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Softwarefehler : Computerpanne kostet Fonds viele Millionen Dollar

  • -Aktualisiert am

An der New Yorker Börse verliert mancher nicht nur Nerven sondern auch viel Geld. Bild: dpa

Hedgefonds klagen in Amerika erfolgreich auf höhere Preise für Übernahmen. Dell ist das jüngste Beispiel.

          In der jüngsten Geschichte der Wall Street sind Millionenverluste nach Computerfehlern nicht gerade selten. Es gab schon Fälle, in denen Softwarefehler von Blitzhändlern zu börsenweiten Kursturbulenzen führten. Der Grund für die 200-Millionen-Dollar-Panne, die die renommierte Fondsgesellschaft T. Rowe Price aus Baltimore jetzt verkraften muss, dürfte aber zu den ungewöhnlicheren Vorgängen gehören. Es ging dabei nicht um millisekundenschnellen Wertpapierhandel, sondern um einen banalen, administrativen Vorgang: die Abstimmung von Aktionären bei der geplanten Übernahme eines Unternehmens.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          T. Rowe Price hielt vor einigen Jahren in mehreren Fonds Aktien des Computerherstellers Dell. Als Gründer Michael Dell das texanische Unternehmen 2013 gemeinsam mit der Beteiligungsgesellschaft Silver Lake Partners für knapp 25 Milliarden Dollar von der Börse nahm, kritisierten T. Rowe Price und einige andere Großaktionäre, darunter der Finanzier Carl Icahn, den Preis als zu niedrig. Im Vorfeld des Aktionärsvotums machten sie öffentlich Druck gegen die Transaktion. Es half nur wenig.

          Dell und Silver Lake besserten den Preis nur ein wenig nach, und die Mehrheit der Aktionäre stimmte im September 2013 für die Übernahme des zuvor an der Börse unter Druck geratenen Konzerns. In Amerika gibt es in solchen Konfliktfällen die Möglichkeit, im Bundesstaat Delaware vor ein spezielles Wirtschaftsgericht zu ziehen und den „fairen Wert“ eines Konzern in Form eines richterlichen Schätzgutachtens (Appraisal) feststellen zu lassen. Carl Icahn, der diese Option erwogen hatte, winkte ab und verkaufte seine Dell-Aktien. T. Rowe Price, der Hedgefonds Magnetar und andere Investoren ließen aber nicht locker und wählten den juristischen Weg.

          In der vergangenen Woche bekamen die kritischen Aktionäre recht: Richter Travis Laster vom Delaware Court of Chancery befand, dass Dell zum Zeitpunkt der Übernahme 6 Milliarden Dollar mehr wert gewesen war. T. Rowe Price, dem größten Aktionär unter den Klägern, hätte damit ein Nachschlag von fast 200 Millionen Dollar gewinkt. Voraussetzung dafür war aber, dass T. Rowe Price bei der Abstimmung über die Übernahme mit Nein votiert hätte. Das war eigentlich geplant, aber der Fondsriese stimmte aufgrund einer administrativen Unachtsamkeit nicht gegen, sondern für die Transaktion.

          Ein Computerprogramm hatte automatisch mit Ja gestimmt

          Ein Computerprogramm hatte automatisch mit Ja gestimmt. Aufgefallen war das erst Monate später, als ein Analyst, der offizielle Meldungen über Abstimmungen untersuchte, die Manager der Fondsgesellschaft danach fragte. Damit verwirkte T. Rowe Price das Recht auf eine Nachzahlung. Die Gesellschaft wird Anteilseigner ihrer Fonds nun entschädigen und für das zweite Quartal einen Sonderaufwand von 194 Millionen Dollar buchen. William Stromberg, der Vorstandsvorsitzende von T. Rowe Price, sah sich gezwungen, die eigenen Aktionäre zu beruhigen. „Die Finanzkraft des Unternehmens ist felsenfest, und wir werden diese Zahlungen aus verfügbaren Barmitteln leisten“, sagte Stromberg.

          Für Michael Dell und Silver Lake fällt der gerichtlich georderte Nachschlag recht gering aus. Da nur Investoren in Frage kommen, die geklagt und vor fast drei Jahren gegen die Übernahme gestimmt hatten, muss Dell keine 6 Milliarden, sondern nur rund 36 Millionen Dollar nachzahlen. Der größte Gewinner ist der Hedgefonds Magnetar Capital, der 25 Millionen Dollar erhält.

          Für Magnetar war die Klage im Gegensatz zu langfristig orientierten Anlegern wie T. Rowe Price kein Protest gegen eine überraschende Übernahme und einen als zu niedrig erachteten Kaufpreis. Es handelt sich vielmehr um eine gezielte Anlagestrategie, die an der Wall Street als „Appraisal Arbitrage“ bekannt ist. Unter Arbitrage versteht man das Ausnutzen von Preisunterschieden auf unterschiedlichen Märkten. Magnetar kaufte die Dell-Aktien nämlich erst, nachdem die Übernahme bereits angekündigt war. Die Klage war Kern der Anlagestrategie. Für professionelle Kläger zahlt sich das juristische Gutachterverfahren nämlich auch aus, wenn es nicht zu einem Nachschlag kommen sollte. Die Kläger müssen zwar auf die Auszahlung des Geldes für ihre Aktien warten, bis eine Entscheidung gefallen ist. Für die Laufzeit des Verfahrens erhalten sie aber Zinsen, 5 Prozentpunkte mehr als der jeweils geltende Diskontsatz der Notenbank.

          In der aktuellen Niedrigzinsphase ist das keine schlechte Rendite. Kritiker der Appraisal-Verfahren halten das für einen zu großen finanziellen Anreiz, vor Gericht zu ziehen. In der Tat haben Arbitrage-Geschäfte mit Schätzgutachten unter Hedgefonds an Popularität gewonnen. Im vergangenen Jahr wurden in Delaware 54 solcher Klagen eingereicht, mehr als fünfmal so viele wie noch im Jahr 2010. Allein Magnetar hat zwischen 2010 und 2014 bei fünf Fusionen einen Antrag auf Appraisal gestellt. Vor einem Jahr gehörte Magnetar zu den Hedgefonds, die sich einen 127-Millionen-Dollar-Nachschlag der Supermarktkette Safeway teilten. Konkurrent Albertson’s hatte Safeway übernommen - und hätte nach Ansicht eines Richters 26 Prozent mehr zahlen müssen.

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