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Nach Brexit : Dax geht fast 7 Prozent tiefer aus dem Handel

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Der Kurs des britischen Pfundes kannte an diesem Freitag nur einen Weg: nach unten. Bild: dpa

Der Brexit hat am Freitag die europäischen Börsen in den Keller geschickt. Gold und Anleihen waren gefragt, die Papiere der Deutschen Börse büßten 9,3 Prozent ein,

          Das überraschende „Ja“ der Briten zum Austritt aus der Europäischen Union (EU) hat die Anleger am deutschen Aktienmarkt am Freitag kalt erwischt. Nach einem Kursbeben legte sich im Handelsverlauf europaweit und auch hierzulande zwar die erste Panik - am Abend stand für den deutschen Leitindex Dax aber immer noch ein Abschlag von 6,8 Prozent auf 9557,2 Punkten auf der Anzeigetafel. Die Notenbanken signalisierten angesichts des Brexit-Votums Handlungsbereitschaft.

          Kurz nach dem Handelsstart war der Leitindex noch um rund 10 Prozent oder gut 1000 Punkte eingebrochen und auf den tiefsten Stand seit Februar gefallen. Solch massive Verluste hatte es das letzte Mal während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 gegeben. Ursprünglich hatten die Anleger auf einen Verbleib der Briten in der EU spekuliert, was den Aktienmarkt zuvor seit Wochenbeginn kräftig angetrieben hatte. So blieb unter dem Strich auf Wochensicht ein kleineres Minus von 0,8 Prozent im Dax übrig.

          Große Unsicherheit

          Der M-Dax der mittelgroßen Konzerne sank am Freitag bis Börsenschluss um 4,5 Prozent auf 19.828,6 Punkte. Der Technologiewerte-Index Tec-Dax büßte 3,3 Prozent auf 1586,7 Punkte ein. Aus der gesamten Dax-Familie von Dax, M-Dax, Tec-Dax und S-Dax gab es nur fünf Aktien im Plus.

          Die unerwartete Entscheidung für einen Brexit habe für große Unsicherheit gesorgt und entsprechend heftige Marktreaktionen bis hin zu einem „Schock“ ausgelöst, hieß es am Markt. Im Laufe des Tages hätten aber bereits erste Schnäppchenjäger zugeschlagen.

          Flucht in sichere Häfen

          Gleichzeitig flüchteten viele Investoren in als sichere Häfen geltende Anlagen wie Gold und Anleihen, aber auch der Schweizer Franken und der japanische Yen hoben ab. Im Gegenzug fiel das britische Pfund zeitweise auf den tiefsten Stand seit 31 Jahren, konnte sich hiervon bis zum Abend aber etwas erholen. Auch der Euro kam stark unter Druck: Die EZB setzte den Referenzkurs auf 1,1066 Dollar fest, nachdem es am Donnerstag noch 1,1389 Dollar waren. Der Dollar kostete damit 0,9037 nach 0,8780 Euro.

          Die Experten der Privatbank MM Warburg kommentierten, Europa befinde sich derzeit potentiell in einer ähnlich kritischen Situation wie zum Höhepunkt der Euro- oder der Griechenlandkrise. Die Wahrscheinlichkeit sei erhöht, dass die starken Schwankungen an den Märkten anhalten dürften, schätzten die Analysten.

          Notenbanken signalisieren Handlungsbereitschaft

          Führende Notenbanken kündigten aber bereits vor dem Wochenende an, gemeinsam die Finanzmärkte beruhigen zu wollen. Die britische Notenbank stellte 250 Milliarden Pfund zur Stützung der Märkte in Aussicht. Auch die EZB und die japanische Notenbank betonten ihre Handlungsbereitschaft. Die Schweizerische Nationalbank schritt umgehend zur Tat und griff am Devisenmarkt ein.

          Als größte Leittragende eines Brexit gelten die Banken, deren Kurse entsprechend am Freitag europaweit einbrachen. Anteilsscheine von Deutsche Bank und Commerzbank standen am Dax-Ende mit einem Verlust von 14,1 Prozent beziehungsweise fast 13 Prozent.

          Deutsche Börse und LSE wollen an Fusion festhalten

          Die Papiere der Deutschen Börse büßten 9,3 Prozent ein, und auch in London sackten die Aktien des britischen Börsenbetreibers LSE deutlich ab. Trotz des Brexits wollen die beiden Konzerne an ihrem Fusionsplan festhalten. Da allerdings der rechtliche Sitz des Gemeinschaftsunternehmens London sein soll, wird das Vorhaben am Finanzmarkt zunehmend kritisch gesehen.

          Auch die übrigen europäischen Börsen erlebten am Freitag einen Kurscrash: Der Eurozonen-Leitindex Euro Stoxx 50 rauschte um 8,6 Prozent in die Tiefe auf 2776,1 Zähler. Ähnlich steil ging es für den Pariser CAC-40-Index nach unten, während sich die Verluste im Londoner FTSE 100 in Grenzen hielten.

          Wall Street verliert, aber moderater

          Die Anleger an der Wall Street bewegte das britische Votum für einen Abschied aus der Europäischen Union weniger stark als in Europa. Der Dow Jones Industrial rutschte am Freitag um 2,8 Prozent auf 17.510 Punkte ab. Tags zuvor hatte der amerikanische Leitindex noch die Marke von 18.000 Punkten zurückerobert, da die Mehrheit der Investoren offenbar fest mit einem Verbleib der Briten in der EU gerechnet hatte. Auf Wochensicht liegt das weltweit bekannteste Börsenbarometer denn auch weniger als ein halbes Prozent im Minus.

          Der marktbreite S&P 500 knickte am Freitag um 3 Prozent auf 2051 Zähler ein und für den technologiewertelastigen Nasdaq 100 ging es um 3,5 Prozent auf 4311 Punkte nach unten.

          Am Rentenmarkt fiel die durchschnittliche Verzinsung deutscher Bundesanleihen auf ein neues Rekordtief: Die Umlaufrendite fiel von minus 0,07 Prozent am Donnerstag auf minus 0,20 Prozent. Der Rentenindex Rex stieg um 0,59 Prozent auf 143,68 Punkte. Der Bund Future schoss mit plus 1,33 Prozent auf 165,82 Punkte in die Höhe.

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