den großen Verlierern an der Bovespa. Dagegen kann sich Lemann als Hauptaktionär des Getränkekonzerns Ambev oder der Warenhauskette Lojas Americanas über satte Kursgewinne von 45 bis 70 Prozent freuen.

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