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Ende des Parketthandels : Die letzten Mohikaner der Börse

  • Aktualisiert am

Bald ist der Computer alleine hier. Bild: dpa

Die älteste und weltgrößte Terminbörse in Chicago schafft den Parketthandel ab. Damit endet eine so langjährige wie originelle Tradition. Der Fortschritt macht das Gedränge und Gebrüll der Händler überflüssig.

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          Die vorderste Front des Finanzkapitalismus ist nichts für schwache Nerven: Das Gebrüll auf dem Börsenparkett ist so laut, dass viele Händler Handzeichen benutzen, um sich zu verständigen. Geraten die Zocker an der Chicagoer Terminbörse in Wallung, so wird der Parketthandel zum ungeschminkten Gesicht der Kasino-Finanzwelt in ihrer ruppigsten Form. Schweiß, Hektik, ohrenbetäubender Lärm, Nervenkitzel - ein Alltag zwischen Jackpot und Totalverlust. So geht es dort seit über 160 Jahren zu. Doch am 2. Juli ist Schluss.

          Dann stellt die Börsenbetreiberin CME Group den physischen Futures-Handel in Chicago und auch in New York nahezu komplett ein. Futures sind Wetten auf die Kursentwicklung von Rohstoffen oder Wertpapieren, die der Spekulation oder der Absicherung gegen Preisrisiken dienen. Der elektronische Handel dominiert längst das Geschehen und lässt die Auftragseingabe per Zuruf und Zettel wie aus der Zeit gefallene Folklore erscheinen. Weniger als ein Prozent steuert der Parketthandel der CME zufolge nur noch zum Marktvolumen bei.

          Das bunte Treiben an Chicagos Börse geht zu Ende. Bilderstrecke

          Damit geht auch eine lange und originelle Tradition zuende. „Es ist kein normaler Job“, sagt Händler Rob Prosniewski im Dokumentarfilm „Floored“, der tiefe Einblicke in die Szene bietet. Im „Pit“, so heißen die achteckigen Handelsplattformen, wird das hochriskante Geldgeschäft mit körperlicher Verausgabung kombiniert. Der Aufregungsfaktor ist hoch. „Alleine der Adrenalinschub - es ist Wahnsinn“, sagt Prosniewski. Kollegen sprechen von physischer Schwerstarbeit. Ellbogengesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes.

          Der Parketthandel sei „die letzte Bastion des puren Kapitalismus“, befand Schauspieler Dan Aykroyd in der Komödie „Die Glücksritter“. Das war 1983. Heute herrscht an den Börsen eine ganz andere Gangart: automatisierter Turbo-Handel, der Investmentbanken und Hedgefonds mit hochgerüsteten Computern um Sekundenbruchteile kämpfen lässt. Gegen die Macht der Maschinen wirkt das chaotische Gedränge im Pit fast schon wieder harmlos. Auf jeden Fall menschlich. Die Emotionen in den Gesichtern der Händler - Gier, Angst, Panik, Glück - zeigen die Lage an den Märkten auf andere Weise als Charts und Zahlen.

          Der ehemalige Parketthändler Ryan Carlson blickt nostalgisch zurück: „Niemand in der Finanzindustrie hatte mehr Spaß - im Pit gab es keine Benimmregeln“, heißt es in einer Art Nachruf in der „Financial Times“. Wie bizarr es in der Subkultur mitunter zuging, offenbart Carlson auch und zwar an der Zeichensprache der Händler, mit den sie ihre Deals sichtbar machen. So sei beispielsweise der horizontale Zeigefinger als Symbol für den Hitlerbart der inoffizielle Code für Aufträge gewesen, die die deutschen Großbanken betreffen.

          Der Parketthandel war eine Finanzwelt für sich - hier konnten auch Menschen aus sozial schwächeren Verhältnissen rasch Fuß fassen. Ein Portal der „Arbeiterklasse“ werde geschlossen, kommentierte die „New York Times“. „Es gibt viele Leute ohne Ausbildung hier, aber das macht nichts“, meint Händler Prosniewski. Viele seiner Kollegen haben ihre Jobs aber schon verloren. Zum Vergleich: 1997 stemmten in Chicago zeitweise etwa 10 000 Finanzprofis den Handel auf dem Parkett. Mittlerweile ist die Zahl auf weniger als 500 gesunken.

          Für die meisten von diesen letzten Verbliebenen ist nun auch Schluss. Die wilde Horde mit den farbigen Jacken dankt ab. Der Parketthandel bleibt nur in wenigen Nischen erhalten - und als Fotomotiv. Für Reporter sind die Handelssäle mit ihren Protagonisten eine schöne Kulisse in der spröden Finanzwelt. An der Frankfurter Börse ist das längst ein gewohntes Bild: „Das Parkett ist vor allem für die Kameras, damit sich (Börsenexperte) Robert Halver und Co. artgerecht positionieren können“, sagt ein Branchenkenner.

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