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Brüsseler Börse : Spekulationsteuer sorgt für Unmut

  • -Aktualisiert am

Glanzstück: Die große Glocke der Börse in Brüssel Bild: dpa

Die Anleger an der Brüsseler Börse laufen Sturm gegen die Börsenspekulationssteuer. Auch die geplante Superfusion von Anheuser Busch Inbev und SAB Miller bewegt die Gemüter.

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          Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Brüsseler Börsenplatz kaum von den Nachbarn in Frankfurt und Amsterdam. Der Bel-20-Index wies zuletzt bei allen auch in Belgien spürbaren Kursschwankungen seit Jahresbeginn ein sattes Plus von gut 10 Prozent auf rund 3600 Punkte auf. Dass das Unternehmen D’Ieteren, das seit 2012 dem illustren Kreis der Bel-20-Unternehmen angehört, zuletzt erhebliche Rückschläge hinnehmen musste, ist nicht weiter verwunderlich. Hinter dem Namen verbirgt sich nicht nur ein auch in Deutschland unter der Marke Carglass präsenter Anbieter für Autoglasreparaturen, sondern auch der belgische Import- und Vertriebspartner des gebeutelten Volkswagen-Konzerns.

          Weit mehr bewegt die Gemüter in Brüssel, wie es mit der geplanten Superfusion in der Brauereibranche weitergeht. Der mit Hauptsitz im belgischen Löwen ansässige Marktführer Anheuser-Busch Inbev (AB Inbev) will für umgerechnet 95 Milliarden Euro den südafrikanisch-britischen Branchenzweiten SAB Miller schlucken. Nach einer weiteren Fristverlängerung durch die britischen Behörden soll AB Inbev sein Angebot bis Mittwoch präzisieren. Dass der Deal, dem auch noch die EU-Wettbewerbshüter zustimmen müssen, unter gewissen Auflagen über die Bühne gehen wird, gilt als wahrscheinlich. Die meisten Analysten raten daher dazu, die Aktie zu halten. Eine Kaufempfehlung kam von Fachleuten der schweizerischen Großbank UBS.

          Weniger sicher ist, ob AB Inbev seinen Hauptsitz nach London verlegen wird. Zu entsprechenden Mutmaßungen schweigt sich die Konzernspitze bisher aus. Der Konzern, der künftig nicht nur die Marken Beck’s, Budweiser, Corona und Stella Artois sondern auch die bisherigen SABMiller-Produkte Pilsner Urquell und Grolsch brauen will, brachte es schon bisher auf mehr als die Hälfte der gesamten Kapitalisierung der an der Brüsseler Börse gehandelten Unternehmen.

          Anlegerorganisation für Beschränkung der Steuer

          Außerhalb Belgiens nur wenig wahrgenommen wird eine Entwicklung, die für Unmut sorgt. So sollen private Anleger, die Aktien innerhalb von sechs Monaten nach Erwerb wieder veräußern, eine Abgabe von 33 Prozent zahlen. Diese sogenannte Börsenspekulationsteuer haben die flämischen Christlichen Demokraten den Koalitionspartnern in der Regierung im Gegenzug zur Senkung der Lohnnebenkosten abgetrotzt.

          Kritiker argwöhnen, die Steuer treffe vor allem Kleinanleger, da ein Großteil des Handels über im Ausland ansässige professionelle Anleger abgewickelt werde. Sie bezweifeln daher, dass die Steuer die eingeplanten jährlichen Mehreinnahmen von 30 Millionen Euro ermöglichen werde. Der Online-Anbieter Binck Bank drohte bereits damit, sich aus Belgien zurückzuziehen. Die flämische Dachorganisation der Anleger (VFB) hat daher angeregt, die Steuer auf Gesellschaften mit einer Börsenkapitalisierung von mindestens 2,5 Milliarden Euro – die Grenze zwischen großen und mittleren Unternehmen – zu beschränken.

          Sie würde sich dann auf 18 belgische Unternehmen beschränken, die auf insgesamt 86 Prozent des Brüsseler Börsenwerts kommen. Die Spekulationsteuer werde auch Börsengänge neuer, besonders auf Spitzentechnologie ausgerichteter Unternehmen erschweren, bei denen der Börsenwert sich ausschließlich an Erwartungen der Anleger ausrichte. „Die Anwesenheit junger und vielversprechender Biotech-Unternehmen ist gerade eine Stärke der Brüsseler Börse. Das ist zu gut der Hälfte auf den Einsatz privater Anleger zurückzuführen“, heißt es in einer Stellungnahme des Verbands.

          Geplante Base-Übernahme sorgt für Gesprächsstoff

          Für Gesprächsstoff sorgt in Brüssel weiter die geplante Übernahme des bisher zum niederländischen Telekomkonzern KPN gehörenden belgischen Mobilfunkanbieters Base durch die im Bel-20-Index notierte und im flämischen Mecheln ansässige Gesellschaft Telenet; sie wird zu 50,2 Prozent von der amerikanischen Gruppe Liberty Global kontrolliert. 1,3 Milliarden Euro will Telenet, dessen Ergebnisse für das dritte Quartal die Erwartungen übertroffen haben, für Base hinblättern. „Kaufen“, lautet die einmütige Empfehlung führender Analysten.

          Dies gilt auch für Aktien des belgischen Chemiekonzerns Solvay, der sich anschickt, den amerikanischen Konkurrenten Cytec für umgerechnet 5 Milliarden Euro zu übernehmen. Die Europäische Kommission wird spätestens am 18. November darüber entscheiden, ob sie die Fusion – gegebenenfalls unter Auflagen – durchwinkt oder eine vertiefte wettbewerbsrechtliche Überprüfung vornehmen wird.

          Die Geister scheiden sich in Brüssel hingegen am niederländischen Finanzdienstleister Delta Lloyd. Das auch im Bel-20-Index notierte Unternehmen hatte Ende Oktober erklärt, es müsse mindestens 1,2 Milliarden Euro an frischem Kapital aufnehmen, um den Anteilseignern eine Dividende zahlen zu können. Eine Reihe von Analysten rät dazu, sich von der Aktie zu trennen. Die niederländische Rabo Securities empfiehlt „Halten“, Fachleute von Crédit Suisse haben hingegen die Devise „Kaufen“ ausgegeben.

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