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Spin-Off-Aktie Uniper : Reich werden mit Eons Resterampe?

Kurz vorm Börsengang: Eons Tochtergesellschaft „Uniper“ Bild: Reuters

Der Energiekonzern Eon bringt am Montag seine Tochtergesellschaft Uniper an die Börse. In ihr ist all das gebündelt, was Anleger nicht mögen. Gerade das macht die Aktie interessant.

          Warum um alles in der Welt dieser Name? Außer ein paar Eingeweihten in der Finanzszene und den rund 15000 Mitarbeitern werden sich in Deutschland wohl nur die wenigsten etwas unter „Uniper“ vorstellen können. Es ist ein Kunstwort aus „unique“ und „performance“ (frei übersetzt: einzigartige Wertentwicklung). Doch an der Börse wird das Unternehmen morgen in aller Munde sein.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Denn bei Uniper handelt es sich nicht um irgendeine unbedeutende Klitsche, sondern um eine Abspaltung des größten deutschen Energiekonzerns: Eon hat seine Kohle-, Gas- und Wasserkraftwerke in der Gesellschaft gebündelt, manche sagen auch entsorgt.

          Denn in Zeiten der Energiewende wollen viele Anleger insbesondere von Kohle nichts mehr wissen – ein Leitspruch, der auch für den Eon-Vorstandsvorsitzenden Johannes Teyssen gelten könnte. Er selbst bleibt an der Spitze des Eon-Konzerns, dessen Hauptgeschäftszweige jetzt Stromnetze, Solar- und Windenergie sein werden, ganz wie es dem Zeitgeist gefällt.

          Keine Wachstumsphantasie

          Teyssens einstiger Finanzvorstand Klaus Schäfer hat dagegen den halsbrecherischen Part übernommen: Als Uniper-Chef muss er Investoren vom Wert konventioneller Energiegewinnung überzeugen, bei der es oft noch stinkt und qualmt. Wie verrückt muss man sein?

          Nicht wenige Uniper-Beschäftigte, so ist zu hören, flüchten sich in Galgenhumor: An eine einzigartige Performance, wie es der Firmenname suggeriert, glauben sie keineswegs. Eher an einen einzigartigen Absturz des Aktienkurses, wenn Uniper morgen erstmals an der Börse notiert.

          Selbst Wohlgesinnte tun sich schwer damit, Gründe zu finden, warum Uniper überzeugen sollte. Denn das Unternehmen ist so ziemlich das genaue Gegenteil dessen, was Anleger normalerweise spannend finden.

          Es bietet keine Wachstumsphantasie, wie man an der Börse gerne sagt, was einem vernichtenden Urteil gleichkommt. Denn übersetzt heißt dies: Das Geschäftsmodell ist von gestern – und wirklich jeder scheint das zu wissen.

          Eon-Aktie verliert 70 Prozent an Wert

          Dies verdeutlicht ein Blick auf den Kurs des bisherigen Mutterkonzerns Eon. In den vergangenen zehn Jahren hat die Aktie sage und schreibe 70 Prozent ihres Wertes verloren. Anders gesagt: Die Firma, die da morgen an die Börse geht, ist ganz und gar nicht sexy.

          So paradox das zunächst klingen mag: Genau darin liegt für Anleger eine große Chance. Um das zu verstehen, muss man ein bisschen darauf zurückblicken, wie Eon überhaupt auf diese scheinbar verrückte Idee gekommen ist, seine heute verpönten Kraftwerke an die Börse zu bringen.

          Ursprünglich stand dahinter eine klare Überlegung: Eon, der einstmals wertvollste Konzern der Republik, hatte in seiner althergebrachten Verfassung am Kapitalmarkt auf Dauer keine Chance mehr. Zu dieser Auffassung kam die Führungsspitze um Teyssen bereits im Jahr 2014 und zog daraus einen radikalen Schluss.

          Alle Geschäfte mit Zukunft, also vor allem die Sparte der Erneuerbaren Energien, sollten bei Eon verbleiben, alle Geschäfte von gestern dagegen – darunter auch die Atomkraft – sollten so schnell wie möglich abgestoßen werden. Die Idee zu Uniper war geboren.

