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Nach Referendum : Mailänder Börse im Bann der Regierungskrise

Bärenmarkt: Seit dem Brexit sind die Kurse an der Mailänder Börse deutlich gesunken Bild: dapd

Die Aktienkurse am Finanzplatz Mailand sind seit dem Brexit zweistellig gesunken. Viele Banker und Börsianer befürchten weitere Turbulenzen für angeschlagene Banken.

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          Von betont gelassen bis besorgt reicht das Spektrum an Reaktionen italienischer Finanz- und Wirtschaftsfachleute. Der Chefvolkswirt von Italiens zweitgrößter Bankengruppe Intesa Sanpaolo, Gregorio De Felice, sieht erst einmal „keine direkten makroökonomischen Folgen“ aus der Ablehnung der Verfassungsreform durch das italienische Wahlvolk. „Die Finanzmärkte scheinen bereits während der vergangenen Wochen die Möglichkeit eines ‚Nein’ beim Referendum und eine Regierungskrise verdaut zu haben“, meint De Felice gegenüber dieser Zeitung.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Nachdem Ministerpräsident Matteo Renzi seinen Rücktritt angekündigt hatte, hofft De Felice auf eine schnelle Überwindung der Regierungskrise. Er lässt seine Prognosen für das reale Wachstum des italienischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) für 2016 bei 0,8 Prozent und für 2017 bei 1,0 Prozent. Die beim Verfassungsreferendum vorgelegten Reformen hätten nach Meinung von De Felice die Institutionen Italiens kräftig verändert und daher mittel- und langfristig deutliche Auswirkungen gehabt. Nun bleibe alles wie zuvor.

          „Negative Auswirkungen für ganz Europa“

          Paolo Panerai, Aktionär der Mailänder Verlagsgruppe Class und damit Verleger von „Milano Finanza“, zeigt sich dagegen besorgt: „Das Votum in Italien bedeutet negative Auswirkungen nicht nur für Italiens Wirtschaft, sondern auch für ganz Europa“, urteilt Panerai, dessen samstäglichen Kommentare von der Mailänder Finanzwelt aufmerksam verfolgt werden. Niedrige Wachstumsraten und hohe Arbeitslosigkeit wie in anderen Teilen Europas seien verantwortlich für einen Sieg des Nein-Lagers. „Falls also keine Politik für eine Belebung der Konjunktur verfolgt wird, müssen in Europa noch viele andere politische Führungskräfte zurücktreten“, sagt Panerai, der seit langer Zeit mehr keynesianische Politik mit mehr Haushaltsdefizit in ganz Europa fordert.

          Banker, Finanzwelt und Politiker sollten darüber nachdenken, wie sehr das italienische Referendum und der Rücktritt von Renzi von Protest gegen die Wirtschaftskrise beeinflusst gewesen seien. Sogar in den Vereinigten Staaten, wo sich die Wirtschaft erholt habe, sei es nicht möglich gewesen, einen Sieg der Protestbewegung von Donald Trump zu verhindern.

          Alessandro Fugnoli, Anlagestratege des Mailänder Finanzhauses Kairos, geht in seinem Urteil zur Volksabstimmung noch weiter: „Das war auch eine Abstimmung gegen den Euro“, meint Fugnoli. Mittelfristig seien die Risiken nicht nur für Italien, sondern für ganz Europa gewachsen. Wie sich Italiens Wirtschaft und Wirtschaftsreformen künftig weiterentwickeln, hängt aus der Sicht von Fugnoli vor allem vom Wahlergebnis in Frankreich ab: „Falls dort Francois Fillon die Wahl zum Staatspräsidenten gewinnt, bleibt Italien das einzige Land, das nicht in der Lage ist, sich selbst zu reformieren. Doch wir müssten uns dann anpassen.“ Falls dagegen die Nationalistin Marine Le Pen gewinne, müsse Italien alleine nach einem Weg für die Zukunft suchen.

          Doch aus der Sicht von Fugnoli bietet die gegenwärtige Lage auch Hoffnungszeichen. Denn wegen des Wahlsieges von Trump habe der Euro erst einmal abgewertet und das beschere Europa ein wenig mehr Wachstum. Zudem dürfe man die italienische Bankenkrise nicht überbewerten. Mit nur 15 Milliarden Euro seien alle italienischen Bankenprobleme zu lösen. Die Zahlungsbilanz Italiens sei ohne Probleme. Unter Einbeziehung der Rentenansprüche seien die italienischen Staatsschulden sogar vergleichsweise niedrig. „Da wäre es schade, wenn am Ende Europa wegen Konflikten zwischen Berlin und Rom zerbrechen würde“, urteilt Fugnoli.

          Hoffen auf Einlenken der EU

          Für den Chefvolkswirt von Banca Akros, dem Finanzhaus von Banca Popolare di Milano, sollte die Europäische Union derzeit nicht an straffere Haushaltspolitik denken, sondern im Durchschnitt für 2017 das Haushaltsdefizit aller Länder um etwa einen halben Prozentpunkt des BIP erhöhen, meint Francesco Previtera. Wenn Italien ein höheres Defizit erlaubt werde, könne auch schnell der Haushalt für 2017 ohne weitere Veränderungen im Senat beschlossen werden.

          Die Politik sorge nun für Unsicherheit und ungünstigere wirtschaftliche Aussichten, es werde schwer, dass eine neue Regierung mit genauso viel Schwung an die Reformaufgaben gehen könne, urteilt Previtera. Allerdings sei die Skepsis schon in den Mailänder Aktienpreisen enthalten: „Bankaktien eingeschlossen, sind die Aktienkurse in Mailand seit dem Brexit etwa 13 Prozent niedriger als anderswo in Europa“.

          Banca Akros sieht auf dem Aktienmarkt die größten Risiken für Banken, aber auch Belastungen für lokale Versorger und Staatsbetriebe wie Finmeccanica, Eni und Saipem. Bevorzugt werden könnten Titel, die vom amerikanischen Wachstum profitieren, wie Traktoren und Lastwagen von CNH Industrial, der Ölanlagenlieferant Tenaris, das Kabelunternehmen Prysmian, oder die vor allem im Ausland aktiven Unternehmen wie Ferrari, Luxottica und Campari.

          Abwarten auf neue Regierung

          Banca Intesa Sanpaolo und Gregorio De Felice wollen sich nicht auf einzelne Titel festlegen, empfehlen aber generell die Repräsentanten des „Made in Italy“. Die könnten sich bald wieder zu Publikumslieblingen entwickeln.

          Andere Börsianer wollen lieber abwarten: „Was ich vor dem Referendum an der Börse verkauft habe, kaufe ich nicht zurück“, sagt der Anlagestratege Emilio Casco, ehemals Chef der Mailänder Filiale von Rothschild. Nun gelte es erst einmal abzuwarten, ob Italien eine Regierung unter Führung eines Fachmanns wie dem bisherigen Schatzminister Pier Carlo Padoan bekomme.

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