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Revolution der Finanzmärkte : Bundesbank und Börse erforschen neues Handelssystem

Bald alle nur noch Datenblöcke? Der Handel von Wertpapieren könnte sich durch die Blockchain-Technologie grundlegend ändern. Bild: dpa

Gemeinsam haben sie ein Programm entwickelt, über das mit der Blockchain-Technologie gehandelt werden kann. Der Weg in die Praxis ist aber noch weit.

          Bei Nadine Knaust auf dem Bildschirm sieht die Revolution der Finanzmärkte ganz unscheinbar aus. Wie in einem einfachen Computerspiel kann sie eingeben, wie viele Anleihen sie gerne verkaufen möchte und zu welchem Preis. Das System führt den Auftrag aus, in ihrem Konto stehen danach weniger Anleihen und im Gegenzug mehr Geld. Das Revolutionäre an dem Programm, das Knaust am Montag vor Journalisten in der Frankfurter Bundesbankzentrale vorführte, liegt unter der Oberfläche: Das Programm arbeitet mit Hilfe der Blockchain – es ist ein erster Prototyp, mit dem die Bundesbank gemeinsam mit der Deutschen Börse AG mit dieser neuen Technologie experimentieren will.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Viel wird derzeit geredet über die Blockchain. In Fachkreisen wird sie als das nächste große Ding gehandelt, das die Art, Geschäfte zu machen, in einer ähnlichen Form verändern könnte wie die Erfindung des Internets. Sie bietet, vereinfacht gesagt, eine neue Möglichkeit der Datenverarbeitung und -weitergabe. Statt auf einem zentralen Rechner werden die Daten etwa über einen Wertpapierkauf auf sehr vielen Rechnern gleichzeitig verarbeitet und alle bisherigen Vorgänge noch einmal repliziert. So kann jeder angeschlossene Teilnehmer zu jedem Zeitpunkt nachverfolgen, ob alles mit rechten Dingen zugeht, was die Sicherheit erhöhen soll. Die bekannteste Anwendung der Blockchain-Technologie ist bislang die digitale Währung Bitcoin, die nur aus Datensätzen besteht.

          Einzelne Transaktionen dauern bei Prototyp noch zu lange

          Für wie wichtig das Thema in der Finanzwelt gehalten wird, zeigte schon, dass für die Bundesbank ihr für den Zahlungsverkehr zuständiges Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele und für die Deutsche Börse sogar der Vorstandsvorsitzende Carsten Kengeter vor die Journalisten traten, um über die ersten Fortschritte des gemeinsamen Forschungsprojekts zu sprechen. Beide Institutionen haben es vor einigen Monaten angestoßen und bislang nach Thieles Angaben weniger als 500000 Euro dafür investiert. „Mit dem Blockchain-Prototyp wollen die Bundesbank und die Börse gemeinsam herausfinden, ob und wenn ja wie man diese Technologie für Finanztransaktionen nutzen kann“, sagte Thiele. „Die Bundesbank hat das Interesse, mit diesem Prototyp die Blockchain-Technologie in der Praxis besser zu verstehen, um ihr Potential einschätzen zu können.“

          Innerhalb des Prototyps können die Teilnehmer, also zum Beispiel Banken, untereinander Geld (digitale Münzen) tauschen oder mit Anleihen handeln. Für diese Anleihen können die ausgebenden Stellen dann noch bestimmte Aktionen, etwa eine Kuponzahlung, programmieren, die dann zum gewünschten Zeitpunkt ausgelöst werden. Bei der Erstellung des Prototypen haben die Beteiligten im Grunde einen kleinen Teil der bestehenden Welt auf die neue Technologie übertragen.

          Es gibt jeweils eine Art Aufsichtsstelle, die die Ausgabe des Geldes und die Ausgabe der Anleihen überwachen und kontrollieren. Am Ende eines jeden Handelstages sammeln sie alles wieder ein und rechnen die Blockchain-Einheiten in echtes Geld um. Damit unterscheidet sich der Prototyp in entscheidendem Maße etwa von der Digitalwährung Bitcoin. Denn eine der Grundideen der Bitcoin-Freunde ist, dass es keine Zentralbank und andere Steuerungseinheiten gibt – was selbstredend nicht im Interesse der Zentralbanken und Aufsichtsbehörden ist.

          Es geht um Sicherheit und Verlässlichkeit

          Anders als bei den Bitcoins funktionieren die digitalen Münzen des Prototyps auch nur innerhalb des Systems. Deshalb haben sich die Betreiber erst einmal nicht um komplizierte Dinge wie einen Wechselkurs zu echten Währungen gekümmert. Der Prototyp ist ein abgeschlossenes System. Das heißt, mitmachen darf nur, wer sich vorher eindeutig identifiziert und registriert hat. Denn eines war den Betreibern ganz wichtig: Der Handel innerhalb ihres Prototyps soll von vornherein konform mit den relevanten Marktregularien sein. Gewisse Geschäfte dürfen also zum Beispiel nur Banken mit entsprechenden Lizenzen betreiben. „Der Prototyp soll sowohl den Bedürfnissen des Finanzsektors genügen, als auch denen der Regulatoren“, sagte Thiele und grenzte damit das Projekt ab von den unzähligen Vorhaben, mit denen viele Großbanken und kleine Fintechs derzeit die neue Technologie erforschen.

          Thiele und Kengeter betonten, dass der nun entwickelte Prototyp noch weit entfernt davon sei, den traditionellen Handel in der Praxis zu ersetzen. Vor allem dauerten die einzelnen Transaktionen noch viel zu lange im Vergleich zu den heutigen Prozessen, sagte Kengeter.

          Der Prototyp solle eher grundsätzlich klären, ob die Abwicklung von Wertpapiertransaktionen mit der Technologie möglich sei, wie es um die Sicherheit und Verlässlichkeit stehe und welche Kosten bei dieser Form des Handels entstünden. Aussagen dazu zu treffen sei aber noch viel zu früh, sagten Thiele und Kengeter. Er gehe davon aus, dass es noch Jahre dauere, bis die Blockchain in großem Umfang in der Praxis eingesetzt werden könne, sagte Kengeter. „Ob das eine ein- oder eine zweistellige Zahl von Jahren wird, muss sich noch zeigen.“ Sein Konzern erforsche derzeit an fünfzehn verschiedenen Stellen, wie die Blockchain verwendet werden könne.

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