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Jahresbilanz : Der Euro Stoxx 50 wird durchatmen

  • -Aktualisiert am

Ostern soll auch an Europas Wertevielfalt erinnern, denn allein finanzielle Interessen reichen nicht aus. Bild: dpa

Allzu oft klammern Anleger den wichtigsten Treiber einer Entwicklung aus: den Trend. Daraus entstehen Prognosen, die kaum etwas mit der Realität zu tun haben. Es ist Zeit für Korrekturen.

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          Am Sonntag feiern wir das Osterfest, und was läge da näher, als einleitend ein paar Worte über den Osterhasen und seine Eier zu verlieren. Mit einem kleinen Schwenk über gefärbte, gelegte, ungelegte, solche mit „sunny side up“ und die auch in diesem Zusammenhang bekannt gewordenen Wollmilchsäue könnte man leicht den Weg zu einer Prognose finden, für die es Cojones braucht. Aber das wäre ein wenig arg viel Stammtisch, und man könnte darüber nur zu leicht vergessen, was wir an Ostern wirklich feiern: die Auferstehung von Jesus Christus.

          Ohne zu gesellschaftskritisch werden zu wollen: Wir entwickeln zunehmend eine Neigung dazu, das wirklich Wichtige zu übersehen, gering zu schätzen, zu missachten oder gleich ganz zu vergessen. Ich empfinde diese Entwicklung als sehr erstaunlich. Beispielsweise sollte es gerade an einem Osterfest, an dem Europa zur Disposition steht, Sinn ergeben, sich an dessen Markenkern zu erinnern: eine christlich-abendländische Werteorientierung. Europa, so wie wir es kennen und meines Erachtens viel zu wenig schätzen, ist ohne die Achtung der Würde des Menschen, ohne seine Freiheit, ohne Hilfsbereitschaft und Toleranz, aber auch ohne die Bereitschaft und Fähigkeit, eben genau diese Werte zu verteidigen, ein hoffnungslos verlorener Haufen. Finanzielle Interessen allein werden den Laden nicht dauerhaft zusammenhalten.

          Das Phänomen ist an Finanzmärkten weit verbreitet

          Noch erstaunlicher wird es für mich, wenn die Bereitschaft, das wirklich Wichtige zu vergessen, nicht einmal vor dem eigenen Portemonnaie haltmacht. Denn auch und gerade an den Finanzmärkten ist dieses Phänomen weit verbreitet. Nur zu gern und viel zu oft wird der entscheidende Parameter, das, was wirklich wichtig ist, übersehen oder falsch gewichtet. Wie oft habe ich schon Beiträge gehört und gelesen, die den entscheidenden Parameter völlig ausklammern: den Trend. Sie kamen damit notgedrungen regelmäßig zu Prognosen, die so gut wie nichts mit der Monate und Jahre später eintretenden Realität zu tun hatten. Wer dem Trend nicht gebührend Platz einräumt, der wird seinem Depot nur in den allerseltensten Fällen einen Gefallen tun.

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          Beispielsweise war der Trend der entscheidende Parameter für meine zuversichtliche Einschätzung des französischen Aktienindex zum Jahreswechsel. Der CAC-40 zeigte damals klar nach oben, und deshalb musste das Ergebnis meiner Analyse, Wahlen hin, Wahlen her, eine „Steigt“-Prognose sein. Alles andere hätte meine Analyse auf das Niveau der oben erwähnten Kultur des Vergessens gedrückt. Ein Plus von rund 7 Prozent in den letzten drei Monaten spricht in diesem Umfeld Bände. Mein Ziel von 5200 Punkten steht kurz davor, erreicht zu werden. Gegen den Trend ist eben nur selten ein Kraut gewachsen.

          Heute soll aber nicht noch einmal der CAC-40 im Mittelpunkt stehen. Vielmehr geht es um das große europäische Ganze, den Euro Stoxx 50. Die Auswirkungen „falscher“ nationaler Entscheidungen werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit uns alle betreffen.

          Jahresbilanz lässt sich sehen

          Auch die Jahresbilanz des Leitindex von Euroland kann sich sehen lassen. Bislang steht auch für ihn ein Plus von rund 200 Punkten zu Buche, was rund 7 Prozent entspricht. In der letzten Märzwoche erreichte er darüber hinaus mein Kursziel von 3490 Punkten und damit auch das Niveau der rund um diesen Bereich angesiedelten Widerstände. Diese Zone besonders hoher wahrscheinlicher Abgabebereitschaft darf analytisch nicht unterschätzt werden. Charts neigen dazu, rund um solche Bereiche in eine mehr oder weniger ausgedehnte Konsolidierung einzutreten. Dies gilt umso mehr dann, wenn, wie auch der abgebildete Chart sehr deutlich zeigt, in den Wochen und Monaten zuvor schon erhebliche Zugewinne verzeichnet werden konnten. Kommen dann auch noch fundamentale Sondersituationen hinzu, wie derzeit beispielsweise die Entwicklungen rund um Syrien, Nordkorea oder die Frankreich-Wahl, kann man im Regelfall die Uhr danach stellen, wann es losgeht. An der Erkenntnis, dass wir mit einer im Zweifel auch etwas ausgedehnteren Konsolidierung rechnen müssen, führt also kein Weg vorbei.

          Gerade nach den einleitenden Worten muss das Aber aber auf dem Fuße folgen: Der Euro Stoxx 50 befindet sich wie nahezu alle bedeutenden europäischen Aktienmärkte in einem völlig unangefochtenen Aufwärtstrend. Die Vorstellung, dass sich dieser nicht fortsetzen wird oder in Kürze ernsthaften Anfechtungen ausgesetzt sein könnte, ist meines Erachtsens momentan abenteuerlich und technisch nicht zu begründen. Wir dürfen, mittel- und langfristig betrachtet, mit weiter steigenden Kursen auch beim Euro Stoxx 50 rechnen. Mein neues Ziel beläuft sich auf den Widerstandbereich um 3670 Punkte.

          Ganz klar: Damit wird notwendigerweise auch ein weiter zulegender Dax verbunden sein. Mein Ziel für diesen Index bleiben auch deshalb Kurse signifikant über den historischen Bestmarken aus dem Jahr 2015 bei 12.390 Punkten. Zuvor wird sich wohl aber auch bei ihm die Konsolidierung der letzten beiden Wochen, möglicherweise volatil und zwischenzeitlich mit spürbaren Abschlägen, fortsetzen.

          Über den Autor

          Wieland Staud leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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