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Branchen-Analyse : Aktienkurse der Ölmultis hinken dem Ölpreis hinterher

  • Aktualisiert am

Bild: Clariden Leu

Die Aktienkurse der großen Ölkonzerne legen nicht so stark zu, wie das die rekordhohen Ölpreise erwarten ließen. Das hat mit Kostendruck zu tun und damit, dass nur wenig neues Öl gefunden wird.

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          Der Ölpreis hat am Donnerstag an der Nymex zwar wieder unter der magischen Marke von 100 Dollar je Barrel geschlossen. Das ändert aber nichts daran, dass sich die Notiz auf einem Höhenflug befindet. So hat der Preis für den Opec Oil Basket seit Ende 2006 um rund 65 Prozent zugelegt. Die Aktienkurse der großen Ölmultis haben diesen starken Preisanstieg aber nicht in diesem Ausmaß mitgemacht. Die Notierungen von Exxon Mobil sind in dieser Zeit nur um gut 13 Prozent gestiegen. Bei Werten wie British Petroleum oder Royal Dutch Shell sind die Kurse sogar gefallen.

          Erklären lässt sich das mit verschiedenen Faktoren. So haben die Ergebnisse des Vorjahres gezeigt, dass es allen großen Erdölgesellschaften schwer fällt, die Produktion zu steigern. Effektiv ist sie sogar gesunken. Die Gründe dafür sind vielfältig, wie die Analysten der Schweizer Privatbank Clariden Leu in einer Studie erläutern: Verzögerungen (und Kostenüberschreitungen) bei großen Projekten wie Kashagan oder Thunderhorse. Enteignungen oder staatliche Eingriffe wie in Venezuela, Russland oder Kasachstan. Die Produktion aus den reifen Feldern sinkt weiter stark. Industrieweit wird von einem Rückgang von vier bis acht Prozent pro Jahr ausgegangen. Mit anderen Worten: Die Industrie muss ihre Produktion um vier bis acht Prozent steigern, nur um stillzustehen.

          Kleinere Ölunternehmen schneiden besser ab an der Börse

          Ein weiterer Grund liegt in der Vertragsstruktur in vielen Wachstumsgebieten: Die so genannten „production sharing contracts“ bedeuten, dass der Produktionsanteil der internationalen Ölgesellschaften sinkt, wenn der Ölpreis steigt. Zudem sinken damit auch die Rechte an den Reserven. Dies ist ein wichtiger Grund für die schwache Entwicklung der Neufunde der vergangenen Jahre.

          Kleineren Unternehmen gelingt es eher, ihre Produktion zu steigern. Sie haben einen geringeren Rückgang aus bestehenden Feldern, und bei ihnen haben auch kleinere Akquisitionen einen Einfluss. Paradebeispiel ist die britische BG Group die aus ihren Feldern bis 2012 keinen Rückgang erwartet. Es ist daher eher nachvollziehbar, dass BG Group dank neuen Projekten bis ins Jahr 2020 die Produktion jährlich um sechs bis acht Prozent steigern will. Und das wird an der Börse mit starken Kurssteigerungen honoriert.

          Die Erdöl- und Erdgasvorräte sind zunehmend in der Hand der staatlich kontrollierten Gesellschaften. Die zehn größten Ölgesellschaften nach Reserven werwden alle von einem Staat kontrolliert und nur die russische Gazprom ist teilweise börsennotiert. Große Reserven an nicht konventionellem Öl liegen in Kanada, wo den Ölgesellschaften freien Zutritt gewährt wird. In Kanadas Ölprovinz Alberta werden Ölsandvorräte in Höhe von rund 175 Milliarden Fass vermutet, was nach Saudi-Arabien mit 260 Milliarden Fass die zweitgrößten Öl-Reserven der Welt wären. Allerdings ist die Produktion von Öl aus Ölsand enorm energieintensiv, umweltverschmutzend und kostet rund 50 bis 60 Dollar pro Fass, wie die Analysten von Clariden Leu kritisch anmerken. Dazu verursacht die aktuelle angewandte Technologie drei Mal soviel Kohlendioxid wie ein konventionell produziertes Fass.

          Kostenexplosion macht den Gesellschaften zu schaffen

          Rohmaterialen, Arbeitskräfte und auch Bohranlagen sind knapp und entsprechend teuer geworden. Bei Bohrschiffen gilt dies besonders für die Tiefsee, wo die Tagesraten mittlerweile neue Rekordstände von 600.000 Dollar erreichen. Auch die Kosten neuer Projekte explodieren geradezu. Für das Kashagan-Ölfeld in Kasachstan, den größten Erdölfund der vergangenen 20 Jahre, sind die Schätzungen für die erste Phase von ursprünglichen zehn Milliarden auf 25-30 Milliarden Dollar gestiegen. Die beschriebenen Entwicklungen führen dazu, dass die Investitionen in der Erdölindustrie weiter steigen. Für 2008 wird ein Anstieg von 14 Prozent geschätzt. Von 2000 bis 2006 haben sich die Investitionen der Industrie zwar verdoppelt; der größte Teil ging jedoch auf das Konto der Kostensteigerungen, führen die Experten der Schweizer Privatbank aus.

          Die Öl-Zulieferindustrie profitiert weiter von diesen Entwicklungen. In Nordamerika haben allerdings Überkapazitäten im Onshore-Geschäft und der Rückgang der kanadischen Gasförderung zu einem schwächeren Wachstum und Margenproblemen geführt. Im Jahr 2008 werden knappe Kapazitäten im Tiefseebereich das Wachstum in diesem Geschäft beschränken. Das Wachstum in Lateinamerika und der östlichen Hemisphäre ist hingegen weiterhin stark. Besonders gut wächst das Geschäft mit den staatlichen Ölgesellschaften. Trotz guten Aussichten ist die Kursentwicklung dieser Industrie ebenfalls abhängig von der allgemeinen Börsenlage und der Ölpreisentwicklung.

          Als Fazit kommen die Analysten von Clariden Leu zu dem Schluss, dass die Ölindustrie zwar vom hohen Ölpreis profitiert, aber gleichzeitig mit den Staaten um Ressourcen und Erträge kämpft und enorme Kostensteigerungen zu tragen hat. In einem Umfeld von stabilen, oder eher leicht sinkenden Ölpreisen bevorzugen sie deshalb die integrierten Gesellschaften, die Gasförderer und als auch die Öl-Dienstleister.

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