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Chemie : RAG-Angebot an Degussa-Aktionäre ist fair

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Degussa fertigt auch Folien für Flachbildschirme Bild: Degussa

Lange schon wurde über die Zukunft der Degussa spekuliert. Der Essener RAG-Konzern will den weltgrößten Spezialchemiekonzerns nun vollständig übernehmen. Das Angebot kann als fair bewertet werden.

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          Lange schon wurde über die Zukunft des Düsseldorfer Chemie-Unternehmens Degussa spekuliert. Vom Verkauf war die Rede, von der Zerschlagung - weniger auf der Rechnung hatten Anleger eine andere Lösung, die sich am Montag abend nach Börsenschluß als Tatsache herausstellte:

          Der Essener RAG-Konzern will den weltgrößten Spezialchemiekonzerns vollständig übernehmen. Bereits jetzt hält die RAG mit 50,1 Prozent die Mehrheit am Unternehmen. Und wenn die RAG vollständig übernehmen sagt, meint sie das auch. 2,8 Milliarden Euro will man dem Energiekonzern Eon für die von ihm gehaltenen Anteile von 42,86 Prozent bezahlen.

          Das angekündigte Ende einer Börsennotierung

          Damit nicht genug. Auch die Börsennotierung soll nach dem Willen des Essener Konzerns ein Ende finden. Mit gerade einmal 7,04 Prozent der Anteile, also rund 1,44 Millionen Stück im Freefloat zählte die Aktie ohnehin nicht gerade zu den liquidesten Werten im MDax. Damit ginge eine Börsengeschichte zu Ende, die in ihren Ursprüngen bis 1911 zurückreicht.

          Lager- und Dosierstation zur Behandlung von Ballastwasser
          Lager- und Dosierstation zur Behandlung von Ballastwasser : Bild: Degussa

          Den freien Aktionären will die RAG 42 Euro je Aktie und damit einen Aufschlag von knapp neun Prozent über dem gestrigen Schlußkurs zahlen. Dabei zeigt sich die RAG wild entschlossen, die vollständige Übernahme durchzuziehen. Wer seine Papiere nicht freiwillig herausrückt, der soll mit einem Squeeze-Out abgefunden werden.

          Die Wirksamkeit des Erwerbsangebots und der noch abzuschließenden Verträge mit Eon steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Bundes und des Landes Nordrhein-Westfalen, wie RAG und Eon mitteilten. Abschließen will die RAG die Übernahme bis Juli 2006.

          Angebot erscheint fair

          „Mit der geplanten vollständigen Übernahme der Degussa AG schaffen wir das Fundament für die erfolgreiche Zukunft des RAG-Konzerns. Sie ist ein Meilenstein auf dem Weg an die Börse“, sagte der RAG-Vorstandsvorsitzende und frühere Bundeswirtschaftsminister, Werner Müller.

          Das Angebot von 42 Euro erscheint angesichts der Kursentwicklung der Degussa-Aktie als durchaus angemessen und fair. Höhere Kurse hatte das Papier zuletzt im Juli 1999 gesehen und oberhalb des Niveaus überhaupt nur zwischen Mai 1997 und Juli 1999 notiert.

          Die Frage, die sich Degussa-Aktionäre und Spekulanten stelllen, ist natürlich, ob sich die RAG die Übernahme nicht gegebenenfalls noch mehr kosten läßt. Denn häufig hat sich bei ähnlichen Ansinnen gezeigt, daß das erste Angebot nicht das letzte blieb. Für die Aktionäre spricht, daß die RAG den Squeeze-Out nur dann durchführen kann, wenn zumindest 2,05 Prozent des Streubesitzes das freiwillige Angebot annehmen. Das wären rund 420.000 Aktien, die die RAG einsammeln müßte.

          Spekulieren auf Mehr erscheint gewagt

          Wer darauf spekuliert, daß dies nicht gelingt, dürfte angesichts des angemessenen Preises von 42 Euro aber schlecht beraten sein. Denn nicht jeder Investor hat die Risikofreudigkeit, mit ungewissem Ausgang den Prozeß auszusitzen.

          Möglich ist auch, angesichts der bisherigen Erfahrungen mit Squeeze-Outs auf eine höhere Abfindung im Rahmen eines Vergleichsverfahrens zu spekulieren. Aber auch hier ist der Ausgang ungewiß. Denn 42 Euro bewerten das Unternehmen immerhin mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 19 auf Basis der Gewinnschätzungen für das kommende Jahr, nachdem Degussa 2005 ohnehin mit einem deutlichen Verlust abschließen wird. Auch bei einem für 2004 geschätzten Buchwert je Aktie von 23 Euro sind 42 Euro nicht wenig.

          Es wäre auch blauäugig, anzunehmen, daß die RAG in den Squeeze-Out mit einem Angebot von 42 Euro geht, wenn mit Widerstand der Aktionäre zu rechnen ist. Das Angebot wird viel eher niedriger als höher liegen. Die Rechnung ist einfach: Auf 42 Euro kann man sich dann immer noch einigen und wenn man im Schiedsverfahren obsiegt, wird es sogar noch billiger. Wer also nicht gerade sehr spekulativ veranlagt und streitlustig ist und seinen Nerven einen Gefallen tun will, sollte das Angebot annehmen. Selbst wenn er seit den Neunzigern Verluste aussitzt. Denn diese zu realisieren, wäre vielleicht schon vorher angezeigt gewesen.

          Interessante Dividendenrendite für Eon

          Interessant wird unter den gegebenen Umständen so nebenbei die Eon-Aktie. Denn der Verkaufserlös der Degussa-Anteile könnte als Sonderdividende schon im Mai ausgeschüttet werden. „Wir haben unseren Aktionären im Frühjahr versprochen, ihnen den Gegenwert der Degussa-Beteiligung zukommen zu lassen. Damit eröffnet sich die Chance - je nach Fortschritt der Verhandlungen - bereits der Hauptversammlung im Mai nächsten Jahres die Ausschüttung einer Sonderdividende ... vorzuschlagen.“, sagt Eon-Chef Wulf Bernotat. Dies würde der Eon-Aktie im kommenden Jahr eine Dividendenrendite von acht Prozent verleihen.

          Indes könnte der Kurs ein wenig darunter leiden, daß der Preis je Aktie nur 31,50 Euro betrug. „Bernotat hat einen zu großen Abschlag akzeptiert“, sagt Fondsmanager Markus Ilg von der WestLB. „Die Anleger werden zumindest etwas enttäuscht sein“. Vorbörslich zeigt sich die Eon-Aktie weder in der einen noch der anderen Hinsicht beeindruckt.

          Degussa schon, die bei Lang & Schwarz rund acht Prozent höher mit 41,80 zu 42,20 Euro gehandelt werden. Dies zeigt auch, daß offenbar wenig Spekulation auf ein höheres Angebot im Markt ist.

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