https://www.faz.net/-gv6-7nx3u

Brasilien : Anleger wünschen sich eine neue Präsidentin

  • -Aktualisiert am

Ölforderungen am Zuckerhut: Neue Freiheiten für den Ölkonzern Petrobas beflügeln die Phantasien der Anleger Bild: action press

Gewagte Spekulationen auf einen möglichen Regierungswechsel in Brasilien treiben die Aktienkurse. Vor allem ausländische Anleger lassen sich von den Risiken nicht abschrecken.

          An Brasiliens Aktienmarkt keimt neue Hoffnung. Nachdem Analysten Mitte März erst den Übergang zu einem Bärenmarkt diagnostiziert hatten, ist die Börse von São Paulo (Bovespa) urplötzlich zu neuem Leben erwacht. Die vergangenen zwei Wochen waren an der Bovespa die besten seit gut eineinhalb Jahren: Der Bovespa-Leitindex hat 11 Prozent zugelegt. Gleichzeitig hat sich der Kurs des Real gefestigt. Somit liegen brasilianische Aktien auf Dollar-Basis seit Jahresbeginn inzwischen leicht im Plus (0,9 Prozent). Demnach hat der Bovespa, der im vergangenen Jahr auf der ganzen Welt zu den Börsen-Schlusslichtern gehörte, in diesem Jahr bisher besser abgeschnitten als der Durchschnitt aller Schwellenländer (minus 3,4 Prozent).

          Beflügelt wurden die Kurse vor allem durch Spekulationen auf einen möglichen, obgleich bisher unwahrscheinlichen Regierungswechsel nach den Präsidentenwahlen im kommenden Oktober. Allein das Gerücht, Staatspräsidentin Dilma Rousseff könnte in einer neuen Umfrage an Stimmen verloren haben, sorgte für ein Kursfeuerwerk, von dem vor allem staatlich kontrollierte Börsenunternehmen wie die Ölgesellschaft Petrobras, die Bank Banco do Brasil und der Elektrizitätsversorger Eletrobrás profitierten. Marktteilnehmer erwarten, dass eine andere Regierung den Unternehmen mehr Freiheiten bei der Anpassung ihrer Preise und in anderen Fragen der Betriebsführung lassen würde. Während sich das erste Gerücht nicht bestätigte, brachte eine weitere Umfrage zuletzt tatsächlich eine Verschlechterung der Zustimmungswerte für Rousseff und ihre Regierung.

          „Der Markt hasst diese Regierung“

          Zwar bleibt Rousseff auch in den jüngsten Umfragen klare Favoritin für die Wahlen. Doch allein die Wendung des Trends zuungunsten der Staatschefin sorgte schon für steigende Aktienkurse. „Der Markt hasst diese Regierung“, zitiert die Agentur Bloomberg den Hedgefondsmanager Luiz Carvalho. Ökonomen werfen der Regierung überzogene Eingriffe in Märkte und Unternehmen sowie eine Vernachlässigung der Stabilitätspolitik vor. Den Kandidaten der Opposition wird eher zugetraut, die Staatsausgaben zu durchforsten und investitionsfördernde Reformen auf den Weg zu bringen. Es sei indes verfrüht, auf einen Sieg der Opposition über Rousseff zu setzen, warnt Paulo Gala vom Börsenhändler Fator Corretora. Die Arbeitslosigkeit liege auf einem historischen Tiefstand.

          Als Fortschritt würden es Rousseffs Gegner schon betrachten, wenn der frühere Präsident Luiz Inácio Lula da Silva an ihrer Stelle als Kandidat der regierenden Arbeiterpartei ins Rennen gehen würde. Seit Rousseff mit Protesten und Korruptionsskandalen zu kämpfen hat, wird diese Möglichkeit in den Medien immer wieder ins Spiel gebracht. Während Lulas Amtszeit in den Jahren 2002 bis 2010 hatten sich die Aktienkurse in Brasilien versiebenfacht, nachdem der ehemalige Arbeiterführer einen überraschend unternehmerfreundlichen Kurs eingeschlagen hatte. Unter Rousseff ging die Börse dagegen jahrelange auf Talfahrt.

          Verlauf des Bovespa seit einem Jahr

          In jedem Wahljahr seit dem Jahr 1998 haben die Ausschläge am brasilianischen Aktienmarkt im Übergang vom ersten zum zweiten Quartal zugenommen, zeigt eine Studie des Finanzunternehmens Mauá Sekular. Es gibt freilich noch andere Faktoren, die für neue Turbulenzen an der Börse Bovespa sorgen könnten. So drohen Engpässe in der Energieversorgung, die das ohnehin geringe Wirtschaftswachstum von bisher prognostizierten 1,7 Prozent im laufenden Jahr weiter dezimieren könnten. Eine extreme Dürre in vielen Landesteilen hat die Stauseen der Wasserkraftwerke, die normalerweise 80 Prozent des Strombedarfs decken, auf Minimalstände sinken lassen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Massentourismus vom Wasser kommend: Zwei Kreuzfahrtschiffen liegen im Geirangerfjord.

          Umstrittene Kreuzfahrtschiffe : Norwegen macht die Fjorde langsam dicht

          Es ist ein Geldsegen und ein Öko-Fluch: Seit kurzem gelten in fünf norwegischen Fjorden für Kreuzfahrtschiffe strenge Umweltauflagen, die die Luftverschmutzung begrenzen sollen. Glücklich sind die Menschen in der Urlauberhochburg Geiranger damit nicht.

          Vorwürfe im Vorwahlkampf : Trumps zwielichtiges Telefonat

          Donald Trump soll den ukrainischen Präsidenten aufgefordert haben, Ermittlungen gegen den Sohn seines möglichen Konkurrenten Joe Biden anzuschieben. Ging es auch um die Erpressung mit amerikanischen Finanzhilfen?
          Wer mit Thomas Cook auf Reisen geht, macht womöglich Quartier in der Casa Cook

          Touristik : Thomas Cook bemüht sich um Staatshilfe

          Der älteste Touristikkonzern der Welt kämpft ums Überleben. An diesem Vormittag ist der Verwaltungsrat zusammengekommen, um nach Möglichkeiten zu suchen, die Insolvenz zu vermeiden. Auch Staatshilfen sind im Gespräch.
          Kanzlerin Angela Merkel stellt mit ihrem Klimakabinett die Ergebnisse eines Kompromisses zum Klimapaket vor.

          Klimakabinett : Das deutsche Klima-Experiment

          Deutschland allein kann das Klima nicht retten. Aber andere Länder schauen genau darauf, wie Kanzlerin Merkel versucht, die Emissionen zu senken. Kann Deutschland Vorbild sein oder muss es über den Ärmelkanal schauen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.