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Zum Jahresabschluss : Der Dax macht Geschenke

  • -Aktualisiert am

Ruhe nach dem Sturm: So langsam wird es auch an der Börse stiller. Bild: Helmut Fricke

Erst am Jahresende zeigt sich der Deutsche Aktienindex von seiner besten Seite. Vieles spricht dafür, dass er sich auch 2017 gut schlagen wird.

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          Morgen, 14 Uhr, ist alles vorbei. Dann kann es wirklich Weihnachten werden. Deutschland wird sich unterm Christbaum versammeln, Puten, Gänse und Karpfen essen und in der Nacht in die Christmette gehen. Seit einem halben Jahrhundert freue ich mich immer wieder aufs Neue sehr auf dieses Fest. Die einzigartige, friedliche Ruhe und Stille, die Langsamkeit der Weihnachtstage hat es mir angetan.

          Und obwohl Börse für mich mehr Hobby und Leidenschaft als Beruf ist, freue selbst ich mich darauf, dass an diesen Tagen nicht gehandelt wird. Es hat viel Charme, Charts einfach mal Charts sein zu lassen. Das gilt umso mehr, wenn der Dax schon zuvor reichlich Geschenke gemacht und frohe Botschaften verteilt hat.

          Schlechte Nachrichten bedeuten nicht unbedingt schlechte Kurse

          Blicken wir für einen Moment zurück. Während der Brexit den Dax für zwei Wochen in die Knie zwang und Herr Trump ihn immerhin noch für einen halben Tag, feierte er die italienische Reformverweigerung sogar sofort mit erheblichen Aufschlägen. Er überwand die magische Barriere von 10.750 Punkten, schloss damit die am 4. Januar 2016 gerissene gewaltige Kurslücke, lieferte ein beeindruckendes Aufbruchssignal und, das soll nicht vergessen werden, notiert deshalb seit dem 5. Dezember im Plus.

          Wer nach 11 stressigen Monaten noch die Kraft hatte, auf die Jahresendrally zu warten, wurde nicht enttäuscht, und wer seine Kasse für die Weihnachtseinkäufe noch ein wenig aufgebessert sehen wollte, ebenso wenig. Wer aber meinte, dass schlechte Nachrichten auch schlechte Kurse bedeuten, der wurde bitter enttäuscht. Börsen denken nun einmal wenigstens eine Ecke weiter.

          Es gibt eine weitere frohe Botschaft: Das war’s noch nicht! Märkte, die so wie der Dax erst immer wieder aufs Neue von einer wie in Granit gemeißelten Barriere wie der Marke von 10750 Punkten nach unten abprallen, die dann aber mit Vehemenz und Dynamik in die Gänge kommen, die führen in der Mehrzahl der Fälle dauerhaft Gutes im Schilde.

          Beliebig viele historische Charts lassen nur genau diesen einen Schluss zu. Wenn schlechte Nachrichten von einem Markt derart freudig aufgenommen und dabei magische Barrieren überwunden werden, dann darf in etwa 75 Prozent aller Fälle darauf gewettet werden, dass dies erst der Anfang war – und nicht schon wieder das Ende.

          Hohe Liquidität und starke Kurssteigerungen

          Diese Einschätzung wird schnell plausibel, wenn man sich in die Lage der Investoren versetzt. Sie haben im Jahresverlauf die Erfahrung gemacht, dass der Dax, komme was wolle, keine Perspektive hat und sind deshalb immer skeptischer geworden. Bis Ende November haben sie damit ein aufs andere Mal recht bekommen und sukzessive ihre Bestände abgebaut. Bricht der Markt dann nach oben aus, wie nach dem Referendum in Italien geschehen, werden sie auf dem völlig falschen Fuß erwischt.

          Sie haben keine Wahl: Sie müssen in einen ausgetrockneten Markt hinein kaufen und nolens volens die zusehends steigenden Limits der Verkäufer akzeptieren. Eine Hausse endet aber meistens nicht mit erzwungenen Käufen und zusammengepressten Lippen, sondern dann, wenn nach langem Umdenken genau dort die Schaumbildung eingesetzt hat.

          Wenn es ums große Ganze geht, kann man als technischer Analyst oft mit den Elliott Waves das Geschehen am besten einordnen. Tut man dies heute, dann werden wohl nur notorische Bären nicht zu dem Ergebnis kommen, dass sich der Dax jetzt in einer „Elliott 3“ befindet. Denn diese Kernphase einer Hausse wird traditionell von Liquidität in Hülle und Fülle geprägt, von fehlenden Anlagealternativen, einer sehr zurückhaltenden Stimmung, anfänglich geringen Investitionsgraden und erheblichen Kurssteigerungen, die viele lange Zeit als völlig unbegründet empfanden.

          Einer „Elliott 3“ wird darüber hinaus oft, wie geschehen, durch eine lang anhaltende, nervige und eine hohe Frustrationstoleranz fordernde Entwicklung der Boden bereitet. Diese Beschreibung passt perfekt zur aktuellen Situation des Dax.

          Zuwachs für den Leitzins

          Ich bin deshalb davon überzeugt, dass 2017 nicht mit 2016 vergleichbar sein wird. Der Dax dürfte sich im kommenden Jahr zwar nicht notwendigerweise von seiner allerbesten Seite zeigen, aber wohl schon von einer ganz guten. Der in den Dezemberwochen neu aufgenommene Aufwärtstrend seit den Tiefs bei 8700 Punkten wird sich wohl verstetigen und unserem Leitindex einen ordentlichen Zuwachs bescheren.

          Selbst bei einer eher zurückhaltenden Bewertung seiner aktuellen mittel- und langfristigen Situation sollte er die bisherige Bestmarke bei 12.390 Punkten hinter sich lassen können. Erst ein heute sehr unwahrscheinlicher Rückfall unter die Unterstützung bei 10.750 Punkten würde diese Einschätzung obsolet machen.

          „Die Botschaft von Weihnachten heißt, seinen Nächsten zu lieben. Es ist nicht nur die Zeit, um Geschenke zu kriegen.“ Viel besser als in dieser mich zutiefst berührenden Weihnachtsgeschichte mit Minnie und Mickey Mouse kann man es nicht sagen. Aber wie für die beiden gilt auch für mich, dass Weihnachten so ganz ohne Geschenke dann doch nur halb so schön wäre. Vielleicht konnte ich Ihnen mit meiner Dax-Prognose ein kleines Geschenk machen. Darüber würde ich mich sehr freuen. Ihnen von Herzen eine frohe und segensreiche Weihnacht.

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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