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Chemiekonzern Evonik : Ein Börsengang für die Ewigkeit

Leuchtend Lila - die Evonik-Zentrale in Essen Bild: dpa

Die Politik hat den Chemiekonzern Evonik gebastelt. Ausgerechnet jetzt soll die Firma an die Börse. Wenn das mal gutgeht.

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          In der Essener Konzernzentrale der Chemiefirma Evonik herrscht emsige Geschäftigkeit - schließlich könnte das wichtigste Ereignis in der Unternehmengeschichte bevorstehen: der Börsengang. Nicht nur für die Firma selbst wäre das eine einschneidende Veränderung. Es könnte für Deutschland der größte Börsengang seit der Deutschen Post vor zwölf Jahren werden. Dem 33.000-Mann-Unternehmen wird sogar zugetraut, im Dax das Erbe des Metro-Konzerns anzutreten.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Was ist das für ein Unternehmen, das sich da anschickt, in die Spitzengruppe der deutschen Börsenelite aufzurücken? Wird seine Aktie für Privatanleger interessant? Und wie sicher ist es, dass aus der ganzen Sache etwas wird?

          Entstanden durch einen politischen Vorgang

          Um das zu beurteilen, muss man sich mit den Besonderheiten dieses Unternehmens auseinandersetzen. Evonik ist heute ein großer Anbieter von Spezialchemie. Das Unternehmen liefert nicht die schlichten Grundstoffe der chemischen Industrie, sondern hat sich auf hochwertige High-Tech-Materialien spezialisiert. Dazu gehören Aminosäuren für die Produktion von Tierfutter, die Mäntel für Tabletten, das Material, aus dem Windräder hergestellt werden, und sogenannte Superabsorber für Babywindeln, die das 500-Fache des eigenen Gewichts an Feuchtigkeit aufnehmen können.

          Entstanden ist das ganze Unternehmen durch einen politischen Vorgang - und das bestimmt die Besonderheiten dieses Börsengangs. Hinter Evonik steht die Geschichte des deutschen Steinkohlebergbaus - obwohl das Unternehmen selbst ja etwas anderes macht.

          Die Politik in Deutschland stand seit den Tagen der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger in den 60er Jahren vor der Frage, wie sie mit den Zechen im Ruhrgebiet umgehen will. Deutsche Steinkohle ist schlicht zu teuer. Einem Förderpreis in Deutschland von 160 Euro je Tonne stand zeitweise ein Weltmarktpreis von 85 Euro je Tonne gegenüber. Deshalb wird die Kohle subventioniert. Zugleich wird die Zahl der Zechen heruntergefahren. Die letzte soll - Stand heute - Ende 2018 geschlossen werden.

          Doch auch wenn die letzte Grube aufgegeben ist, muss dort auf nicht absehbare Zeit Wasser abgepumpt werden. Außerdem muss das Grundwasser gereinigt werden. Und nicht zuletzt sind sogenannte Dauerbergschäden entstanden, die noch lange Kosten verursachen.

          All diese sogenannten „Ewigkeitslasten“ des Bergbaus soll eine Institution abdecken, die RAG-Stiftung heißt. Sie wurde 2007 gegründet und ist Eigentümerin des RAG-Konzerns (früher: Ruhrkohle AG). Zu diesem Konzern gehören nicht nur alle verbliebenen Steinkohlezechen in Deutschland: drei im Ruhrgebiet, eine in Ibbenbüren bei Osnabrück und eine im Saarland. Der Konzern hielt auch eine Beteiligung an der Ruhrgas AG, einem Energieversorger, der einst von Ruhrgebietszechen gegründet wurde und zum größten Erdgasimporteur Deutschlands aufstieg.

          Den Rest trägt der Steuerzahler

          Dieses wertvolle Pfand tauschte die RAG im Jahr 2002 beim Energieversorger Eon gegen ein anderes Unternehmen ein: die Degussa, eines der größten deutschen Chemieunternehmen. Aus Degussa und den „weißen“ Teilen der Ruhrkohle AG (alles außer Steinkohleabbau) wurde unter der Regie des früheren Wirtschaftsministers Werner Müller ein neues Unternehmen geschmiedet. Man gab ihm den Namen „Evonik“ - von lateinisch „Evo“ (“Stamm“ oder „Keim“) und „evolvere“ (“sich entwickeln“).

          Seither ist die Kohle-Stiftung damit beschäftigt, Evonik als Unternehmen weiterzuentwickeln - um dann Anteile zu verkaufen. So soll ein Kapitalstock aufgebaut werden, aus dessen Zinsen möglichst viel von den „Ewigkeitslasten“ bestritten werden kann. Den Rest wird die öffentliche Hand tragen müssen - also der Steuerzahler.

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