          Ein etwas anderer Börsengang

          Ganz so wie erhofft, lief die Sache dann aber doch nicht ab. Die Bundesregierung fand es nicht gerade amüsant, dass sich Eon auf diese Weise mit ziemlicher Chuzpe aller Risiken und Kosten des Atomausstiegs entledigen wollte.

          Was am Ende dazu führte, dass die deutschen Atomkraftwerke im Portfolio von Eon verblieben, während Uniper (mit Ausnahme von einer Beteiligung an drei schwedischen Atomkraftwerken) diese Bürde nicht auch noch tragen musste. Aus Anlegersicht lässt sich dazu nur sagen: Glück gehabt! Natürlich ist allein das noch kein Kaufargument für die Aktie.

          Aber interessanterweise tragen auch die technischen Feinheiten des Börsengangs dazu bei, sie attraktiver zu machen. Denn Uniper unterscheidet sich deutlich von anderen Börsengängen.

          Ein „Spin-Off“ mit Uniper-Aktie

          Wenn am Montag die Finanzmärkte öffnen, findet jeder Eon-Aktionär für jeweils zehn Eon-Aktien zusätzlich eine Uniper-Aktie in seinem Depot – Eon hält dann nur noch knapp die Hälfte an Uniper.

          Spin-off nennt sich das Verfahren, und es ist in den Augen vieler Analysten kein Ausweis von Stärke. Denn einen Spin-off wählt nur, wem die Börse auf anderem Wege kein Geld geben würde.

          In der Vergangenheit konnten Unternehmen, die auf diese Weise an den Aktienmarkt kamen, aber viel häufiger überzeugen als gedacht, zeigt eine Untersuchung der Frankfurter Vermögensverwaltung „Source for Alpha“. Der Grund: Die große Skepsis gegenüber solchen Aktien verhindert, dass ein Hype um sie entsteht.

          Mit anderen Worten: Sie sind oft sehr günstig zu haben. Das bekannteste deutsche Beispiel ist die ehemalige Bayer-Tochtergesellschaft Lanxess, die, einst als „Reste-Rampe“ verspottet, später eine Zeitlang sogar im Dax vertreten war.

          Was spricht für die Aktie?

          Dass es am Montag mit dem Uniper-Kurs gleich nach oben geht, erwartet aber nicht einmal Eon-Chef Teyssen. Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Viele Indexfonds (auch ETF genannt), die die Wertentwicklung des Dax exakt nachbilden, müssen natürlich auch Aktien des Dax-Mitgliedes Eon im Depot haben.

          Uniper-Aktien dagegen dürfen sie nicht halten, weil die neue Firma nicht zum Dax gehört. Darum müssen die Fonds die Aktie am Montag sofort verkaufen, was zu einigen Turbulenzen führen kann: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Uniper-Kurs am ersten Tag stark fällt, ist hoch.

          Ohnehin ist unsicher, welchen Börsenwert die Anleger Uniper überhaupt zubilligen werden. Eon hatte die Tochtergesellschaft zu einem Wert von zwölf Milliarden Euro in den Büchern stehen, viele Analysten gehen aber von einem deutlich niedrigeren Wert aus. Zwischen drei und sechs Milliarden Euro liegen die Schätzungen. Angesichts solcher Zahlen mag sich mancher fragen, was da noch für die Aktie sprechen soll.

          Je geringer der Wert an der Börse, desto besser

          Daniel Stelter von der Denkfabrik „Think beyond the obvious“ plagen solche Zweifel nicht. Je geringer die Bewertung an der Börse, umso besser, findet er. Schließlich macht eine niedrigere Bewertung den Aktienkauf billiger. „Uniper ist nichts für Anleger, die die Aktie einmal ihren Kindern vererben wollen oder die auf hohe Kursgewinne hoffen. Aber sie kann sich für alle lohnen, die von hohen Dividenden profitieren wollen.“

          Tatsächlich hat Uniper seinen Aktionären eine beträchtliche Ausschüttung von insgesamt 200 Millionen Euro für 2016 in Aussicht gestellt. Legt man die Schätzungen der verschiedenen Analysten zum Börsenwert zugrunde, ergibt sich daraus eine Dividendenrendite zwischen fünf und fast zehn Prozent.

