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Börsenmonat September : Ein neuer Schrecken für den Markt?

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Bild: seasonalcharts.com

Aktienanleger haben ihre eigene Version des Bermuda-Dreiecks: den Monat September. Die Statistik macht ihn zum schlechtesten Monat des Jahres. Auch abgesehen vom Kalender gibt es eine ganze Reihe von Gründen, wachsam zu sein.

          Vor einem Jahr fegte ein gewaltiger Sturm aus zu hoher Verschuldung und der Eigenheimblase so manches Finanzunternehmen hinweg. Zu ihnen gehörte auch die Bank Lehman Brothers, die am 15. September 2008 Konkursantrag stellte. Die Finanzkrise stieß den Standard & Poor's 500-Aktienindex im letzten September um 9 Prozent nach unten und bereitete einen Absturz um weitere 17 Prozent im Oktober vor.

          Und wahrlich: Der September hat sich seinen Ruf als Schreckensmonat verdient. Der Zusammenbruch des Aktienmarktes von 1929 begann im September. Während des nächsten September, dem vom 1930, fiel der Industriedurchschnitt des Dow Jones um 15 Prozent. Im September 1931 kam es noch schlimmer: Der Dow brach um 30,7 Prozent ein und bescherte dem Index den schlimmsten September seiner Geschichte. Die September-Monate der jüngeren Zeit sahen den S&P 500 im Jahr 1974 um 12 Prozent und im Jahr 2002 um 11 Prozent fallen.

          Laut Stock Trader's Almanac verliert der S&P 500-Index im September durchschnittlich 1,1 Prozent, was ihn zum schlechtesten Monat des Jahres macht. Diesen Hintergrund haben Händler und Anleger vor Augen, wenn sie dem September des Jahres 2009 entgegen sehen.

          „Die Berufshändler sind momentan sehr vorsichtig“, meint Nick Kalivas, leitender Aktienanalyst bei MF Global. Doch abgesehen vom Kalender gebe es eine ganze Reihe von Gründen, wachsam zu sein. Kalivas nennt Skepsis gegenüber der wirtschaftlichen Entwicklung, das Auslaufen der Förderprogramme im Automobil- und Eigenheimsektor und Sorgen um Unternehmensergebnisse und politische Entscheidungen in Washington.

          Verhaltener Sommerhandel - und dann der Aufschwung?

          Die Erinnerung an vergangenen Herbst, einschließlich der Lehman-Pleite, sei aber immer noch frisch, so Kalivas. „September und Oktober sind schon immer volatile Zeiträume für den Markt gewesen“, erklärt er. „Es wird interessant sein zu beobachten, wie die Leute das Déjà-vu der Ereignisse vom letzten Herbst verarbeiten.“

          Eine Theorie zur Erklärung des historisch schlechten Septembers ist, dass das Ende des Sommers eine große Marktschwäche wahrscheinlicher macht. Die Handelsvolumen sind während des Sommers geringer. Im September kehren die professionellen Händler an ihre Schreibtische zurück und planen die Strategie für das letzte Quartal des Jahres. „Jeder, der in den Markt zurückkehrt, erhöht dessen Volatilität“, sagt Mike O'Rourke, Chef-Marktstratege beim Broker BTIG.

          Einige meinen, das September-Phänomen sei nichts als Zufall. Von den 12 Monaten „muss einer der schlechteste sein“, meint John Merrill, Chef-Investmentofficer bei Tanglewood Wealth Management. Auch von der Sommerend-Theorie hält er wenig. Moderne Investoren nähmen im Sommer nicht frei. „Ich kenne keine Investmentfirma von nennenswerter Größe, die im Sommer auf Autopilot schaltet“, so Merrill.

          Selbst für jene, die glauben, dass der Aktienmarkt - aus welchem Grund auch immer - im September stets auf Treibsand baue, ist das kaum ein hinreichender Grund, ihr Anlageverhalten zu ändern. O'Rourke zum Beispiel denkt, dass die wirtschaftliche Erholung in diesem Jahr negative saisonale Effekte aufwiegen könne. „Ich treffe keine Investitionsentscheidung, nur weil wir einen bestimmten Monat haben“, meint John Wilson, technischer Chefstratege bei Morgan Keegan.

          Eine weitere Binsenweisheit unter Anlegern, die sich auf die schlechten Aktienwerte in den Sommermonaten stützt, ist: „Sell in May und Go Away“ (etwa: Verkaufe im Mai und fahr in Urlaub). Aber seit dem 1. Mai hat der S&P 500 um 18 Prozent zugelegt.

          Was der Markt braucht, sind gute Nachrichten

          Diese kräftige Entwicklung bereitet Wilson Sorgen. Der August wird wahrscheinlich der sechste Monat in Folge sein, der dem Aktienmarkt Zugewinne beschert, wodurch der S&P 500 seit März um 40 Prozent nach oben geklettert ist. Diese Entwicklung wird sich kaum ohne Unterbrechung fortsetzen können. „Zumindest eine Stagnation ist unausweichlich“, meint Wilson. „Hier könnte sich eine Korrektur einstellen.“

          James King, President und Chief-Investmentofficer beim National Penn Investors Trust, erwartet einen angespannteren September. Nach Monaten des Zuwachses „brauchen die Märkte ein paar aufregende Neuigkeiten.“ Die werden sie kaum bekommen, wenn sich die Wirtschaft zu langsam erholt. „Die Dinge plätschern dahin. Verbesserungen vollziehen sich nur langsam und mäßig“, so King.

          John Merrill von Tanglewood hingegen glaubt, dass sich der Aktienmarkt in einem „positiven Zyklus“ befinde, wo sich die guten Nachrichten von selbst einstellen werden. „Die übergroße Mehrheit der Wirtschaftsstatistiken ist besser als erwartet.“

          Viele Analysten, darunter Merrill, O'Rourke und Wilson, glauben, dass eine Korrektur des Aktienmarktes im Herbst sehr mäßig ausfallen könnte - wenn es überhaupt eine gibt. Hunderte Milliarden Dollar seien im laufenden Jahr aus den Aktienmärkten abgezogen und auf Bargeldkonten geparkt worden. Diese Masse könnte in den Markt zurückkehren, wenn sich die Bedingungen verbessern.

          Was immer in diesem Herbst geschieht: der September wird nicht der Hauptfaktor sein. Diese Zeit des Jahres mag ein warmer Boden für das Abschmelzen der Märkte sein, aber jedes derartige Ereignis würde zweifellos durch Wirtschafts- und Unternehmensnachrichten ausgelöst werden - nicht durch den Kalender.

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