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Branchenvergleich : Europas Aktien steigen unbeirrt

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Laut Strategen attraktiv: Der britisch-australischen Bergbaukonzern Rio Tinto Bild: AFP

Allen amerikanischen Konjunktursorgen oder chinesischen Kursturbulenzen zum Trotz klettern die Aktienmärkte in Europa von einem Hoch zum nächsten. Autowerte sind in diesem Jahr am besten gelaufen. Bankstrategen setzen jetzt allerdings auf die Nachzügler.

          Die europäischen Aktienmärkte klettern unbeirrt von amerikanischen Konjunktursorgen oder Kursturbulenzen in China von einem Indexhoch zum nächsten. Mit an der Spitze ist stets der Deutsche Aktienindex Dax, der am Donnerstag um bis zu 1,7 Prozent stieg und bei 7896 Punkten den höchsten Stand seit März 2000 erreichte. Aber auch die anderen europäischen Märkte lassen sich nicht lumpen. Der marktbreite Stoxx 600, der die 600 Aktien mit der höchsten Marktkapitalisierung aus der alten Europäischen Union mit 15 Mitgliedern inklusive Schweiz, Island und Norwegen umfasst, stieg am Donnerstag um ein Prozent und liegt seit Jahresbeginn um fast 9 Prozent höher.

          Geht es nach der Ansicht der meisten Marktbeobachter, dürfte es so weitergehen. „Wir werden Ende des Jahres höhere Kurse haben als heute“, sagt Bernd Meyer, Aktienstratege der Deutschen Bank. „Der Bullenmarkt ist intakt, und Aktien sind weiterhin die attraktivste Anlageklasse.“ Auch für das Jahr 2008 erwartet er steigende Kurse. „Die Fundamentaldaten werden ständig besser und unterfüttern so die gestiegenen Kurse“, sagt Meyer.

          Noch moderat bewertet

          Bislang wurde das Aktienjahr in Europa von den Autoaktien dominiert. Die 14 Titel im entsprechenden Unterindex des Stoxx 600 sind seit Jahresbeginn durchschnittlich um mehr als 30 Prozent gestiegen, Meyer stuft sie nun nur noch mit „neutral“ ein, sein Kollege Roland Ziegler von der BHF-Bank rät sogar zum „Untergewichten“ der Branche. „Die Luft ist raus, wir wissen das Schöne, nun kommen die Mühen der Ebene“, sagt Ziegler. Daimler müsse nun zeigen, dass es ohne Chrysler besser wirtschafte, und Volkswagen müsse seine Umstrukturierungen erfolgreich umsetzen.

          Mit rund 20 Prozent Kurszuwachs seit Jahresanfang landen die 22 Titel des Grundstoffbereichs auf Platz zwei. Dazu zählen Bergbaukonzerne wie Rio Tinto und BHP Billiton ebenso wie die Stahlaktien Arcelor Mittal und Salzgitter. Die Strategen sehen hier noch weiteres Kurspotential. „Die Weltwirtschaft wächst stark, und die Nachfrage nach Grund- und Rohstoffen aus Ländern wie Indien und China nimmt deutlich zu“, sagt Meyer. Zudem sei der Sektor noch moderat bewertet. Ziegler hält die britisch-australische Rio Tinto und das in der Schweiz ansässige Bergbauunternehmen Xstrata für besonders attraktiv.

          Interesse auf Autos, Maschinen und Chemie gelenkt

          Volker Borghoff von HSBC Trinkaus & Burkhardt setzt weiter auf die Konjunktur: „In den Aktien der Bereiche Maschinenbau, Bauindustrie und Stahl ist die positive Entwicklung noch nicht voll eingepreist.“ Solange die Fundamentaldaten so gut seien, müsse man die Zykliker kaufen. Spekulationen auf Fusionen und Übernahmen seien im Moment gar nicht nötig, zumal es da die Gefahr gebe, unbegründeten Gerüchten nachzulaufen.

          Seine Kollegen bevorzugen nun zusehends die Aktien, die von der Hausse in diesem Jahr noch nicht viel hatten. An erster Stelle werden dabei die Versicherer genannt. „Die weisen einen überdurchschnittlichen Gewinnanstieg auf und sind sehr günstig bewertet“, sagt Christian Stocker von der Hypo-Vereinsbank. Bislang habe die gute Konjunktur das gesamte Interesse auf Autos, den Maschinenbau und die Chemie gelenkt. Seiner Ansicht nach bieten nun allerdings Werte wie die Allianz das größere Potential für Kurssteigerungen.

          Bald die Größeren an der Reihe

          Mit der Deutschen Telekom hat Stocker einen weiteren Nachzügler auf der Empfehlungsliste. Die Telekommunikationsbranche hinke seit langem weit hinter der Marktentwicklung her. Alles Negative sei aber nun in den Kursen eingepreist. „Die Bewertungen sind günstig, und das Beispiel der Orange-Übernahme durch die Deutsche Telekom weckt neue Phantasien für Übernahmen“, sagt Stocker.

          Meyer setzt sogar auf die Branchen, die in diesem Jahr am schlechtesten gelaufen sind: Pharma- und Gesundheitsaktien. Die Schwergewichte Sanofi-Aventis, Novartis, Astra-Zeneca oder Glaxo-Smith-Kline haben mit ihrer schlechten Wertentwicklung den gesamten Branchenindex ungefähr auf dem Niveau vom Jahresanfang verharren lassen. Meyer hält die Werte nun im historischen Vergleich für ausgesprochen billig. Außerdem seien bislang eher Fusionen und Übernahmen von mittlerer Größenordnung getätigt worden. Nun dürften bald die Größeren an der Reihe sein, und die entsprechenden Spekulationen könnten die Kurse beleben.

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