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Chancen in Schwellenländern : Mutige kaufen jetzt in Brasilien

Protest gegen den Staatspräsidenten: Demonstranten in Rio de Janeiro. Bild: Getty

Brasilien steckt politisch in der Krise: Präsident Michel Temer ist in einen Korruptionsskandal verstrickt. Trotzdem lohnt sich für Anleger ein Blick in das Schwellenland.

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          Wenn an einer Börse unerwartet die Kurse einbrechen, verkaufen viele verängstigte Anleger möglichst schnell ihre Papiere. So ist es am Donnerstag auch in Brasilien geschehen, wo nach Korruptionsvorwürfen gegen Staatspräsident Michel Temer Unruhe die Finanzmärkte ergriff: An der Börse stürzten die Aktienkurse, während am Devisenmarkt der Real kräftig abwertete. Die Panik war deutlich erkennbar: So wurden am Donnerstag in knapp einer halben Stunde allein in dem Indexfonds iShares MSCI Brazil Capped Papiere im Wert von 5,4 Milliarden Dollar umgesetzt; das war fast so viel wie der Wert aller Papiere in dem Fonds. Der Bovespa-Aktienindex verlor an einem Tag 8,8 Prozent. Am Markt für Kreditausfallderivate (CDS) auf Staatsanleihen verschlechterte sich die Einschätzung der Bonität des Landes.

          Wo verängstigte Anleger das Weite suchen und ihre Aktien oder Fondsanteile auch um den Preis von Kursverlusten auf den Markt werfen, finden sich stets auch Käufer. Sie gehen davon aus, dass Kursstürze auf lange Sicht nicht selten Kaufgelegenheiten sind, vor allem, wenn die Kurse als Folge politischer Turbulenzen einbrechen. Denn nach einem alten Sprichwort haben politische Börsen kurze Beine. Mit anderen Worten: Auf lange Sicht zählen an der Börse erfahrungsgemäß wirtschaftliche Daten, und die sind von der Verwicklung eines Politikers in einen Korruptionsskandal nicht zwingend abhängig. Am Freitag erholten sich sowohl die Aktienkurse als auch der Real ein wenig von den Vortagesverlusten. Der Bovespa schloss 1,69 Prozent höher bei 62.639 Punkten.

          Im Falle Brasiliens kommt ein spezieller Effekt hinzu. In den vergangenen eineinhalb Jahren waren die Aktienkurse stark gestiegen; gleichzeitig hatte der Real am Devisenmarkt deutlich gegenüber dem Dollar und dem Euro aufgewertet. Dies hatte zur Folge, dass westliche Großanleger im Vertrauen auf eine weitere günstigere Entwicklung der brasilianischen Wirtschaft sehr stark in den Finanzmärkten des Landes engagiert waren. In der politischen Krise der vergangenen Tage bauten sie einen Teil ihrer Bestände ab. Daraus folgt aber nicht, dass die westlichen Finanzhäuser nunmehr für die wirtschaftlichen Aussichten des südamerikanischen Landes allesamt negativ gestimmt sind. „Die höheren Rohstoffpreise dürften auch in Brasilien dazu beigetragen haben, dass die Wirtschaft im ersten Quartal unseren Schätzungen zufolge seit zwei Jahren erstmals wieder wächst. Die Inflation ist inzwischen so weit zurückgegangen, dass die Notenbank die Leitzinsen in diesem Jahr um über 3 Prozentpunkte senken könnte“, schreibt Volkmar Baur, Anlagestratege bei der Deutschen Bank.

          Wichtige wirtschaftliche Daten in Brasilien sehen gut aus

          Wichtige wirtschaftliche Daten in Brasilien sähen gut aus und sollten dem Land helfen, mit der politischen Krise umzugehen, heißt es in einer Analyse der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley. Zwar würden die politischen Risiken die Aussichten für das Wirtschaftswachstum, die Inflation und die Kapitalmärkte belasten, doch sollte die Notenbank in der Lage sein, an geplanten Senkungen des Leitzinses festzuhalten. Die Analysten der Schweizer Großbank Credit Suisse halten den wirtschaftlichen Schaden für gering, sofern eine rasche Lösung der politischen Krise gefunden werden sollte. Zumindest bis zum Ende der gegenwärtigen Phase hoher Unsicherheit sollte die Notenbank ihre Leitzinsen unverändert halten, empfehlen die Analysten der Großbank.

          Die Deutsche Bank und Morgan Stanley erwähnen als eine interessante Aktie Anbev SA, die brasilianische Tochtergesellschaft des weltgrößten Braukonzerns Anheuser-Busch Inbev. Die Absicherung gegen Währungsrisiken sollte das Unternehmen gegen eine Abwertung des Reals schützen, meint die Deutsche Bank.

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          Plötzliche Kurseinbrüche sind ein Grund, warum in den vergangenen Jahren Kapitalanlagen in Schwellenländern an Beliebtheit verloren haben. Nicht selten haben politische Entwicklungen hierzu beigetragen, zum Beispiel in Südafrika oder in der Türkei. In wieder anderen Fällen haben Einbrüche von Rohstoffpreisen die Finanzmärkte von Ölförderländern leiden lassen – dies ließ sich in den vergangenen Jahren zum Beispiel in Russland beobachten. Viele Schwellenländer sind zudem anfällig für Veränderungen an den amerikanischen Finanzmärkten: Eine Aufwertung des Dollars in Verbindung mit der Erwartung höherer Zinsen in den Vereinigten Staaten hat in der Vergangenheit mehrfach die Kurse von Aktien und Anleihen in Schwellenländern unter Druck gesetzt. In wieder anderen Fällen hielten sich zwar die Wertpapierkurse, aber Anleger aus Europa oder Amerika erlitten Währungsverluste als Folge der Abwertung von Währungen aus Schwellenländern.

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