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Delisting : Und plötzlich ist die Aktie verschwunden

Immer wieder verschwinden Werte: Kurstafel im großen Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse. Bild: dpa

Neue Delisting-Regeln machen den Unternehmen den Rückzug von der Börse leichter. Die Privatanleger müssen sie nicht darüber informieren, dass die Aktie auf einmal weg ist. Das führt zu bösen Überraschungen.

          Die Schuler-Aktie werden Anleger von nun an auf den Kurszetteln vergeblich suchen. Am Donnerstag war der letzte Handelstag der Aktien des schwäbischen Maschinenherstellers. Hernach wurde das vom Unternehmen beantragte Delisting wirksam. Viele Aktionäre werden die Ad-Hoc-Mitteilung am 4. April (F.A.Z. vom 5. April) jedoch nicht mitbekommen haben. Sie werden böse überrascht. Oft fällt Aktionären das Delisting ihrer Aktien erst beim Blick in den Depotauszug auf. Die Banken geben den Wert mangels Aktienkurs dann oft mit Null an.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Bis vor einem Jahr gab es solche Überraschungen nicht. Ein Delisting musste auf der Hauptversammlung von einer Mehrheit der Aktionäre beschlossen werden. Allen Aktionären musste die Gesellschaft zudem ein faires Kaufangebot für ihre Aktien unterbreiten. Diese Regelung verwarf der Bundesgerichtshof (BGH) jedoch vor einem Jahr. Demnach reicht ein Vorstandsbeschluss des Unternehmens für ein Delisting. Ein Kaufangebot muss nicht mehr unterbreitet werden. Der BGH berief sich bei dem Urteil auf ein Gutachten, wonach ein Delisting keinen Einfluss auf den Aktienkurs habe. Zudem hatte das Bundesverfassungsgericht im Juli 2012 den verfassungsrechtlichen Schutz für die Handelbarkeit einer Aktie verneint. Dies falle nicht unter den Schutz des Eigentums, da die Substanz der Aktie unabhängig von der Handelbarkeit erhalten bleibe.

          Seither häufen sich die Beschwerden von betroffenen Aktionären. Ein Vorstandsbeschluss zum Delisting muss zwar per Ad-Hoc-Mitteilung veröffentlicht werden. Es ist aber die Holschuld des Aktionärs, sich regelmäßig bei allen Unternehmen, deren Aktien er hält, darüber zu informieren, ob ein Delisting beschlossen wurde. Seine Depotbank sendet ihm in der Regel keinen entsprechenden Warnbrief.

          Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), ist entsetzt, dass der Gesetzgeber bislang nicht aktiv geworden ist. „Die Kleinaktionäre bekommen das oft nicht mit, sehen plötzlich eine Null im Depotauszug und verkaufen in ihrer Verzweiflung die Aktien an windige Anbieter, die ihnen unseriöse Angebote machen“, sagt Tüngler. Die Anlegerschützer haben zahlreiche solche Aktivitäten beobachtet. Besonders ärgert Tüngler, dass der BGH in seinem Urteil von falschen Voraussetzungen ausgegangen sei. „Der BGH beruft sich auf ein Gutachten des Deutschen Aktieninstituts, wonach der Aktienkurs von einer Delisting-Mitteilung nicht beeinflusst werde“, sagt Tüngler. „Das Gutachten wurde aber ausdrücklich und logischerweise in der Zeit vor der geänderten Rechtslage erstellt, und da war der Aktienkurs durch das verpflichtende Abfindungsangebot nach unten abgesichert.“ In fast allen Delisting-Fällen seither ist der Aktienkurs am Tag der Mitteilung deutlich gefallen. Bei Schuler betrug das Kursminus am 4. April gut 9 Prozent.

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