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Charttechnik : Renditen auf Gipfelsturm, Aktien auf Talfahrt

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Welche Signale geben die Charts? Bild:

Die Ereignisse der vergangenen Woche führten zu kurzfristigem technischen Schaden im Chart des S&P-500. Eine weitere Talfahrt des Index' ist möglich, dürfte sich jedoch in Grenzen halten.

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          Zum ersten Mal seit Ende Februar erhielten Aktien einen Dämpfer, nachdem die Renditen der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen auf über fünf Prozent - und damit auf ihren höchsten Stand seit Juli 2006 - kletterten. Dem S&P-500 schien nach Erklimmen eines Allzeithochs die dünne Luft über 1527,46 Punkten nicht zu behagen; der Index fiel binnen drei Tagen so stark wie zuletzt Ende Februar.

          Im Chart des S&P-500 konnten wir einen kurzfristigen technischen Schaden beobachten, nachdem die Rückkehrbewegung gegen Ende vergangener Woche an Dynamik gewann. Der S&P-500 sank unter die von den Tiefs vom 1. Mai abgeleitete Trendlinienunterstützung und sackte zudem erstmals seit Ende Februar unter seinen exponentiell gleitenden 20-Tage-Durchschnitt.

          Bärischen Entwicklung auf dem Anleihemarkt ...

          Am 7. Juni schloss der Index genau auf seinem exponentiell gleitenden 50-Tage-Durchschnitt, prallte an dieser wichtigen Unterstützung bislang jedoch stets wieder nach oben ab. Der einfache 50-Tage-Durchschnitt kommt in der Nähe des vom Index am 8. Juni markierten Tagestiefs bei 1488 Punkten ins Spiel. Zusätzliche Unterstützung könnte vom exponentiell gleitenden 65-Tage-Durchschnitt bei 1482 Zählern kommen.

          Nach Unterschreiten der Schwelle von 1.499 Punkten hat der S&P-500 bereits wieder mehr als 23,6 Prozent der während seiner seit März andauernden Rally erzielten Gewinne abgegeben. Das nächste Fibonacci-Retracement von 38,2 Prozent liegt bei 1.473 Zählern, ein Bereich, in dem jedoch nur wenige weitere Unterstützungen vorhanden sind. Bei Verwendung von Fibonacci-Retracements sehen wir gerne weitere technische Unterstützungen unweit der Fibonacci-Ziele, denn je mehr Unterstützungen in einer bestimmten Zone auftreten, desto wahrscheinlicher ist es nach unserer Ansicht, dass der Markt dort seinen tiefsten Stand erreicht.

          Angesichts der bärischen Entwicklung auf dem Anleihemarkt gehen wir davon aus, dass Aktien noch weiteres Abwärtspotential besitzen, allerdings nicht übermäßig viel. Im Gebiet zwischen 1450 und 1460 Punkten sind zahlreiche Unterstützungen angesiedelt, weshalb wir damit rechnen, dass hier die Talsohle erreicht sein dürfte. Eine Abwärtsbewegung in den Bereich um 1460 Zählern entspricht einem fünfprozentigen Rückgang von den jüngsten Hochs bei 1540 Punkten. Das Februarhoch ruht bei 1460 Zählern und stellt nach unserer Ansicht eine starke Chartunterstützung dar. Der einfache 80-Tage-Durchschnitt kommt bei 1462 Punkten als potentielle Unterstützung ins Spiel. Das 50-Prozent-Retracement der Rally liegt bei 1452 Zählern, und für Juni sind starke Niveaus offener Put-Positionen bei 1450 Punkten vorhanden - beides gute Unterstützungen während eines langfristigen Aufwärtstrends.

          Sollte sich diese Rückkehrbewegung bis Ende Juni oder Anfang Juli fortsetzen, tritt zudem eine äußerst wichtige Trendlinie im Bereich um 1450 Punkten auf den Plan, die von den Schlusstiefs seit Juli 2006 abgeleitet ist. Es ist also unschwer zu erkennen, dass die Zone zwischen 1450 und 1460 Punkten vor technischen Unterstützungen nur so strotzt.

