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Schwellenländer : Caracas: Eine Börse von Chávez' Gnaden

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Bild: FAZ.NET

Trotz der gescheiterten Verfassungsreform unterliegt die Wirtschaft von Venezuela der Willkür von Staatschef Hugo Chávez. Entsprechend gering ist das Erholungspotential an der Börse. Die ist ohnehin schon weitgehend in Staatshand.

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          Venezuelas Finanzmärkte haben mit Erleichterung auf das Scheitern der Verfassungsreform-Pläne von Staatspräsident Hugo Chávez reagiert. Der IBC-Aktienindex der Börse von Caracas stieg am Montag um 4,1 Prozent und legte am Dienstag weiter leicht zu, nachdem die Venezolaner in einem Referendum mit 51 Prozent der Stimmen die Regierungsvorschläge für umfassende Verfassungsänderungen abgelehnt hatten. Die Kurse venezolanischer Staatsanleihen legten nach Angaben von J.P. Morgan um durchschnittlich 1,7 Prozent zu.

          Die Verfassungsreform hätte Staatspräsident Chávez die Möglichkeit einer unbegrenzten Wiederwahl eröffnet und dem Staatschef eine fast unbeschränkte Macht über Wirtschaft und Verwaltung verliehen. Marktbeobachter dämpfen jedoch die Hoffnungen auf eine nachhaltige Erholung venezolanischer Finanztitel. "Es wird wohl eine kurzfristige Rally geben, aber ich glaube, Chávez wird versuchen, seine Wirtschaftspläne auf anderem Wege durchzusetzen", sagte Miguel Octavio von BBO Research in Caracas. Tatsächlich gibt sich Chávez kämpferisch: "Ich werde nicht ein Komma der Reform zurücknehmen", versprach er noch in der Nacht der Niederlage.

          Im Parlament sitzen fast nur Anhänger von Chávez

          Der 2006 wiedergewählte Chávez bleibt noch bis 2012 im Amt. Auch ohne Änderung der Verfassung verfügt Chávez über nahezu unbeschränkte Möglichkeiten, tiefgreifende Wirtschaftsreformen durchzusetzen. Im Parlament sitzen nach einem Wahlboykott der Opposition vor zwei Jahren fast nur noch Anhänger von Chávez. Zudem haben die Abgeordneten dem Staatschef Anfang des Jahres gesetzgeberische Sondervollmachten erteilt, die noch neun Monate in Kraft bleiben.

          Auf dieser Basis hatte Chávez im Frühjahr die Telefongesellschaft Compañía Anónima Teléfonos de Venezuela (CANTV) und das Stromversorgungsunternehmen Electricidad de Caracas (EDC) mehrheitlich in Staatsbesitz gebracht. Die noch an der Börse gehandelten Aktien der beiden Unternehmen verloren seither 86 beziehungsweise 76 Prozent ihres Wertes. Auch die Erdölproduktion - Lebensader der venezolanischen Wirtschaft, die 90 Prozent der Exporterlöse und mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen erbringt - ist inzwischen vollständig unter staatlicher Kontrolle.

          Mit der Verstaatlichung der beiden Index-Schwergewichte CANTV und EDC hat Chávez die lokale Aktienbörse weitgehend ausgetrocknet. Die schon zuvor eingeführten Beschränkungen des Devisen- und Kapitalverkehrs tun ein Übriges. Am Montag wurden an der Börse Caracas umgerechnet gerade einmal 400.000 Euro umgesetzt. Einen liquiden Handel gibt es nur für eine Handvoll Unternehmen, die über Hinterlegungsscheine (ADR) auch an der Börse von New York notieren. Insgesamt liegt der IBC-Index trotz der Kurserholung noch um 24 Prozent unter dem Stand vom Jahresbeginn.

          Bolivar verliert am Schwarzmarkt massiv an Wert

          Gleichzeitig hat die Landeswährung Bolívar auf dem Parallelmarkt seit Jahresanfang gegenüber dem Dollar 44 Prozent ihres Wertes verloren. Auf dem Schwarzmarkt wird der Bolívar nur noch zu einem Drittel des offiziellen Kurses gehandelt. Mit einer für Anfang 2008 angesetzten Währungsreform werden drei Nullen gestrichen und die Währung in "Bolívar Fuerte" (starker Bolívar) umbenannt. Dem neuen Namen dürfte die Währung kaum gerecht werden. "Der Bolívar wird unter Druck bleiben und die Inflation weiter steigen", prognostiziert Octavio. Trotz der staatlichen Vorgabe von Höchstpreisen für viele Produkte sind die Preise allein im November um 4,4 Prozent gestiegen. Die Inflationsrate von 20,7 Prozent jährlich ist die höchste in Lateinamerika.

          Zaghafte Maßnahmen der Zentralbank zur Einschränkung der Liquidität könnten den Trend kaum stoppen, befürchtet Alberto Ramos von Goldman Sachs. Die Realzinsen seien weiter negativ. Der starke Anstieg der Staatsausgaben lasse der Geldpolitik kaum Spielraum. Auf Basis der hohen Erdöleinnahmen hat Chávez die Staatsausgaben in drei Jahren vervierfacht. Doch die inländische Güterproduktion hält nicht mit, weil die Privatunternehmen angesichts der unsicheren Rahmenbedingungen kaum investieren.

          Die anhaltende Unsicherheit über den politischen Kurs begrenzt auch das Erholungspotential für venezolanische Staatsanleihen. Für risikofreudige Anleger bieten die Anleihen des zahlungskräftigen Erdöllandes eine attraktive Rendite von 5,4 Prozentpunkten über den Renditen amerikanischer Staatstitel. Die Staatsverschuldung entspricht nur 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "Das Wichtigste ist: Venezuela ist seit hundert Jahren ein guter Schuldner", sagt Germán Garcia-Velutini von der Bank Vencred. "Die Schulden werden bezahlt", ist er sicher. Die amerikanische Bank J.P. Morgan sieht jedoch vorerst keinen Anlass, venezolanische Titel in ihrem Portfolio wieder stärker zu gewichten. Auch der jüngste Rückgang der Rohölpreise dämpfe die Erwartung von größeren Kurssteigerungen.

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