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Nach dem Brexit-Crash : Wie geht es mit Dax-Aktien weiter?

  • Aktualisiert am

Was bedeutet der Brexit für die Dax-Konzerne und deren Aktionäre? Bild: dpa

Der Deutsche Aktienindex erlitt nach dem Brexit-Referendum den größten Kurssturz seit 2008. Nach dem Nein der Briten zur EU sehen viele Anleger fassungslos nach Großbritannien. Wie steht es um Deutschlands Standardwerte?

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          Der Crash an den Börsen in Folge des Brexit-Entscheids hat Experten zufolge weltweit fünf Billionen Dollar an Börsenwert vernichtet. Dies entspreche dem Doppelten der gesamten Wirtschaftsleistung Großbritanniens und 17 Prozent der Wirtschaftsleistung der G7-Staaten im vergangenen Jahr, schrieb Aktienstratege Christian Kahler von der DZ Bank in einem Kurzkommentar.

          Allein im Dax hätte sich eine Marktkapitalisierung von 95 Milliarden Euro in Luft aufgelöst. An dieser Erstbewertung zeige sich, dass die Reaktion der Kapitalmärkte auf das Votum der Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union mit großer Wahrscheinlichkeit deutlich übertrieben sei.

          Der Dax eröffnete den Handel am Freitag nach dem Referendum rund 1000 Punkte unter seinem Schlusskurs vom Donnerstag. Das entsprach einem Minus von 10 Prozent - der größte Kurssturz seit 2008. Auch in Großbritannien, Frankreich, anderen Ländern der Europäischen Union (EU) und in der Schweiz brachen die Leitindizes zu Handelsbeginn massiv ein.

          Analyst Kahler rechnet mit hohen Schwankungen an den Finanzmärkten in den kommenden Tagen und Wochen. Der Dax dürfte wegen seiner hohen Liquidität im Handel überproportional in Mitleidenschaft gezogen werden. Längerfristig sei entscheidend, welche Auswirkungen ein Brexit auf die Entwicklung der Gewinne deutscher Unternehmen habe.

          Deutschlands Topmanager aus dem Dax haben ebenfalls betroffen auf das Votum der Briten für einen EU-Austritt reagiert. Gravierende Folgen für ihre Geschäfte erwarten die meisten allerdings zunächst nicht:

          Die Deutsche Börse und die London Stock Exchange (LSE) verfolgen ihren Fusionsplan weiter. „Wir halten unverändert an den vereinbarten Bedingungen für den Zusammenschluss fest“, erklärten die beiden Unternehmen. Die Börsenbetreiber wollen ein Gemeinschaftsunternehmen mit rechtlichem Sitz in London schmieden. Das operative Geschäft soll wie bisher von den beiden Zentralen in Eschborn bei Frankfurt sowie London gesteuert werden. Der Betriebsrat der Deutschen Börse forderte Frankfurt als Rechtssitz der geplanten Superbörse.

          Die Deutsche Bank sieht sich für mögliche Turbulenzen gut gerüstet. „Sicherlich sind wir als Bank mit Sitz in Deutschland und einem starken Geschäft in Großbritannien gut darauf vorbereitet, die Folgen des Austritts zu mildern“, sagte Konzernchef John Cryan. Die Deutsche Bank ist seit 1873 auf der Insel vertreten und hat dort derzeit gut 8000 Mitarbeiter, vor allem im Investmentbanking. Cryan, der selbst Brite ist, betonte, es schmerze ihn, dass Europa für viele seiner Landsleute „offenbar an Attraktivität verloren“ habe.

          Der Autokonzern BMW erwartet zunächst keine unmittelbaren Auswirkungen auf seine Aktivitäten in Großbritannien. Das Vereinigte Königreich ist für BMW nach China und den Vereinigten Staaten der drittgrößte Auslandsmarkt. Der Konzern verkauft bislang mehr als 10 Prozent seiner Autos in Großbritannien - im vergangenen Jahr waren das 236.000 Fahrzeuge. Außerdem baut BMW in England jährlich mehr als 200.000 Minis und Rolls-Royce-Limousinen und beschäftigt dort 24.000 Mitarbeiter.

          Der Volkswagen-Konzern sieht sich angesichts seiner internationalen Präsenz ebenso gut aufgestellt, um sich „an sich verändernde wirtschaftliche und politische Umstände anzupassen“. Der Wolfsburger Konzern werde eng mit seinen britischen Gesellschaften zusammenarbeiten, an denen er unverändert festhalte. Im vergangenen Jahr gingen 6 Prozent des weltweiten VW-Absatzes nach Großbritannien. Die Insel ist zudem Heimat der britischen Konzernmarke Bentley Motors.

          Der Reifenhersteller und Autozulieferer Continental hält die direkten wirtschaftlichen Auswirkungen auf das Unternehmen für „voraussichtlich“ begrenzt. Conti mache derzeit weniger als 3 Prozent des Umsatzes in Großbritannien. Als Produktionsstandort ist das Land mit 1400 Mitarbeitern für Conti eher unbedeutend.

          Der Energiekonzern Eon rechnet nicht mit großen negativen Folgen für sein Geschäft in Großbritannien. „Die Konsequenzen für Eon sind wohl beherrschbar“, sagte Vorstandschef Johannes Teyssen. „Unser Geschäft in Großbritannien ist ein regionales.“ Eon hat auf der Insel rund fünf Millionen Strom- und Gaskunden.

          Eon-Konkurrent RWE hofft, von den negativen Folgen eines britischen EU-Austritts verschont zu bleiben. Sollte es zu Handelshürden kommen, träfen diese RWE vermutlich nur am Rande. Die nationale Regulierung sowie die Akzeptanz vor Ort seien für den Geschäftserfolg viel entscheidender. „Daher sollten die ökonomischen Einflüsse eines Brexit auf unser Geschäft auch vergleichsweise gut beherrschbar sein“, sagte Vorstandschef Peter Terium. Er selbst sei „schockiert“ über die Entscheidung.

          Auch die Deutsche Lufthansa hält die Folgen angesichts eines Anteils des Britannien-Geschäfts von 5 Prozent am Gesamtumsatz für beherrschbar. „Als Europäer bin ich enttäuscht und bedauere den Austritt von GB aus der EU“, sagte Vorstandschef Carsten Spohr.

          Beim weltgrößten Reisekonzern TUI ist man zuversichtlich, als „globales Unternehmen von der Entscheidung nicht signifikant beeinträchtigt“ zu werden. Welche Auswirkungen das Votum auf die Reiselust der Briten habe, sei noch nicht abzusehen.

          Der Chemiekonzern BASF hält schnelle Verhandlungen für nötig. „Es sollte daher im Interesse beider Seiten liegen, möglichst schnell zu klären, in welcher Form die Europäische Union und das Vereinigte Königreich in Zukunft zusammenarbeiten werden“, teilte Konzernchef Kurt Bock mit. Das Vereinigte Königreich bleibe ein wichtiger Markt. „Nach wie vor sind wir überzeugt, dass Großbritannien und Nordirland innerhalb der EU besser gestellt wären“.

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