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Branchen-Analyse : Europas Pharmawerte sind im historischen Vergleich günstig

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Wegen der vielen Probleme, mit denen sich die Pharmabranche zuletzt konfrontiert sah, sind europäische Parmaaktien zur Zeit historisch niedrig bewertet. Das macht die Titel bei ausbleibenden neuen Hiobsbotschaften interessant.

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          Im vergangenen Quartal wiesen die Aktien europäischer Pharmakonzerne die schlechteste Performance unter den Branchen im Dow Jones Stoxx 600 Index auf. Dies dürfte sich nun ändern, nachdem Bedenken wegen verschärfter Vorschriften der amerikanischen Aufsichtsbehörde FDA geschwunden sind. Für Rückenwind sorgen auch Spekulationen über weitere Akquisitionen in der Branche.

          In der Vorwoche ging es für den Pharmasektor des Dow Jones Stoxx 600 1,8 Prozent aufwärts. Er verzeichnete damit die zweitbeste Performance unter den 18 Branchengruppen in der europäischen Benchmark. Der Stoxx 600 insgesamt bröckelte vergangene Woche 0,3 Prozent auf 265,14 Punkte.

          Die Parmaaktien im Stoxx 600 werden zur Zeit mit einem Kurs- Gewinn-Verhältnis von 17,5 gehandelt, gemessen am Gewinn, der für das laufende Jahr erwartet wird, geht aus Zahlen des Analyseunternehmens FactSet JCF in London hervor. Damit werden sie deutlich niedriger bewertet als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahren, für die sie auf ein KGV von 21,1 kommen.

          Überdurchschnittliches Gewinnwachstum

          "Der ganzer Sektor ist spottbillig", sagt John Kelly, Leiter Kunden-Investments bei Abbey National Plc in London. "Er wurde von allen nur erdenklichen schlechten Nachrichten belastet und ist unterbewertet." Analysten gehen davon aus, daß die Pharmakonzerne im laufenden Jahr ein Gewinnwachstum von 15 Prozent verzeichnen werden, nach zehn Prozent im Vorjahr, geht aus Prognosen hervor, die von FactSet zusammengestellt wurden. Für alle Unternehmen des Stoxx 600 durchschnittlich werden elf Prozent Gewinnwachstum erwartet.

          Auftrieb dürften die Pharmaaktien auch von Fusionen und Übernahmen erhalten. Am 21. Februar gab Novartis AG die Übernahme der Hexal AG und deren amerikanischen Tochtergesellschaft Eon Labs Inc. für etwa 8,3 Milliarden Dollar bekannt. Die Schweizer steigen dadurch zum weltgrößten Generika-Hersteller auf. Sankyo Co. kaufte am 25. Februar für 813,4 Milliarden Yen Daiichi Pharmaceutical Co. Damit stärkte Sankyo die Position als zweitgrößter Pharmakonzern auf dem sieben Billionen Yen schweren japanischen Markt.

          "Für die Unternehmen ist es überaus verlockend, sich Marktanteile zu kaufen, statt organisch zu wachsen", so Kelly von Abbey National. "Nachrichten über Fusionen und Übernahmen in der Branche werden sicherlich dazu führen, daß sich die Einstellung zu Pharmaaktien ändern wird." Bereits im vergangenen Jahr entstand in Frankreich Sanofi- Aventis SA durch die Übernahme von Aventis durch den kleineren Konkurrenten Sanofi für 54 Milliarden Euro. Der weltweit drittgrößte Pharmakonzern gibt am Dienstag das Ergebnis bekannt. Analysten gehen davon aus, daß Sanofi-Aventis für das laufende Jahr ein Gewinnwachstum von 13 Prozent prognostizieren wird.

          Ängste mit Blick auf die Zulassungsbehörde lassen etwas nach

          "Es ist immer noch ein Wachstumssektor", erklärt Dirk Thiels, Vermögensverwalter bei KBC Asset Management in Brüssel. "Wir mögen die Pharmakonzerne." Pharmaunternehmen mit starkem amerikanischen Geschäft wie AstraZeneca Plc erhielten Auftrieb, nachdem die amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) am 18. Februar erklärte, daß Merck & Co. das Schmerzmittel Vioxx auf dem amerikanischen Markt wieder verkaufen darf. Es war Ende September wegen eines erhöhten Risikos von Herzinfarkten vom Markt genommen worden. Die FDA entschied, daß die Vorzüge von Vioxx gegenüber den Risiken überwiegen. Allerdings muß das Medikament mit der deutlichsten Risikowarnung versehen werden.

          Für den Pharmaindex des Stoxx 600 ging es am ersten Handelstag nach der FDA-Entscheidung 3,3 Prozent aufwärts, so stark wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. AstraZeneca, Europas drittgrößter Pharmakonzern, kletterten 4,2 Prozent. Novartis, die Nummer vier der Region, legten 2,7 Prozent zu. Bei beiden Unternehmen entfällt etwa die Hälfte des Umsatzes auf Amerika.

          "Die FDA-Entscheidungen sind überaus wichtig für die europäischen Pharmakonzerne", führt Aaron Barnfather, Fondsmanager bei Newton Investment Management in London, aus. "Wenn es der FDA ausreicht, daß die Hinweise auf dem Beipackzettel erweitert werden, kann das auch für die anderen Pharma-Unternehmen positiv sein", fügt Richard Robinson, hinzu, Fondsmanager bei Ashburton Ltd. in Jersey auf den Kanalinseln.

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