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Schwarmfinanzierung : Kickstarter kommt nach Deutschland

Besucher schauen auf der weltgrößten Computermesse, CeBIT, in Hannover mit der Virtual Reality Datenbrille „Oculus Rift“ ein Video. Bild: dpa

Die Crowdfunding-Plattform Kickstarter kommt nach Deutschland. Der Vorstandsvorsitzender Yancey Strickler erklärt die Philosophie seines Unternehmens - und wehrt sich gegen die Kritik, zu kommerziell zu sein.

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          Der Ort, der Träume in Erfüllung gehen lässt, versteckt sich in einer ausrangierten Bleistiftfabrik im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Hier hat Kickstarter seine Zentrale, das wohl bekannteste Portal für „Crowdfunding“ oder Schwarmfinanzierung. Kickstarter ist ein Tummelplatz für Projekte, die auf Geldgeber in der Internetgemeinde hoffen. Es ist ein Alternativuniversum zu konventionellen Finanzierungsquellen wie Banken und Wagniskapitalgesellschaften. Künstler sind hier ebenso zu Hause wie Entwickler von Videospielen oder Erfinder von elektronischen Geräten. Menschen wie du und ich tragen zur Realisierung von deren Projekten bei, oft nur mit ein paar Dollar. Auf der Seite wurde für die Videobrille Oculus Rift und die Computeruhr Pebble Geld gesammelt, aber auch für Skurrilitäten wie die Zubereitung eines Kartoffelsalats.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Jetzt kommt Kickstarter auch nach Deutschland. Am 28. April können die ersten Projekte auf die Seite gestellt werden, und vom 12. Mai an beginnt das Geldsammeln. Es wird die erste nicht-englischsprachige Kickstarter-Version sein. Warum Deutschland? Vorstandsvorsitzender Yancey Strickler sagt im Gespräch mit der F.A.Z., Deutsche hätten schon bislang zu den aktivsten ausländischen Geldgebern von Kickstarter-Projekten gehört. Außerdem hält er Deutsche für sehr interessiert an Kultur und Design, was sie empfänglich für die Art von Ideen auf Kickstarter mache. Strickler wird bei seiner Expansion auf einheimische Konkurrenz treffen. Denn hierzulande gibt es auch lokale Finanzierungsportale wie Startnext, die aber noch viel kleiner sind als Kickstarter.

          Kickstarter als einfacher Bankenersatz

          Gegründet wurde Kickstarter vor sechs Jahren. Perry Chen, einem der Mitgründer neben Strickler, kam die Idee, als er in New Orleans zwei Disc-Jockeys für eine Veranstaltung anheuern wollte, dies aber nicht finanzieren konnte. Er fragte sich, ob es leichter wäre, solch ein Vorhaben zu realisieren, wenn man vorher mehr Gewissheit hätte, wie viele Besucher zu erwarten sind. Seine Überlegung war, Menschen auf einer Internetseite dazu zu bringen, sich zum Kauf eines Tickets zu verpflichten. Nur wenn genug Interessenten zusammenkommen, würde die Veranstaltung stattfinden.

          Nach diesem Prinzip funktioniert nun auch Kickstarter. Ein Initiator eines Projekts bittet die Nutzergemeinde um Unterstützung für sein Vorhaben, und er legt einen Betrag fest, den er einsammeln will. Er bekommt das Geld nur, wenn diese Hürde erreicht wird. Die Palette von Projekten ist breit, sie reicht von Filmen und Theaterstücken über Videospiele bis zu elektronischen Geräten. Gemeinsam ist nach den Worten von Strickler fast allen Vorhaben, dass sie keine Chance hätten, Geld von Banken oder Wagniskapitalgesellschaften zu bekommen. Deshalb sei Kickstarter auch keine Konkurrenz für diese Finanzhäuser.

          Den Förderern wird üblicherweise eine Belohnung versprochen, die umso größer ausfällt, je mehr Geld gegeben wird. Das kann ein einfaches Dankeschön sein, ein T-Shirt oder auch ein Exemplar des fertigen Produkts, das mit der Seite finanziert wird. Bei einem Film sind Kopien des Werks oder auch Einladungen zur Premiere beliebte Gegenleistungen. Was die Kickstarter-Geldgeber nicht bekommen, ist eine Aussicht auf monetären Gewinn. Für Strickler zählt es sogar zu den obersten Prinzipien, dass die kreativen Köpfe hinter den einzelnen Kickstarter-Projekten hundertprozentige Kontrolle behalten. „Unsere Geldgeber sind nicht auf Rendite aus. Sie wollen dabei helfen, etwas zu realisieren.“

          Kickstarter unterscheidet sich damit vom sogenannten „Crowdinvesting“, einer Variation des „Crowdfunding“, bei der Förderer zum Beispiel einen Anteil an einem Projekt bekommen. Tabu sind bei Kickstarter im Gegensatz zu manch anderen Plattformen auch Aufrufe zum Spenden, etwa für wohltätige Zwecke. Was einige Nutzer nicht davon abhält, es trotzdem zu versuchen, wie Strickler sagt: „Bei uns kommen regelmäßig Sachen wie ‚Bitte bezahlt meine Rechnungen‘ rein.“ So etwas übersteht den internen Genehmigungsprozess von Kickstarter nicht, ebenso wenig wie Projekte, die Pornographie zum Inhalt haben oder Alkohol als Belohnung versprechen.

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