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Computer drücken den Dax : Am Anfang steht der Mensch

Rasch abwärts Bild: Corbis

Innerhalb von Minuten fiel der Dax am Mittwoch drastisch. Und wieder wurde handelnden Computern die Schuld gegeben. Doch am Anfang steht immer der Mensch.

          4 Min.

          Nach nicht einmal einer Viertelstunde war alles vorüber. Aber diese wenigen Minuten um kurz vor zehn Uhr am vergangenen Mittwochmorgen reichten aus, um selbst hartgesottene Börsenhändler in Unruhe zu versetzen.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hatte der Dax um 9.35 Uhr noch leicht im Plus gelegen, sah die Welt nur Minuten später völlig anders aus: Rund 2,2 Prozent hatte das deutsche Börsenbarometer da innerhalb dieser kurzen Zeitspanne verloren, war von 7700 Punkten auf 7514 Punkte gefallen - ein Desaster. Völlig unerwartet, quasi aus heiterem Himmel, stürzte der Dax so auf den bis dahin tiefsten Stand des Jahres. Und mit einem Mal war die Angst zurück in Frankfurt.

          Nur China, sonst nichts

          Was ist da los? Kam der Absturz tatsächlich aus heiterem Himmel? Oder war der Rückgang vielmehr das, was die Experten als Korrektur bezeichnen? Also eine Art heilsamer Schrecken, der die Börsianer daran erinnert, dass sich die Kurse eben nicht immer nur in eine Richtung bewegen? Bis zum Wochenende jedenfalls erholte sich der Dax nicht mehr von dem Mittwochs-Schock - dabei hatte zu Handelsbeginn überhaupt nichts darauf hingedeutet, dass dieser Tag ein außergewöhnlicher Börsentag werden würde. Im Gegenteil: Alles sah nach Langeweile aus. Ein paar Nachrichten über minimal veränderte Wachstumsaussichten in China liefen über den Ticker - das war dann aber auch schon alles.

          Damit scheidet der wohl häufigste Grund für einen Kursrutsch in diesem Fall als Ursache aus. Denn besonders stark bewegen den Markt wichtige Geschehnisse wie neue Entwicklungen in der Euro-Krise, unerwartete Unternehmenszahlen oder gar Extremereignisse wie die Lehman-Pleite. Aber am Mittwoch war da nur China, sonst nichts.

          Kein Wurstfinger

          Auch das, was die Branche seit einem Vorfall aus dem Mai 2010 als sogenannten „Fat Finger“ bezeichnet, kann nicht der Grund für den Absturz gewesen sein. Damals gingen die Kurse an der Wall Street ebenfalls innerhalb von Minuten drastisch zurück, eine Vermutung lautete: Ein Händler habe sich bei der Eingabe einer großen Order vertippt und so den Rückgang ausgelöst. Denn wenige Minuten später erholten sich die Kurse schon wieder - wahrscheinlich hatte der Händler da sein Versehen korrigiert. Eine solche Gegenbewegung blieb aber am vergangenen Mittwoch aus, Wurstfinger waren also nicht am Werk.

          Was aber war es dann? Christian Kahler, Leiter der Aktienmarktstrategie bei der DZ Bank, antwortet mit einer Zahl: 40.000. Auf diese Höhe war zu Beginn des Absturzes die Menge der gehandelten Terminkontrakte auf den Dax nach oben geschnellt. Vereinfacht gesagt wetten Profianleger mit solchen Papieren auf die zukünftige Kursentwicklung eines Börsenbarometers. „Üblicherweise werden in einem Zeitraum von fünf Minuten rund 300 Kontrakte gehandelt, nicht 40.000“, sagt Kahler. „Das ist ein heftiger Ausreißer.“ Einen solchen Anstieg des Handelsvolumens innerhalb kürzester Zeit kann nach Ansicht der meisten Experten nur eine bestimmte Gruppe von Marktteilnehmern bewirken - sogenannte Algotrader, die mit Hilfe von automatisierten Computerhandelssystemen ins Börsengeschehen eingreifen.

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