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Börsenindizes fallen : Chinas Aktionäre schauen in die Röhre

Schanghai: Auf Chinas Straßen läuft es, an der Börse gar nicht Bild: AFP

Die beiden wichtigsten chinesischen Börsenindizes haben im Vergleich zu den großen Konkurrenten Dax, Dow Jones und Nikkei die schlechteste Entwicklung genommen - trotz der guten Wirtschaftslage.

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          China wächst weiter stark, aber seine Aktionäre können sich darüber gar nicht freuen. Die beiden wichtigsten Börsenindizes des Landes, der Schanghai Composite und der CSI 300, der auch den Handelsplatz in Shenzhen berücksichtigt, sind im abgelaufenen Jahr um 6,8 und um 7,8 Prozent gefallen. Hingegen stieg der Dax um 25,5 Prozent. Der Dow Jones in New York legte um 26,5 Prozent zu, der Nikkei in Tokio schaffte sogar 56,7 Prozent. Damit blieben Chinas Börsen zum vierten Mal hintereinander hinter den übrigen großen Finanzmärkten zurück. Und das, obgleich die Wirtschaft hier viel schneller expandiert als die der anderen Länder.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Auch die Profite der notierten Unternehmen sprudeln stärker als in vielen Industrienationen. Sie sind 2013 im Durchschnitt um geschätzt 12 bis 15 Prozent gestiegen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis im Shanghai Composite ist im Vergleich zum Weltaktienindex MSCI auf den schwächsten Stand aller Zeiten gerutscht. Das chinesische Indexniveau ist kaum achtmal so hoch wie die erwarteten Gewinne der berücksichtigen Unternehmen, hingegen notiert der MSCI All Country World vierzehnmal so hoch.

          Bessere Renditen für Immobilien

          Wie gut es China geht, wird sich am Montag zeigen. Dann gibt das Statistikamt das Wirtschaftswachstum für 2013 bekannt. Vermutlich hat das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt um 7,5 bis 7,6 Prozent zugenommen. Das wäre zwar weniger als 2012 und bliebe auch hinter dem Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre zurück. Aber zum einen entspräche die Steigerung den Regierungsvoraussagen, zum anderen wäre die Rate noch immer die höchste unter allen großen Staaten. Trotz der Abschwächung trägt China mehr als ein Drittel zum Wachstum der Weltwirtschaft bei – doppelt so viel wie alle Industrieländer zusammen.

          Die BIP-Ausweitung und die Unternehmenszahlen also sind gut, die Inflationsrate hält sich mit 2,6 Prozent im Rahmen. Trotzdem geht es mit den Aktienkursen weiter bergab: Die Indexverluste um bis zu 5 Prozent markieren den schlimmsten Jahresbeginn seit 2002. Die kurzfristige Erklärung dafür ist, dass die Wertpapieraufsicht zum ersten Mal seit 15 Monaten wieder Neuemissionen erlaubt hat, 50 an der Zahl. Angesichts begrenzter Liquidität treibe diese Aussicht Anleger aus etablierten Titeln heraus, sagt Kelvin Wong vom Bankhaus Julius Baer in Hongkong. Den gleichen Effekt hätten die Turbulenzen am Geldmarkt. Der Liquiditätsengpass habe Banken gezwungen, Anleihen zu den höchsten Zinsen seit der Asien-Krise von 1997 zu begeben.

          Bessere Renditen als an den Börsen versprechen auch Investitionen in Immobilien und in alternative Anlageprodukte. Chen Li von UBS weist auf die stark gestiegene Zahl sogenannter Vermögensverwaltungsprodukte (WMP) hin, deren Rückflüsse interessanter und verlässlicher seien als Wetten auf Kursgewinne; traditionell schütten Chinas Unternehmen kaum Dividenden aus. Eine längerfristige Erklärung für die Entkopplung der Börsen von der Konjunktur hat Horst Löchel parat, Professor für Volkswirtschaft an der Frankfurt School of Finance & Management. „Der chinesische Aktienmarkt hat nichts mit der Wirtschaft zu tun.“ Getrieben würden die Kurse nicht von Unternehmenserfolgen oder Makrodaten, sondern von der Verfügbarkeit von Liquidität, von politischen Einflüssen und von Millionen Kleinaktionären, die eher Spieler als überlegt handelnde Investoren seien. „Der Markt ist unreif, überreguliert und intransparent“, urteilt Löchel, der auch Direktoriumsmitglied im Schanghai International Banking and Finance Institute SIBFI ist. Große Teile der Aktien würden gar nicht gehandelt, sie halte der Staat. Professionell auftretende institutionelle Investoren seien rar, der Streubesitz der emittierten Papiere betrage 60 Prozent. Viele Privatanleger hätten sich in letzter Zeit die Finger verbrannt und scheuten deshalb weitere Engagements. Dennoch gibt es sehr gut laufende Aktien, etwa die des Suchmaschinenanbieters Baidu.

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