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Blitzabsturz von 2010 : Der geheimnisvolle Schuldige am „Flash Crash“

  • Aktualisiert am

Der Firmensitz von Nav Sarao Futures in London Bild: Reuters

Der Verursacher des blitzartigen Kurseinbruchs in Amerika im Mai 2010 scheint gefunden. Der beschuldigte Trader ist kein Unbekannter.

          Nahezu fünf Jahre ist es her, dass die amerikanischen Aktienindizes innerhalb weniger Minuten deutlich einbrachen und sich ebenso rasch wieder erholten. Rund 12 Minuten dauerte der Spuk. Viel war in diesen „Flash Crash“ hineingeheimnist worden – jetzt hat die britische Polizei einen Beschuldigten verhaftet.

          Von einem unscheinbaren Haus in der Nähe des Londoner Flughafens Heathrow soll der Trader Navinder Singh Sarao die Wall Street für einige Minuten in die Knie gezwungen haben. Sarao soll mit seiner Firma Nav Sarao Futures Limited Aufträge für sogenannte „E-Mini Contracts“ im Volumen von bis zu 200 Millionen Dollar gegeben haben, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Dies seien 20 bis 29 Prozent aller Verkaufsaufträge gewesen.

          Gegen 20:40 Uhr begann der S&P-500 plötzlich abzusacken. Etwa 12 Minuten später war der Spuk praktisch vorbei.

          Die „E-Minis“ sind elektronisch gehandelte Terminkontrakte, die einen Bruchteil eines Standard-Terminkontraktes repräsentieren. Sie sind vergleichsweise preisgünstig und fast rund um die Uhr handelbar. Vor allem aber bieten sie die Möglichkeit vollautomatisch gehandelt zu werden.

          Genau darauf hatte Sarao gesetzt, der 2009 eine handelsübliche Software so hatte anpassen und sich sogar den Quellcode geben lassen, dass er noch rascher handeln und vor allem Aufträge widerrufen konnte. Diese Handelsstrategie nennt sich „Spoofing“ und „Layering“ und ist illegal. Dabei werden in rascher Folge zahlreiche Verkaufsaufträge aufgegeben, die knapp über dem besten Verkaufsangebot liegen.

          Doch es ist nicht beabsichtigt zu verkaufen, sondern es soll der Eindruck geschaffen werden, dass ein hoher Verkaufsdruck vorhanden ist. Die Verkaufsaufträge werden vor Ausführung storniert. Wenn andere Händler aber auf die scheinbare Marktlage reagieren und die Kurse fallen, kauft sich der Händler billiger ein, um dann von der folgenden Erholung zu profitieren. Sarao hatte seine Aufträge am 6. Mai etwa 19.000 Mal geändert oder ersetzt, bevor er sie am Nachmittag komplett stornierte. Auf diese Weise soll der Trader nach Angaben der amerikanischen Regierung an diesem Tag knapp 900.000 Dollar und zwischen 2010 bis 2014 rund 40 Millionen Dollar verdient haben.

          Der Verdacht, dass der Handel mit den „E-Minis“ Ursache des „Flash Crashs“ war, kam recht schnell auf, war doch das Handelsvolumen vor dem Kurseinbruch auffällig stark angestiegen. Indes hatten die Behörden einige Zeit die Urheber bei institutionellen Investoren gesucht. So war die Fondsgesellschaft Waddell & Reed einige Zeit als Schuldige gehandelt worden. Tatsächlich hatte wohl eine schlechte Programmierung bei der Gesellschaft zu einem umfangreichen Verkauf geführt, der den Crash begünstigte.

          Sarao war dem Plattformbetreiber, der Chicago Mercantile Exchange (CME), übrigens kein Unbekannter. Und nicht nur für diese. Bloomberg zitiert aus einer eidesstattlichen Erklärung gegenüber dem FBI, wonach einige Börsen in Amerika und Europa wussten, dass dieser routinemäßig Aufträge gab und stornierte. Die CME habe ihn sogar kontaktiert, nachdem sie darauf aufmerksam wurde, dass Sarao offenbar Eröffnungspreise beeinflusste. Im März 2010 habe der Händler gegenüber der CME mitgeteilt, er zeige lediglich einem Freund, was die Hochfrequenzhändler auf der Angebotsseite des Marktes anrichteten.

          Selbst am 6. Mai 2010 sei die CME mit Sarao in Kontakt getreten und habe ihn ermahnt, dass Aufträge nach Treu und Glauben zu geben seien, mit dem Ziel tatsächlich auch Transaktionen durchzuführen. Drei Wochen später soll Sarao seinem Broker gesagt haben, er habe die CME angerufen und ihr gesagt, sie könne ihn mal kreuzweise. Bis 2014 konnte Sarao ungehindert weitermachen. Einige der jetzt erhobenen Anschuldigungen beziehen sich auf Transaktionen aus dem vergangenen Jahr. Die Vereinigten Staaten haben offenbar die Auslieferung des 36 Jahre alten Händlers beantragt. Diesem droht im Extremfall eine Haftstrafe von 25 Jahren.

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