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Aktienmärkte : Brexit breitet sich in Asien aus

In Tokyo eröffnete der Aktienmarkt am Montag zunächst fester. Bild: dpa

Tokio wird noch mehr Geld in den Markt drücken. Die Angst vor Kapitalflucht steigt, die Kurse fallen.

          Der geplante Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union beschäftigte die Asiaten auch am Montag. Schließlich eröffnen die Märkte hier Stunden vor jenen in Europa und geben damit die Richtung vor. In Tokio kam die Regierung zu einer Krisensitzung zusammen. Ministerpräsident Shinzo Abe wies Finanzminister Taro Aso an, die „Devisenmärkte noch genauer zu verfolgen“ und wenn nötig zu handeln. „Risiko und Unsicherheit bleiben in den Finanzmärkten“, sagte er. „Wir müssen weiter auf Stabilität hinarbeiten“.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Investoren lasen dies als Ankündigung, dass Japans Notenbank noch mehr billiges Geld in den Markt drücken werde. Deshalb eröffnete der Aktienmarkt in Tokio nach der Schmelze am Freitag mit einem Plus von 1,6 Prozent. In Australien hingegen sank der Index am Morgen um weitere 0,9 Prozent, insbesondere die Banken verloren bis zu 3 Prozent. Der Kospi-Index in Südkorea notierte zu Handelsbeginn 0,7 Prozent leichter. Der Index für die Schwellenmärkte verlor um zehn Uhr in Hongkong 0,9 Prozent.

          Die am Freitag nach Bekanntgabe der Brexit-Pläne weltweit erlittenen Verluste mit Aktien in Höhe von 2,08 Billionen Dollar waren die höchsten Tagesverluste überhaupt, ermittelte die Ratingagentur Standard & Poor’s. Sie überragen die Verluste nach dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers 2008. Schon am Sonntag hatte Chinas Finanzminister Lou Jiwei gesagt, die Folgen des Brexit würden „einen Schatten auf die Weltwirtschaft“ werfen, und ein hoher japanischer Beamter warnte vor „spekulativen, brutalen Bewegungen“ im Devisenmarkt.

          Damit war das Fundament für einen rauen Montag in Asien gelegt. Am Morgen standen zunächst die Währungsmärkte im Mittelpunkt. Wie zu erwarten war, stieg der Wert des japanischen Yen weiter. Er legte um 0,5 Prozent auf 101,71 Yen je Dollar zu, verlor dann aber auf 102,37. Dank der grundlegenden Stärke der japanischen Wirtschaft und der Entschlossenheit der Regierung dort, sie anzuheizen, gilt der Yen nach dem Dollar als zweitwichtigste Fluchtwährung. Der japanischen Regierung ist das nicht recht; sie kämpft seit Jahren gegen einen hohen Außenwert des Yen, da er den Export verteuert. Japan gilt als erstes Opfer des Brexit, denn die erzwungene Aufwertung bringt weiteren Druck für die bislang wenig erfolgreiche Politik der Abenomics.

          In Asien steigt die Furcht vor einem weiteren Abzug von Kapital

          Denn einher mit der Aufwertung geht der Fall der japanischen Aktien, trotz der kurzfristigen Erholung am frühen Montagmorgen. Am Freitag hatten sie schon 8 Prozent verloren, in etwa doppelt so viel, wie andere große Märkte. „Auf kurze Sicht werden Investoren unter Schock stehen. Die Briten haben eine wichtige Entscheidung getroffen, die den Rahmen der Welt ändern wird. Brexit ist der Wendepunkt für die EU, die eigentlich trotz der Schuldenkrise die Integration beschleunigen wollte“, hieß es bei der Mizuho Trust & Banking Co in Tokio.

          Angesichts der Krise in Europa suchen immer mehr Investoren den „sicheren Hafen“ in Amerika und Japan. Die restlichen Währungen Asien geraten deshalb unter Druck, was etwa den Einkauf von Öl für diese Länder verteuert und die Inflation treibt. Dies dürfte insbesondere Indien zu spüren bekommen.

          Neue Wachstumsprognosen für Asien nach dem Brexit (2016)
          Bisher Jetzt Veränderung
          Australien 2,90% 2,70% -0,20%
          China 6,20% 6,00% -0,20%
          Hongkong 0,80% -0,20% -1,00%
          Indien 7,60% 7,30% -0,30%
          Indonesein 5,40% 5,20% -0,20%
          Malaysia 4,30% 3,90% -0,40%
          Philippinen 6,50% 6,30% -0,20%
          Singapur 1,80% 1,10% -0,70%
          Südkorea 2,50% 2,20% -0,30%
          Thailand 2,70% 2,20% -0,50%
          Asien & Australien, ohne Japan 5,90% 5,60% -0,30%
          Quelle: Nomura

          In ganz Asien steigt die Furcht vor einem weiteren Abzug von Kapital. Lim Say Boon, der kluge Chefanleger der DBS Bank am Finanzplatz Singapur, warnte seine Kunden vor einem „perfekten Sturm“: „Brexit wird eine neue und sehr bedrohliche Dimension aufbringen. Großbritannien wird einen Rückgang seiner wirtschaftlichen Aktivität spüren, weil es Handelsprivilegien mit der EU verliert. Die EU steht vor der Gefahr der Schmelze. Und eine höhere Risikoprämie wird den Wert der Banken mindern.“ Er fügte an: „Die steigenden Aktienkurse seit Mitte Februar waren nicht nachhaltig angesichts verlangsamter wirtschaftlicher Aktivität, sinkender Unternehmensgewinne und einer tiefen Malaise der weltweiten Geldpolitik.“

          Die asiatischen Politiker hielten sich bislang mit negativen Einschätzungen auffallend zurück, wohl um nicht noch größere Verunsicherung zu schaffen. Nicht so die Bank Nomura: „Wir erwarten nun eine weitere deutliche Verbilligung des Geldes in ganz Asien.“ Sie rechnet mit Zinssenkungen um 25 Basispunkte bis Jahresende in Indien und Malaysia, um 50 Basispunkte in Korea, Indonesien und Thailand. China werde die Reserveanforderungen an die Banken nun drei- statt wie erwartet nur zweimal kürzen, Singapur den Mittelkurs für den Dollar senken. „Angesichts des Tiefpunktes der Glaubwürdigkeit der Geldpolitik ist es vollkommen unklar, wie erfolgreich solche Notfallmaßnahmen am Ende des Tages noch sind, wenn der Markt Risiken extrem negativ gegenüber steht.“ Asien – ohne Japan - werde in diesem Jahr nur noch um 5,6 statt wie erwartet 5,9 Prozent wachsen, besonders für die Finanzplätze Hongkong (Rücknahme der Erwartung um einen Prozentpunkt) und Singapur (minus 0,7) sind die Analysten kritisch. Seit Mitte Mai hat sich der Singapur Dollar nun schon um knapp 6 Cent verteuert.

          Die Analysten von Nomura warnen vor einem heißen Herbst: „Das Referendum in Großbritannien ist Teil eine globalen Phänomens – wachsendes Nationalgefühl und eine populistische Revolte gegen die etablierten politischen Parteien. Das demographische Profil der Brexit Unterstützter ist erschreckend ähnlich zu demjenigen der Unterstützer von Trump.“

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