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Wahlen in Amerika : Anleger am Zuckerhut zittern vor Trump

  • -Aktualisiert am

Angst im Nacken: Brasiliens Märkte fürchten Donald Trumps Sieg bei den amerikanischen Wahlen. Bild: dapd

Der brasilianische Finanzmarkt zeigt sich besorgt über einen möglichen Wahlsieg von Donald Trump. Es herrscht die Furcht vor einem darauffolgenden Einbruch des Welthandels.

          Auch in Brasilien zittert der Finanzmarkt vor einem möglichen Wahlsieg Donald Trumps in Amerika. In der vergangenen Woche gaben die Aktienkurse an der Börse von São Paulo (Bovespa) sogar stärker nach als in anderen Ländern. Am Montag stieg der Bovespa-Index dann kurz nach Handelsbeginn um 2 Prozent auf rund 63.000 Punkte, nachdem das FBI am Wochenende seine Vorwürfe gegen Trumps Konkurrentin Hillary Clinton entkräftet hatte.

          Zwar ist Brasilien nicht annähernd so abhängig von den Vereinigten Staaten wie Mexiko, das 80 Prozent seiner Exporte an den großen Nachbarn im Norden liefert und von Trump besonders angefeindet wird. Doch der Einbruch des Welthandels, den viele in Folge von Trumps Protektionismus befürchten, würde auch die Nachfrage nach Brasiliens Rohstoffen, Autos und Flugzeugen dämpfen. Verängstigte Anleger könnten Kapital aus risikoträchtigen Schwellenländern wie Brasilien abziehen.

          Reformprogramm gibt Anlass zum Optimismus

          Bestimmt wird die Börsenentwicklung in Brasilien in diesem Jahr allerdings vornehmlich von inländischen Faktoren. Nach der Absetzung der linksgerichteten Präsidentin Dilma Rousseff Ende August hat sich die zuvor geradezu depressive Stimmung bei Unternehmen und Verbrauchern deutlich aufgehellt. Jeder Fortschritt des monatelangen Amtsenthebungsverfahrens wurde an der Börse mit steigenden Kursen gefeiert. Noch größer ist die Euphorie, nachdem der vom Vizepräsidenten zum neuen Staatschef aufgerückte konservative Michel Temer mit seinem Reformprogramm unerwartet rasch vorankommt. Die Verfassungsreform, mit der die Staatsausgaben für die nächsten 20 Jahre inflationsbereinigt eingefroren werden sollen, hat die ersten Hürden im Parlament mit großer Mehrheit und ohne größere Änderungen genommen. „Das war eine bedeutende positive Überraschung“, konstatiert José Carlos de Faria, Brasilien-Experte der Deutschen Bank. Und bei den wichtigen Kommunalwahlen im Oktober konnten die Parteien der konservativen Regierungskoalition ihre Positionen deutlich ausbauen, während die Arbeiterpartei (PT) Rousseffs und des früheren Präsidenten Lula da Silva historische Einbrüche erlitt. Das verschafft dem auf umstrittene Weise vollzogenen Regierungswechsel einen frischen Anstrich demokratischer Legitimation und stärkt Temers Kraft zur Umsetzung geplanter Reformen.

          Die Börse regierte mit einer veritablen Hausse. Mit einem Anstieg um 74 Prozent in Dollarwert seit Jahresbeginn ist Brasiliens Bovespa nach Jahren der Stagnation 2016 zum Spitzenreiter unter den wichtigsten Börsen der Welt aufgestiegen. Dazu trug auch die Stärke des brasilianischen Reals bei, der seit Jahresanfang um fast ein Viertel aufgewertet hat. Ende Oktober hatte der Bovespa-Index mit 65.000 Zählern den höchsten Stand seit vier Jahren erreicht. Derart schnell stiegen Kurse, dass die Analysten mit der Heraufsetzung ihrer Kursziele kaum nachkommen. Celson Placida, Aktienstratege des Börsenhändlers XP Investimentos, hält jetzt bis zu 68.000 Punkte am Jahresende für möglich. Die führende brasilianische Investmentbank BTG Pactual meint gar, dass Brasiliens Börse möglicherweise am Beginn einer neuen langjährigen Aufschwungsphase stehe, wie zuletzt von 2002 bis 2008, als der Rohstoffboom und das dadurch finanzierte Wachstum des Inlandsmarktes Brasiliens Aktienwerte in Dollar nahezu verzwanzigfacht hatten.

          Kein Aufschwung in der laufenden Konjunktur

          In der laufenden Konjunktur ist indes noch kein Aufschwung zu erkennen. Im Gegenteil. Indikatoren wie die Industrieproduktion und die Einzelhandelsumsätze enttäuschten zuletzt wieder. Brasiliens Wirtschaft schrumpft 2016 abermals um mehr als 3 Prozent. Für 2017 wird nur eine schwache Erholung um gut 1 Prozent erwartet. Doch die längerfristigen Aussichten würden durch Temers Reformen verbessert, betonen Aktienstrategen, etwa durch die stärkere Öffnung der Energiewirtschaft für ausländische Investoren und die investorenfreundlichere Gestaltung von geplanten Privatisierungen und Konzessionen für Infrastrukturprojekte. Politische Risiken bestehen aber fort. Der Korruptionsskandal um den staatlich kontrollierten Ölkonzern Petrobras und andere Staatsunternehmen führt ständig zu neuen Anklagen und Verhaftungen von führenden Politikern und Unternehmern. Das könne die politische Landschaft abermals beschädigen und die Verabschiedung von wichtigen Reformen der Renten, Steuern und Arbeitsgesetze erschweren, warnt BTG.

          Befeuert wird der Optimismus an der Bovespa durch die brasilianische Notenbank, die im Oktober angesichts der sinkenden Inflation erstmals seit vier Jahren wieder die Leitzinsen senken konnte und weitere Zinssenkungen in Aussicht stellt. Zum Favoriten der Anleger und der Analysten avancierte 2016 ausgerechnet der skandalbelastete Ölkonzern Petrobras, der unter neuer Führung einen radikalen Sanierungskurs verfolgt. Investitionen werden radikal gekürzt, nicht-strategische Unternehmensteile verkauft, um die überhöhte Verschuldung einzudämmen. Die Regierung lässt dem Unternehmen mehr Freiheit. An Stelle politisch motivierter Subventionen werden die Benzinpreise jetzt an Kosten und Nachfrage orientiert. Sieben von zehn Analysten empfehlen die Petrobras-Aktie zum Kauf – und das, nachdem der Kurs im Jahresverlauf bereits um 140 Prozent gestiegen ist.

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