https://www.faz.net/-gv6-tmgt

Charttechnik : Dax geht ohne Vorwarnung in die Knie

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Der 27. Februar 2007 war für den Deutschen Aktienindex Dax das erste Mal, dass er ansatzlos in die Knie gegangen ist, eine Kehrtwende aus dem absoluten Nichts. Der mittelfristige Aufwärtstrend ist gebrochen, jedoch die Panik fehlt.

          3 Min.

          Der erste Kuss, der erste Schultag oder die erste Kommunion sind immer etwas Besonderes. Mit einer gewissen Spannung wird diesen Ereignissen entgegengefiebert. Meistens ist danach aber festzustellen, dass es sich doch ein wenig anders anfühlt, als man sich das zuvor vorgestellt hatte.

          Der 27. Februar 2007 war für den Deutschen Aktienindex Dax das erste Mal, dass er entsprechend unserer Unterlagen ansatzlos in die Knie gegangen ist. Niemals zuvor hatte er ohne irgendein Vorwarnsignal unserer kurzfristigen Indikatoren seinen Aufwärtstrend verlassen. Niemals zuvor unterbot er dabei in ein und demselben Rutsch den kurz- und den mittelfristigen Aufwärtstrend gleichzeitig. Niemals zuvor hatte er erst am Vortag einen Meilenstein - die Marke von 7.000 Punkten - überzeugend hinter sich gelassen.

          Kehrtwende aus dem absoluten Nichts

          Je länger dieser Dienstag andauerte, desto sprachloser wurden wir. Wir hatten die große Aktienbaisse nach der Jahrtausendwende erlebt. Da gab es ganz gewiss manche Börsensitzung, die diesem vorletzten Februartag in überhaupt nichts nachstand. Mit den reinen Kursverlusten können sie locker mithalten. Aber diese Kehrtwende aus dem absoluten Nichts, gepaart mit den nachfolgenden dramatischen Kursverlusten - das war etwas ganz und gar Neues. Man kann nun die Konsequenzen bestenfalls erahnen. Was man aus dem vorhandenen Datenmaterial ableiten kann, gibt wenig Anlass zum Jubel. Man muss befürchten, dass dieser Tag mehr war, als es uns der vielzitierte Hinweis auf eine willkommene Konsolidierung glauben machen könnte.

          Der Dax sieht sich momentan mit zwei Kardinalproblemen, aber auch einem Hoffnungsschimmer konfrontiert. Das erste und größte Problem des Kursbarometers der deutschen Standardwerte ist der gebrochene mittelfristige Aufwärtstrend. Immerhin hatte dieser ihn seit der Wiederauferstehung im Mai 2006 begleitet. Auch wenn es an dieser Stelle schon des öfteren zu lesen war: Es gibt kein klareres Signal der technischen Analyse und vor allem auch kein Signal, dessen Missachtung fahrlässiger wäre. In wenigstens 7 von 10 Fällen beschreibt ein Trendbruch einen Vorzeichenwechsel. Aus einem Aufwärtstrend wird eine Konsolidierung, eine Korrektur oder möglicherweise sogar ein waschechter Abwärtstrend. Das ist definitiv festgelegt und hat sich in vielen Schlachten bewährt.

          Aufwärtstrend gebrochen - Panik fehlt

          Das zweite alles andere als überzeugende Signal dieses 27. Februar 2007 ist das völlige Fehlen von echter Angst oder Panik. Zwar schauten die meisten Marktteilnehmer, Kommentatoren und Analysten schon ein wenig betroffen drein, und so manches gerötete Gesicht wies darauf hin, dass der Tag hart an der Spaßgrenze verlaufen und garantiert nicht vergnügungssteuerpflichtig gewesen war. Aber von echter Angst und Panikstimmung - eben genau das, was noch die letzten kleineren Rückschläge wie den Ende November 2006 ausgezeichnet hatte - fand sich weit und breit keine Spur. Das ist ein echtes Problem: Je schneller die Investoren es mit der Angst zu tun bekommen, desto schneller ist das Ungemach vorbei. Und je mehr Zeit sie sich dafür lassen, desto nachhaltiger kann die Wende sein.

          Ein Hoffnungsschimmer sind die Umsätze an diesem Dienstag und dem nachfolgenden Mittwoch. Sie waren ungewöhnlich hoch. Damit könnte ein Ausverkauf (Sell-out), das klassische Ende einer Korrektur oder eines Abwärtstrends, schon in diesen Absturz integriert sein. Möglicherweise wollten zu viele gleichzeitig das Gleiche - nämlich verkaufen - und taten damit das Falsche. Ehrlicherweise muss aber hinzugefügt werden, dass dies momentan mehr Hoffnung denn gesicherte analytische Erkenntnis ist.

          Ist die Party vorerst vorbei?

          Unter dem Strich wird man also - auch wenn es das erste Mal mit all seinen Tücken ist - nicht um die Erkenntnis herumkommen, dass die von diesem Tag ausgehenden Signale nicht gerade verheißungsvoll sind. Schon aus Gründen der Demut, Vorsicht und Disziplin muss davon ausgegangen werden, dass die Party jetzt erst einmal vorbei ist und schwierige Tage vor uns liegen. Solange aber der eingezeichnete langfristige Aufwärtstrend (aktuelles Niveau bei etwa 6100 Punkten) nicht den Weg in die ewigen Jagdgründe antritt, liegen unserer Ansicht nach die absoluten Höchstkurse der Hausse in den nächsten Jahren noch vor uns.

          Wir waren vor drei Wochen bereit, uns Hasenfüße schimpfen zu lassen, weil wir nach dem Erreichen unseres alten Kursziels von 6.830 Punkten auf die Probleme des Dax hinwiesen und nicht willens waren, ein neues zu nennen. Das sind wir auch dieses Mal.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Demonstranten in Lausanne, einige Tage bevor sich die Wirtschafts- und Politikelite in Davos trifft. Nicht nur die Klimapolitik steht im Fokus der Protestler – auch der Kapitalismus.

          „Trust-Barometer“ : Deutsche zweifeln am Kapitalismus

          Nur noch jeder achte Deutsche glaubt, dass er von einer wachsenden Wirtschaft profitiert. Viele blicken pessimistisch in die Zukunft. Mehr als die Hälfte ist der Meinung, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen Form mehr schadet als hilft.
          Die Weichen werden gerade neu gestellt, es geht raus aus der Kohleförderung.

          „Soziale Wendepunkte“ : Wenn der Klimaschutz ansteckend wird

          Irgendwann kippt das gesellschaftliche Klima, dann kann es doch noch klappen mit dem Stopp der Erderwärmung. Eine Illusion? Forscher haben sechs „soziale Wendepunkte“ ausgemacht, die allesamt bereits aktiviert sind – und ein Umsteuern einläuten könnten.

          F.A.Z. Podcast für Deutschland : Die neue deutsche Rolle im Libyen-Konflikt

          Kann es wirklich Frieden geben in Libyen? Der politische Herausgeber Berthold Kohler und Nahost-Korrespondent Christoph Ehrhardt sprechen darüber mit Moderator Andreas Krobok. Außerdem: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales über Fakenews und Sportwissenschaftler Professor Daniel Memmert über immer jüngere Fußballstars.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.