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Deflation oder Reflation : Anleger müssen auf viele Szenarien gefasst sein

Die Fed kämpft gegen die Deflation Bild: REUTERS

Die fast schon panische Deflationsfurcht treibt die Notenbanken zu einer immer extremeren Geldpolitik. Ziel ist die Reflationierung der Volkswirtschaft. Anleger müssen aber derzeit auf mehrere Szenarien gefasst sein.

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          Die Aussage war lapidar: Der Ökonom und Wirtschaft-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz wirft der Europäischen Zentralbank und der amerikanischen Notenbank vor, die Welt mit ihrer extrem lockeren Geldpolitik ins Chaos zu stürzen. Die Liquiditätsflut sorge für eine hohe Instabilität, sagte Stiglitz am Dienstag am Rande einer Konferenz an der Columbia-Universität in New York.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Die Ironie ist, dass die Fed für all diese Liquidität in der Hoffnung sorgt, dass sie die amerikanischen Wirtschaft beleben wird.“ Doch sie tue nichts dergleichen, sondern sorge für Chaos im Rest der Welt.

          Chaos oder Bedarf an mehr Akkommodierung?

          Die Fed sieht das naturgemäß anders. Nach Einschätzung von Charles Evans, Präsident der Federal Reserve Bank von Chicago, sollte diese weitere Maßnahmen zur Konjunkturbelebung einleiten. „In den vergangenen Monaten haben wir auf unsere Prognose zur Entwicklung der Arbeitslosenzahlen gestarrt und sind zu dem Schluss gekommen, dass die Zahl nicht annähernd so schnell sinkt wie sie sollte“. Vor diesem Hintergrund plädiere er für „viel mehr Akkommodierung als bereits eingeräumt“.

          Hier prallen zwei Meinungen aufeinander, die aber letztlich auf einer ähnlichen Einschätzung beruhen. Was die Fed und mit ihr auch andere Notenbanken schon fast panisch zu vermeiden suchen ist eine Deflation. Das verbirgt sich hinter Evans Ergänzungen: Seiner Einschätzung nach müssten auch die realen Zinsen - also der Nominalzins abzüglich der Inflationsrate - verringert werden, damit Unternehmen und Verbraucher weniger sparten, Kredite aufnähmen und Ausgaben tätigten. Dies lasse sich über eine höhere Inflationsrate erreichen.

          Was Evans damit propagiert ist die Reflationspolitik, die einst der Ökonom Irving Fisher 1933 als Weg aus der großen Depression beschrieb, die auch die womöglich geharnischste Deflation war, die die Welt je erlebt hat.

          Gefühlte Unendlichkeit der Deflation

          Die Panik der Notenbanken ist verständlich. Denn anders als eine Hyperinflation, die spätestens mit dem Zusammenbruch der Währung rasch von selbst totläuft, kann sich eine Deflation zumindest gefühlt ins Unendliche ziehen. Sinkende Preise und Einkommen führen zu weiterer Kaufzurückhaltung, damit zu sinkenden Preisen und einer sinkenden Kapazitätsauslastung und damit weiter sinkenden Einkommen und einer geringeren Nachfrage. Die Kreditvergabe wird aufgrund der schlechten Wirtschaftsaussichten eingeschränkt, was die Geldmenge vermindert und damit das Wirtschaftswachstum behindert.

          Historisch hat sich gezeigt, dass Deflationen zwischenzeitlich auch gern einmal Atem holen. Japan steckt spätesten seit 1997 in der Deflation. In den Jahren 2003/2004 holte diese kurz Atem, nun sitzt das Land wieder darin fest.

          Die „Lange Deflation“

          Als längste Deflation der modernen Geschichte wird die Zeit von 1873 und 1896 verstanden, die im Anschluss an den Gründerkrach als Folge des Platzens einer durch eine erste Globalisierung ausgelöste Spekulations- und Immobilienblase verstanden. Sie wird gern als Parallele zur heutigen Zeit herangezogen, doch der Vergleich hinkt. Die Wirtschaft wuchs weiter, wenngleich in vermindertem Tempo, da die Löhne nicht im gleichen Tempo wie die Preise sanken.

          Das führte zu einem deutlichen Anstiegen der Reallöhne und hielt aufgrund des geringen Niveaus der Bedürfnisbefriedigung die Nachfrage aufrecht. Folgerichtig wuchs die Wirtschaft weiter und irgendwann war die relative Wachstumsschwäche vorbei. Doch dies ist die historische Betrachtung. Die Ära seinerzeit war von Mangel an Vertrauen in die Wirtschaft und depressiver Stimmung gekennzeichnet.

          Die „Große Deflation“

          Die Weltwirtschaftskrise der Dreißiger Jahre, die auch eine Folge der Überschuldung war, wurde durch einen Politikwechsel von der Staatsneutralität zu einer aktiven Rolle desselben überwunden. Letztlich trugen auch die massive steigenden Staatsausgaben durch den II. Weltkrieg dazu bei. Insofern ist nachvollziehbar, dass Stiglitz sich gegen eine expansivste Geldpolitik und für höhere Staatsausgaben ausspricht.

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