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Börsenweisheiten : „Come back on St. Leger Day“?

Camelot ist der Favorit für die St. Leger Stakes 2012: Mögliche Rendite 33 Prozent. Bild: REUTERS

Am Samstag ist „St. Leger Day“, laut Börsensprichwort der Tag, ab dem man wieder Aktien kaufen sollte. Eine Fehlinterpretation, wie auch die Entstehung des Spruches zeigt.

          Wenn am Samstag im englischen Doncaster der Startschuss für das Pferderennen „St. Leger Stakes“ fällt, so ist das ein wichtiges Ereignis für die Börse. Zumindest wenn man auf Börsenaphorismen vertraut, geht auch auf dem Parkett das Rennen los. Denn der „St. Leger Day“ ist Kern des weniger bekannten zweiten Teils der bekannten Regel: „Sell in May and go away; come back on St. Leger Day.“

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Meist wird diese auf ihren ersten Teil verkürzt, womit sie genau betrachtet völlig nutzlos wird. Interpretiert wird „Sell in May“ als angebliche Erfahrungstatsache, dass ab Mai die Börsenkurse eher fallen.

          Von der Börse auf die Rennbahn und zurück

          Die Herkunft des Spruches wirft jedoch ein ganz anderes Licht auf die vermeintliche Börsenweisheit: Die St. Leger Stakes, benannt nach Lieutenant Colonel Anthony St. Leger, werden seit 1779 Mitte September in Doncaster ausgetragen. Sie sind das dritte und letzte Rennen der sogenannten „Triple Crown of Thoroughbred Racing“ für dreijährige Rassepferde, die mit den „2000 Guineas Stakes“ auf der Rennbahn Newmarket beginnt.

          Ausgetragen wurden die „2000 Guineas“ erstmals am 18. April 1809 und galten in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts als prestigeträchtigstes Rennen für Dreijährige. Die „2000 Guineas“ finden stets zwischen Ende April und Anfang Mai statt, 2013 wird es beispielsweise der 4. Mai sein.

          Aktien des St. Leger Day
          Unternehmen Tätigkeit Marktkapitalisierung Ertrag
          MTN Group Telekommunikation 27310 34,54%
          SGS SA Testverfahren 12460 23,12%
          Dairy Farm Lebensmitteleinzelhandel 11420 35,60%
          Kühne & Nagel Logistik 10890 25,66%
          Range Resources USA 8020 33,39%
          Hannover Rück Versicherungen 5910 11,98%
          Cemig Versorger 4540 27,64%
          CAF (Construcciones y Auxiliar de Ferrocarriles) Eisenbahnzulieferer 1210 29,88%
          Fenix Outdoor Textilien 196 25,97%
          Schlossgartenbau Immobilien 129 5,90%
          MME Moviement Medien 105 34,98%
          Quelle: Bloomberg; Alle Aktien brachten in jedem Jahr zwischen St. Leger Day und Mai einen positiven Gesamtertrag (seit 2002); Marktkapitalisierung in Millionen Euro; Ertrag 10 Jahre p.a.

          „Sell in May“ ist damit also keine Erfahrungsweisheit, sondern bezieht sich viel mehr auf die Gepflogenheiten der englischen Oberschicht vergangener Tage. Damals folgten die Börsenhändler ihrer Kundschaft, die sich zwischen Mai und September mehr für die Rennbahn als die Börse interessierte. Die Oberschicht war im Sommer 1838 eher mit der Frage beschäftigt, ob es den Pferden des fünften Earl of Jersey wie 1834 bis 1837 gelingen würde, die 2000 Guineas zu gewinnen, als damit ihren Reichtum an der 1801 formell gegründeten Börse zu mehren. (NB: Die 2000 Guineas gewann 1838 Lord George Bentinck).

          Wer zwischen den St. Leger Stakes und den 2000 Guineas erfolgreich an der Börse gewettet hat, trug ab Mai sein Geld auf die Rennbahn: zu den drei Rennen der „Triple Crown“ oder den fünf „British Classics“, die mit den „2000 Guineas“ beginnen und den „St. Leger Stakes“ enden. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass seinerzeit der Aphorismus seine Berechtigung hatte, fehlte es doch zwischen Mai und September an Investoren und damit auch an Nachfrage.

          Wetten als Renditebringer

          Ob die Strategie heute noch funktioniert, ist umstritten. Die britische Fondsinvestmentplattform FundExpert.co.uk kam vor kurzem in einer Studie zu dem Schluss, das Anleger mit einer „St.Legers-Strategie“ in 23 von 25 Anlageklassen in den vergangenen beiden Jahren bessere Ergebnisse erzielt hätten als wenn sie ganzjährig investiert geblieben wären.

          Doch das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Der amerikanische Vermögensberater Buckingham Asset Management kam schon vor einigen Jahren auf Basis einer Analyse der Jahre 1950 bis 2007 zu dem Schluss, dass die „St.Legers-Strategie“ rein zufällig funktionieren kann, wie etwa 1960, 1970 und 2000. Denn das große Problem der Strategie ist die alternative Anlage der Gelder im Sommer. Buckingham griff dabei auf 30tägige Schatzanweisungen zurück.

          Doch die bringen eben nicht unbedingt hohe Erträge - zumindest nicht so hohe, wie sie auf der Rennbahn möglich sind. Beispielsweise stehen die Wetten auf „Thomas Chippendale“ aus dem Rennstall von Sir Robert Ogden bei den „St. Leger Stakes“ bei 25 zu 1. Selbst für den Favoriten Camelot stehen die Wetten noch bei 1:3. Eine Rendite von 33 Prozent ist mit Schatzanweisungen wohl nicht zu erzielen.

          Immerhin elf Aktien, die in Deutschland gehandelt werden, ist in den vergangenen zehn Jahren das Kunststück gelungen zwischen dem St. Legers Day und Anfang Mai immer einen positiven Ertrag zu erzielen. Die bekanntesten Namen darunter sind der Rückversicherer Hannover Rück und der Schweizer Logistiker Kühne & Nagel. Bisweilen waren die Jahreserträge sogar höher als die möglichen Wettgewinne auf Camelot.

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