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Der neue Dot.com-Boom : Reich werden mit Internetaktien

Der Nasdaq-Index könnte bald sein Rekordhoch erreichen Bild: AFP

Internetaktien haben im vergangenen Jahr ihren Wert extrem gesteigert. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Dem Smartphone sei Dank.

          3 Min.

          Im Internet zirkuliert dieser Tage ein Foto, hundertausendfach verschickt, gepostet, geliked: Wartende auf dem Vorort-Bahnsteig beim Arbeitsweg in die Stadt. Einer ist umkringelt, drunter ein Text: „Was zur Hölle ist los mit dem Typ? Was schaut der sich da an? Die Welt?“

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Der Witz ist, dass der Umkringelte als einziger den Kopf oben hält. Alle anderen starren gebannt nach unten: auf ihr Smartphone.

          14 Jahre nach dem Platzen der Dot.com-Blase erlebt die Welt einen neuen Internet-Boom, und wer zweifelt, ob das nicht nur heiße Luft ist, der sollte sich mal fragen, warum der Witz mit den Smartphones so gut funktioniert. Da ist einer tatsächlich nicht im Netz unterwegs? Zum Schießen! Denn das Leben aller anderen findet heute bei Facebook statt (Börsenwert: 177 Milliarden Dollar), beim Kurznachrichtendienst Whatsapp, den Facebook gerade für 19 Milliarden Dollar gekauft hat, auf Instagram (griff sich Facebook für eine Milliarde). Bei Twitter, einer Technik, die seit November börsengelistet und 30 Milliarden Dollar wert ist, im Online-Tagebuch Tumblr, das sich vergangenen Mai für eine Milliarde Dollar an Yahoo verkaufte (Börsenwert: 38 Milliarden Dollar).

          Sie sind wieder da, die fast täglichen Meldungen über milliardenschwere Bewertungen und Übernahmen kleiner Klitschen mit 20, 30, 40 Mitarbeitern. 19 Milliarden Dollar für Whatsapp sind der vorläufige Höhepunkt des neuen Kaufrauschs - doch oh Schreck! Facebook zahlt die Summe zum größten Teil nicht in bar, sondern mit den eigenen, gerade hoch - zu hoch? - bewerteten Aktien. Klarer Fall für Pessimisten wie Ökonom und Nobelpreisträger Robert Shiller, der die Dot.com-Blase des Milleniums als solche früh enttarnt hat: Da platzt bald wieder was. Anleger, Finger weg vom Internet? Dieser Rat wäre falsch, da mag die Treue von Webkunden auch geringer sein als in anderen Branchen - die Lust am Surfen wird bleiben.

          Der neue Dot.com-Boom ist anders: Jetzt gibt es einen Markt für all die Apps, der den Namen verdient, das Smartphone ist sein genialer Vertriebskanal. Was die F.A.S. als „Abschied vom aufrechten Gang“ beschrieb - dass Jugendliche von den Eltern über die Straße geführt werden müssen, weil der Blick auf dem Gerät festklebt - das ist es, was die neuen Webfirmen mit Nutzern in Millionen-, ja Milliardenhöhe so wertvoll macht und den neuen Boom nachhaltig.

          Fast zwei Milliarden Smartphone-Süchtige gibt es schon, und damit zum ersten Mal eine Zahl potentieller Kunden von kritischer Größe. Anders als zur Jahrtausendwende, als die Menschheit den Weg ins Web nach Feierabend qualvoll über langsame Modems fand, sind die neuen Smartphone-Konsumenten immer online und empfänglich für Werbung: auf dem Weg zur Arbeit, in der Mittagspause, auf dem Weg von der Arbeit und auf dem Sofa daheim. Immer bereit, zu kaufen und nochmals zu kaufen. Kein Wunder, dass der Umsatz von Internetkaufhäusern wie Amazon rasant wächst.

          Der neue Internetboom in Zahlen

          Im 1,3 Milliarden-Reich China kaufen bereits heute zwei Drittel jener rasant wachsenden Schicht, die sich Konsum leisten kann, per Smartphone. Der Westen zieht nach. Dass der Aktienkurs von Facebook nach dem Börsengang vor zwei Jahren lange Zeit vor sich hindümpelte, hatte vor allem mit dem Smartphone zu tun: Das Plauderprogramm lief unrund auf mobilen Geräten. Jetzt ist die Facebook-App optimiert, der Kurs der Aktie liegt 80 Prozent über dem Ausgabepreis. Niemals werde Facebook-Gründer Mark Zuckerberg es schaffen, in nennenswertem Umfang mit Werbung auf den winzigen Handybildschirmchen Geld zu verdienen, urteilten die Pessimisten beim Börsengang knallhart. Jeder, der heute auf dem iPhone bei Facebook von Amazon mit „dem neuen Sarrazin“ und Emirates-Flugangeboten belästigt wird, weiß, es kam anders.

          Größer und größer werden die Bildschirme, noch schneller wächst der Umsatz, den Facebook mit Smartphone-Werbung macht. 1,3 Milliarden Dollar waren es im jüngsten Quartal und damit mehr als die Hälfte der Gesamteinnahmen des Konzerns. Jeder Mitarbeiter des Konzerns fährt statistisch gesehen 237.000 Dollar Gewinn ein, bei Apple sind es gar 460.000 Dollar - beim Autobauer General Motors, bei dem es gerade super läuft, liegt der Wert bei gerade mal bei 18.000 Dollar. Wer vor zwölf Monaten Anteile eines Fonds gekauft hätte, der den Index der Technologiebörse Nasdaq abbildet (ETF), hätte 38 Prozent Rendite eingefahren (abzüglich Gebühren). Mit dem S&P 500, der 500 Firmen aller möglichen Branchen enthält, wären es 22 Prozent gewesen.

          Ist die Party nun vorbei, die Kurse zu hoch, ein Einstieg zu spät? Es sieht nicht danach aus. Wird der S&P 500 Stück für Stück in einzelne Branchen zerlegt, zeigt sich: Im Vergleich sind Tech-Aktien billig angesichts der Gewinne, die Internetunternehmen prognostizieren. „Nie war es interessanter in Technologie zu investieren“, sagt John Paul Scandalios von Franklin Templeton, ein Schwergewicht, in dessen Tech-Fonds 800 Millionen Dollar stecken. Klar, der Investor hat anders als Starökonom Shiller ein berufliches Interesse, seine Aktien hochzureden. Andererseits hat sein Fonds in den vergangenen fünf Jahren den S&P 500 um 20 Prozentpunkte geschlagen.

          Bald könnte der Nasdaq-Index sein Rekordhoch vom 10. März 2000 erreichen. Ein Warnsignal? Danach ging es einst abwärts. Der Kater nach dem Rausch, in dem die Gewinne für unwichtig erklärt wurden und allein Hoffnung zum Maßstab, ist noch nicht vorbei. Unvergessen der Absturz des aufgeblähten Medienkonzerns EM-TV, ewig die bittere Erinnerung an AOL, das den etablierten Time Warner-Konzern für 165 Milliarden Dollar verschlang und wenig später ein Drittel davon abschrieb.

          Alles richtig, alles wahr. Nur: Hoffnungswert - das Etikett hat der neue Webboom nicht verdient. Da ist schon mehr los im Silicon Valley der Gegenwart. Eineinhalb Mal so viel wie AOL 1999 verdient Facebook heute. Google fährt das Dreizehnfache ein. Und Apple 37 Mal so viel. Auch das ist wahr.

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