          Auf sehr kurzfristiger Basis ist der Markt ziemlich überverkauft, sodass eine ein oder zwei Tage anhaltende Gegentrend-Rally einsetzen könnte. Der 3-Tage-RSI (Relative-Stärke-Index) fiel am 1. Juni mit 8 auf den niedrigsten Wert seit Anfang März. Der 6-Tage-RSI ist auf 23 gesunken und markiert damit ebenfalls den niedrigsten Wert seit Märzanfang. Um jedoch auf mittelfristiger Basis zu einer überverkauften Marktsituation zu gelangen, müsste der 14-Tage-RSI von gegenwärtig 41 auf unter 30 fallen. Ist der 14-Tage-RSI in einem Haussemarkt überverkauft, dient er dem Markt häufig als Sprungbrett für den Vorstoß auf neue Hochs.

          Die internen Daten der NYSE enthalten ebenfalls Zeichen einer extrem überverkauften Situation, die darauf hindeuten, dass bereits einige kapitulationsähnliche Verkäufe erfolgt sein dürften. Das Verhältnis zwischen dem Volumen fallender Aktien und dem Volumen steigender Aktien an der NYSE erreichte am 7. Juni mit 17,3 den höchsten Wert seit den während des Mini-Crashs im Februar gemessenen 100,6. Das Verhältnis zwischen sinkenden und steigenden Kursen am 7. Juni war das zweithöchste seit März 2003. Außerdem stieg das Verhältnis zwischen Kursverlieren und Kursgewinnern an der NYSE auf 11 - der höchste Wert seit Mai 2004 und der zweithöchste seit der Mini-Krise im Oktober 1997.

          Divergenz zwischen den Aktivitäten des „Smart Money“ und der Kleinanleger

          In den von uns beobachteten Sentiment-Indikatoren sind die Anteile der Bullen und Bären weiterhin gut gemischt. Auf der negativen Seite sehen wir noch immer hohe Niveaus der OEX-Put/Call-Ratios, während die Niveaus der rein auf Aktienoptionen bezogenen Put/Call-Ratios relativ niedrig sind. Diese Divergenz zwischen den Aktivitäten der professionellen Großinvestoren („Smart Money“) und jenen der Kleinanleger muss sich wahrscheinlich noch auflösen, bevor ein festes Markttief eintritt. Die Umfragen zur Marktstimmung, in denen die Aktivitäten professioneller Investoren gemessen werden, liefern noch immer hohe Optimismuswerte. Wir wetten zwar bevorzugt auf das „Smart Money“, sähen es jedoch auch gerne, wenn der Anteil der Bullen in diesen Umfragen geringer ausfiele.

          Auf der positiven Seite zeigt die Anlegerumfrage der Association of Individual Investors (AAII) eine nach wie vor stark ausgeprägte Skepsis seitens der Kleinanleger. Das Short-Interest-Ratio der NYSE befindet sich unterdessen in der Nähe von Rekordhöhen. Außerdem fiel der ISE-Sentimentindex (ISEE) unlängst auf 74, dem niedrigsten und am stärksten überverkauften Wert seit der letzten Talsohle des Marktes im März.

          Die Anleiherenditen brachen vergangene Woche gewaltig aus; die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen sprang um 16 Basispunkte auf 5,12 Prozent, dem höchsten Wert dieser Papiere seit Juli 2006. Seit dem 11. Mai zogen die Renditen in nur 19 Handelstagen um 45 Basispunkte an. Dies ist der größte in 19 Tagen erzielte Anstieg seit März 2005.

          Die Renditen haben eine relativ breite inverse Kopf-Schulter-Formation vollendet, was in unseren Augen darauf hindeutet, dass der mittelfristige Trend nun solide aufwärts zeigt. Die nächste wichtige Chart-Unterstützung befindet sich bei 5,25 Prozent, dem Höchststand des vergangenen Sommers. Sobald die Renditen in diesen Bereich vorstoßen, werden sie nach unserer Einschätzung in einer Gegentrendbewegung nach unten drehen. Das Sentiment entwickelt sich ziemlich bärisch; der Markt ist hinsichtlich der Renditen stark überkauft und hinsichtlich der Kurse überverkauft.

          Auf sehr lange Sicht scheint der große Haussemarkt für Anleihen jedoch vorüber zu sein. Die Renditen brachen in dieser Woche aus einem sehr begrenzten Abwärtskanal aus, was als aufschlussreiche Entwicklung zu werten ist. Dieser Kanal geht bis ins Jahr 1987 zurück, weshalb wir der Meinung sind, dass sich das Ende des 1981 begonnenen Haussemarktes für Anleihen abzeichnet.

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