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Aktien-Anlage : Das Risiko von Dividendenaktien wächst

  • -Aktualisiert am

Stabiler Aktienwert: Der amerikanische Getränkeproduzent Pepsi. Bild: Reuters

Vermeintlich defensive Titel wie Pepsico halten derzeit die Wall Street über Wasser. Falls die Zinsen steigen, könnte es ein böses Erwachen geben.

          Die Wall Street wird derzeit von scheinbar widersprüchlichen Trends geprägt. Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen sind auf Rekordtiefs gefallen. Der Grund: Wegen des Votums für einen Austritt Großbritanniens aus der EU setzen verunsicherte Anleger auf Sicherheit und kaufen festverzinsliche Papiere, deren Renditen im Gegenzug zu den steigenden Kursen fallen. Die Kurse von Aktien, generell risikoreicher als Anleihen, müssten in einer solchen Marktphase nachgeben. Aber Aktien an der Wall Street haben sich trotz der Unwägbarkeiten, die ein Brexit für das Europa-Geschäft amerikanischer Unternehmen mit sich bringt, in diesem Jahr wacker behauptet. Der breit gefasste Aktienindex S&P 500 liegt trotz leichter Rückschläge seit der Abstimmung der Briten immer noch um knapp 3 Prozent im Plus. Ein wichtiger Grund dafür: die hohen Dividenden amerikanischer Unternehmen.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Aktiengesellschaften, die regelmäßig große Gewinnanteile an ihre Anteilseigner ausschütten, sind derzeit an der Wall Street stark gefragt. Diese Titel gelten traditionell als defensive Anlage, weil sie Anlegern ein beständiges Einkommen versprechen und die Kurse in der Regel nicht so stark schwanken. Zu klassischen Dividendentiteln gehören Stromversorger, Telekomgesellschaften und nichtzyklische, also konjunkturunabhängige Konsumwerte. Die Aktien von Versorgern und Telekom-Titeln im S&P 500 sind in diesem Jahr um durchschnittlich 20 Prozent geklettert. Nichtzyklische Konsumtitel, zu denen unter anderem Nahrungsmittelhersteller zählen, haben um 9 Prozent zugelegt.

          Der S&P 500 High Yield Dividend Aristocrats Index, der Aktien mit einer langjährigen Geschichte kontinuierlicher Dividendenerhöhungen abbildet, ist in diesem Jahr um fast 14 Prozent gestiegen. Auch in Deutschland setzen Anleger auf Dividendenaktien. Zahlreiche Fonds, die auf diese Wertpapiere spezialisiert sind, darunter der Marktführer DWS Top Dividende, melden hohe Nettozuflüsse.

          DWS Top Dividende LD

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          Am anderen Ende des Risikospektrums im Aktienmarkt stehen Wachstumstitel. Zu diesem Segment gehören schwankungsanfällige Technologiewerte, die oft keine Dividenden zahlen. Der technologielastige Composite-Index der Börse Nasdaq liegt in diesem Jahr um knapp 3 Prozent im Minus - ein weiteres Indiz für eine grassierende Risikoaversion.

          Dividendentitel bieten Investoren derzeit auch deutlich höhere Renditen als Anleihen. Das erklärt das große Interesse, das offenbar auch von Anlegern ausgeht, die traditionell auf Anleihen spezialisiert sind. Der Rentenfondsmanager Luke Hickmore vom Vermögensverwalter Aberdeen nennt diesen Typ Anleger „Anleihetouristen“, weil sie sich in einem unbekannten Markt tummeln. Marktstrategen an der Wall Street veröffentlichen Studien, in denen sie bestimmte Dividendenwerte als die „neuen Anleihen“ anpreisen. Gleichzeitig werden aber Stimmen lauter, die Anleiheinvestoren von einer Unterschätzung der Kursrisiken warnen, die Dividendenaktien nach wie vor mit sich bringen.

          Die Risiken liegen auf der Hand

          Aber die hohen Ausschüttungen und attraktiven Dividendenrenditen scheinen den Blick auf die Risiken noch zu vernebeln. Nach Angaben der Analysegesellschaft Ned Davis Research haben 63 Prozent der im S&P 500 vertretenen Aktien eine höhere Dividendenrendite als zehnjährige Staatsanleihen - so viel wie noch nie zuvor. Die amerikanischen Staatspapiere kommen derzeit nur auf eine Verzinsung von weniger als 1,4 Prozent. Die Aktie des Getränke- und Nahrungsmittelherstellers Pepsico weist dagegen eine doppelt so hohe Dividendenrendite von 2,8 Prozent aus. Der S&P 500 hat eine durchschnittliche Dividendenrendite von 2 Prozent. Die Dividendenrendite errechnet sich, indem man die jährliche Ausschüttung in Beziehung zum Kurs einer Aktie setzt. Wenn der Aktienkurs steigt, geht die Rendite bei gleichbleibender Ausschüttung zurück und umgekehrt.

          PEPSICO

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          Pepsico, ein Unternehmen, das seit 44 Jahren die Dividende kontinuierlich erhöht hat, gehört zudem zu einer Reihe von Aktiengesellschaften, deren Dividendenrendite sogar über der ihrer eigenen Unternehmensanleihen liegt. Die Nachfrage nach Pepsico-Aktien ist ungebrochen, auch weil das Unternehmen am Donnerstag mit seinen Quartalszahlen die Erwartungen der Analysten übertroffen hat. Der Aktienkurs von Pepsico ist in diesem Jahr um fast 8 Prozent gestiegen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Pepsico - eine Messlatte für die Höhe der Bewertung einer Aktie - liegt mit mehr als 20 aber auf dem höchsten Niveau seit mehr als zehn Jahren.

          Die Risiken liegen auf der Hand. Sollten die Zinsen wieder steigen, würden Anleihen gegenüber Aktien attraktiver werden. Das könnte zu einem Exodus der Anleihetouristen aus Dividendenwerten mit entsprechenden Kursverlusten führen. Der Dividend-Aristocrats-Index und der Kurs der zehnjährigen Staatsanleihen bewegen sich in der Regel in die gleiche Richtung. Steigende Zinsen würden zu fallenden Anleihekursen führen. „Ich glaube, das ist sehr gefährlich“, warnt James Paulsen, der die Anlagestrategie beim Vermögensverwalter der Bank Wells Fargo verantwortet.

          Zudem wird es für Unternehmen derzeit allgemein schwieriger, ihre Dividenden zu erhöhen, weil die Gewinne schrumpfen. Für das zweite Quartal prognostizieren Analysten für die im S&P 500 abgebildeten Konzerne derzeit einen Gewinnrückgang um mehr als 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Teil des Konzernüberschusses, den Unternehmen als Dividende an Aktionäre verteilen, ist seit mehr als zwei Jahren kontinuierlich gestiegen. Nach Angaben des Wertpapierhauses Birinyi Associates schütteten S&P-500-Unternehmen zuletzt 56 Prozent ihrer Gewinne als Dividenden aus - der höchste Wert seit dem Krisenjahr 2009.

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