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Das Jahr nach Lehman : Der Tag, an dem die Wall Street bebte

Kartons werden aus der insolventen Bank Lehman Brothers getragen: Diese Bilder gingen um die Welt Bild: REUTERS

Mitte September 2008 befinden sich die amerikanischen Finanzmärkte in einer höchst kritischen Lage. Die Investmentbank Lehman Brothers geht unter. Schwere Verwerfungen an den Märkten und massive Staatseingriffe folgen. Wir erinnern an die Anfänge: Teil 1 der neuen Serie über das „Jahr nach Lehman“.

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          Richard Fuld, der Vorstandschef der New Yorker Investmentbank Lehman Brothers, versuchte am 14. September des vergangenen Jahres verzweifelt, Kenneth Lewis zu erreichen. Es war ein Sonntagnachmittag und im Haus des Vorstandsvorsitzenden der Bank of America in Charlotte ging wieder nur dessen Frau Donna an den Apparat. Es war nicht das erste Mal an diesem Wochenende, dass Fuld die Nummer von Lewis gewählt hatte. Lehman Brothers, die viertgrößte amerikanische Investmentbank, stand nach Milliardenverlusten vor dem Kollaps. Eine Übernahme durch die Bank of America erschien als letzte Chance, um die drohende Insolvenz zu vermeiden. Aber Donna Lewis konnte Fuld nicht weiterhelfen. Wenn Mister Lewis zurückrufen wolle, würde er das sicherlich tun, beschied sie den Chef von Lehman Brothers.

          Norbert Kuls
          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Lewis war zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht zu Hause. Er war auch nicht in Charlotte, wo die Bank of America ihren Hauptsitz hat. Lewis war schon am Samstag nach New York geflogen und verhandelte dort mit John Thain, dem Vorstandschef der ebenfalls angeschlagenen Investmentbank Merrill Lynch über einen Kauf von Merrill. Thain und Lewis hatten sich am Samstag erstmals in einer Wohnung der Bank of America mit Blick auf den Central Park getroffen.

          Beide Männer glaubten zu diesem Zeitpunkt, dass Lehman wahrscheinlich pleitegehen würde. Und Thain war klar, dass Merrill Lynch, die wie Lehman ein großes Rad im Hypothekengeschäft gedreht hatte, das gleiche Schicksal drohen würde. Er bot Lewis zunächst den Kauf einer Minderheitsbeteiligung an. Lewis erwiderte, dass die Bank of America Merrill ganz übernehmen wolle. „Ich bin nicht hier, um Merrill Lynch zu verkaufen“, sagte Thain. „Nun, das ist, was ich will“, erwiderte Lewis.

          Der Niedergang von Lehman gilt heute als Höhepunkt

          Am Montag nach diesem von Telefonaten und Verhandlungen geprägten Wochenende bebte die Wall Street. Lehman Brothers stellte einen Konkursantrag, nachdem auch Verhandlungen über einen Verkauf an die britische Großbank Barclays gescheitert waren. Gleichzeitig kündigte die Bank of America die Übernahme von Merrill Lynch für 50 Milliarden Dollar an. Vor dem Lehman-Hauptgebäude in der Nähe des Times Square zogen Übertragungswagen auf und Fernsehbilder von Angestellten, die Kisten mit Büroutensilien aus den Drehtüren trugen, gingen um die Welt.

          Der Niedergang von Lehman gilt aus heutiger Sicht als der Höhepunkt der seit Sommer 2007 anhaltenden Finanzkrise. Selbst die Terroranschläge vom 11. September 2001 hatten den Finanzdistrikt an der Wall Street nicht so stark geschockt und verändert wie der Kollaps des 158 Jahre alten Traditionsinstituts. Nach dem Notverkauf der Investmentbank Bear Stearns an die Großbank JP Morgan Chase im März 2008 blieben von den einst fünf größten Investmentbanken an der Wall Street gerade mal zwei, Goldman Sachs und Morgan Stanley, als unabhängige Institute übrig. Und auch Goldman und Morgan, die die Finanzkrise vergleichsweise unbeschadet überstanden hatten, wandelten sich in reguläre Geschäftsbanken, um einer drohenden Abwärtsspirale zu entgehen.

          Es gibt viele Gründe, die zu diesem Beben geführt hatten. Hypothekenbanken hatten amerikanischen Hauskäufern Kredite gewährt, die sie sich nicht leisten konnten. Investmentbanken verpackten diese Hypotheken in komplexe Anleihen, die sie an Investoren weiterreichten oder handelten. Kreditbewertungsagenturen gaben diesen Anleihen zu gute Noten. Als die Häuserpreise zurückgingen und immer mehr Hausbesitzer ihre Hypothekenraten nicht mehr zahlen konnten, platzte die spekulative Blase. Banken mussten den Wert dieser Anleihen nach unten berichtigen. Lehman war wie Bear Stearns und Merrill Lynch stark im Geschäft mit diesen verbrieften, oft zweitklassigen Hypotheken engagiert.

          Die Schwierigkeiten eskalierten

          Noch im April hatte Lehman-Vorstandschef Fuld versucht, die besorgten Aktionäre zu beruhigen. „Die schlimmsten Auswirkungen auf die Finanzbranche sind vorüber“, hatte er damals gesagt. Zwei Monate später musste Fuld aber den ersten Quartalsverlust von Lehman seit dem Börsengang 1994 melden: 2,8 Milliarden Dollar. Damit hatten selbst die größten Pessimisten nicht gerechnet.

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