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Branchenanalyse : Steigende Zinsen - schlecht für Finanz- und Industriewerte

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Bild: FAZ.NET

Die Zinsen sind in den vergangenen Monaten gestiegen, die Börsen haben nur bedingt reagiert. Historischer Daten zeigen, dass Finanz- und Industriewerte unter höheren Renditen stärker leiden als die Sektoren Gesundheitswesen und IT.

          Die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen kletterte von 4,63 Prozent Ende April auf unlängst 5,25 Prozent, bevor sie anschließend leicht auf 5,14 Prozent zurückging. Für die kommenden Monate rechnen wir mit einem Aufwärtstrend der Zinsen.

          Nach Prognosen des S&P-Chefvolkswirts David Wyss wird die Rendite zehnjähriger Anleihen am Jahresende 2007 bei 5,22 Prozent liegen, bis zum dritten Quartal 2008 auf 5,55 Prozent ansteigen und bis Ende 2008 auf diesem Niveau verharren. Hinter dem Zinsanstieg in den Vereinigten Staaten steht nach seiner Ansicht jedoch eher die Rückführung von im Ausland angelegten Geldern durch amerikanische Investoren, solange das Gute in Form höherer Renditen so nahe liegt, als dass hierfür eine zunehmende Inflation im Inland verantwortlich wäre.

          Zinsanhebungen vor 2008 wenig wahrscheinlich

          Wyss sagt einen Anstieg der Kerninflationsrate von weniger als 2,25 Prozent für jedes der kommenden drei Jahre voraus. Er sieht die Kerninflation unter Kontrolle und erinnert daran, dass ein maßgeblicher Inflationsindikator, der Deflator des privaten Konsums, im April gegenüber dem Vorjahresmonat um lediglich zwei Prozent gestiegen ist und sich nun am oberen Ende des Zielkorridors der amerikanischen Notenbank (Fed) aufhält. Angesichts der niedrigen Arbeitslosigkeit geht Wyss davon aus, dass die Fed bis Anfang 2008 keine Zinssenkungen vornehmen dürfte; nach seiner Einschätzung wäre jeder frühere Schritt eine durch unerwartete Aufwärtsentwicklungen an der Inflationsfront ausgelöste Zinsanhebung.

          Auch Mark Arbeter, technischer Chefstratege bei S&P, geht davon aus, dass die Renditen - nach kurzfristigem Rückzug aus dem Gebiet um 5,25 Prozent - auf mittlere Sicht in den Bereich zwischen 5,4 und 5,5 Prozent vorrücken werden.

          Gesetzt den Fall, diese Prognosen würden eintreten: Welche Auswirkungen hätten höhere Zinsen auf die Sektoren des S&P-500? Wir stehen zwar nicht am Beginn eines Zyklus' restriktiver Zinspolitik, ich denke jedoch, dass die Auswirkungen höherer Zinsen auf die Performance der Sektoren jenen ähneln werden, die nach der ersten Zinsanhebung auftreten, freilich stets unter der Prämisse, dass Wertentwicklungen in der Vergangenheit keine Garantie für zukünftige Ergebnisse sind. Die Tabelle zeigt die Performance der Branchenindizes des S&P-500 jeweils sechs und zwölf Monate nach einer Zinserhöhung durch die Fed seit 1970 (auf Sektorebene zusammengefasst, da die Sektorklassifizierung der Indizes nach dem S&P 500 Global Industry Classification Standard (GICS) nur bis 1990 zurückreicht).

          In der Tabelle ist deutlich zu erkennen, dass Anleger keine Anhänger höherer Zinssätze sind: acht der zehn Sektoren verzeichneten Rückgänge von durchschnittlich einem bis 13 Prozent kurz nach Zinsanhebung; sieben der zehn Sektoren befanden sich auch 12 Monate nach erfolgtem Zinsschritt noch im negativen Bereich. Im Allgemeinen waren stark zyklische und zinssensitive Sektoren wie Finanzen, Industrie, dauerhafte Konsumgüter und Versorger am stärksten betroffen, während Verbrauchsgüter, Energie, Gesundheitswesen und Grundstoffe weniger litten.

          Empfehlenswerte Sektoren

          Das S&P Investment Policy Committee hält angesichts des Risikos höherer Zinsen und einer potentiellen Verlangsamung des Gewinnwachstums an seinem Jahresendziel von 1510 Punkten für den S&P-500 fest. Wir empfehlen eine Übergewichtung des Verbrauchsgütersektors aufgrund der antizyklischen Nachfrage nach zahlreichen Produkten dieses Sektors im Verbund mit den zunehmenden internationalen Absatzmöglichkeiten, die nach unserer Überzeugung die Anfälligkeit gegenüber dem sich abschwächenden amerikanischen Wirtschaftswachstum abmildern könnten.

          Darüber hinaus empfehlen wir, den Sektor Gesundheitswesen überzugewichten, da sich Anleger nach unserer Einschätzung auf Sektoren konzentrieren werden, die ein hohes Wachstum der Gewinne pro Aktie (EPS) versprechen und sich in der Vergangenheit in einem Umfeld geringerer EPS-Zuwächse des Gesamtmarktes infolge schwächeren Konjunkturwachstums gegen den Trend entwickelten.
          In der 23. Kalenderwoche stufte die S&P Equity Strategy Group zwei Sektoren aufgrund des gestiegenen Risikos steigender Zinsen herab: Finanzen (nun Marktgewichtung) und Versorger (nun Untergewichtung). Wir empfehlen eine Übergewichtung des S&P-500-Sektors Verbrauchsgüter - der von einem börsengehandelten Fonds (ETF) nachgebildet wird - und des Sektors Gesundheitswesen, sowie eine Untergewichtung der Sektoren dauerhafte Konsumgüter, Grundstoffe und Versorger.

          Aktualisierte Momentum-Liste

          Anbei finde sie die aktuelle Liste der im S&P-1500 zusammengefassten Branchen mit einer relativen Stärke von fünf (dies bedeutet einen Anstieg der jeweiligen Kursperformance der zurückliegenden zwölf Monate in den oberen 10-Prozent-Bereich aller 136 Branchenindizes des S&P-1500), ergänzt um jeweils eine von S&P mit den meisten Sternen bewertete Aktie (bei einem Patt wurde der Titel mit dem größten Marktwert aufgenommen).

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