          Sie errechnet sich aus dem Verhältnis der Dividende zum Börsenkurs, aber das muss man gar nicht wissen, um zu begreifen: Fünf Prozent sind in diesen Niedrigzinszeiten eine Menge. Die Frage lautet allerdings: Kann man sich wirklich darauf verlassen, dass Uniper so viel Dividende ausschüttet wie angekündigt?

          Uniper-Chef: keine Ausgaben für neue Investitionen

          Guido Hoymann, Leiter der Aktienanalyse beim Bankhaus Metzler, ist davon überzeugt. Er hat nachgerechnet, dass Uniper trotz des derzeit niedrigen Strompreises genügend Einnahmen hat (im Börsenjargon „Cash flow“ genannt), und geht davon aus, dass dies auch auf absehbare Zeit so bleiben wird.

          Ein Braunkohlekraftwerk in Bergheim, Nordrhein-Westfalen

          Dies ist zusätzlich dadurch gewährleistet, dass Uniper-Chef Klaus Schäfer kein Geld mehr für neue Investitionen ausgeben will, sondern lediglich für den Erhalt der bestehenden Kraftwerke. Für Anleger hat das einen angenehmen Nebeneffekt: Es bleibt mehr Geld übrig, das Uniper an sie ausschütten kann. „Es kann sinnvoll sein, die Aktie eines Unternehmens zu kaufen, das seinen eigenen Niedergang effizient managt“, sagt Daniel Stelter.

          Die schönste Dividende nützt aber wenig, wenn der Kurs einer Aktie abstürzt. Bei Uniper ist in den ersten Tagen zwar ein heftiges Auf und Ab zu erwarten, auf längere Sicht bestehe aber durchaus „positives Überraschungspotential“, prognostiziert Analyst Hoymann.

          Ist der Atomausstieg 2022 wirklich endgültig?

          So könnte es sein, dass Deutschland nach dem endgültigen Atomausstieg 2022 noch viel länger auf den herkömmlichen Strom angewiesen ist, weil der Übergang zu den Erneuerbaren Energien nicht so einfach funktioniert wie gedacht. Sogenannte „Engpasspreise“ könnte Uniper dann verlangen, ein lohnendes Geschäft.

          Uniper-Chef Schäfer fordert gar von der Bundesregierung eine Bereitschaftsprämie für den Betrieb seiner Meiler. Er argumentiert: Wenn in Zukunft an manchen Tagen die Sonne mal nicht scheine und auch der Wind nicht wehe, müssten seine konventionellen Kraftwerke einspringen.

          Ein Beitrag zur Versorgungssicherheit, den sich Uniper bezahlen lassen will. Dass es dazu kommt, ist so unwahrscheinlich nicht. In anderen Ländern gibt es solche Regelungen bereits.

          Nachfrage nach Strom könnte deutlich steigen

          Zudem halten es viele Analysten für möglich, dass die Nachfrage nach Strom deutlich steigen könnte: Sollten beispielsweise Elektroautos in Deutschland mehr und mehr Verbreitung finden, wäre dies der Fall. Man muss daran nicht glauben, aber allein die Auflistung zeigt: Die Uniper-Aktie hat das, was an der Börse als „Upside“ bezeichnet wird.

          Dass Konkurrent RWE bis zum Ende des Jahres ebenfalls eine Tochtergesellschaft an die Börse bringen will (RWE bündelt das Geschäft mit den Erneuerbaren Energien in einer Gesellschaft unter dem Namen „Innogy“), braucht Anleger nicht zu stören.

          Zwar bringt RWE anders als Eon das zukunftsträchtigere Geschäft an den Aktienmarkt. Positives Überraschungspotential für den Kurs vermögen die Analysten aber, anders als bei Uniper, bislang nicht auszumachen.

          Allerdings muss jedem klar sein: Uniper-Aktionäre werden starke Nerven brauchen. Doch die Börse hat die sympathische Eigenschaft, dass sie dies im Erfolgsfall mit höheren Erträgen belohnt. Es gibt also Hoffnung, dass Uniper seinem ungewöhnlichen Namen am Ende doch noch alle Ehre machen wird.

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