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Börsenhandel : Leerverkäufe von Bankaktien wieder erlaubt

  • -Aktualisiert am

Ihre Aktien stehen wieder zum (Leer-)Verkauf Bild: ©Helmut Fricke

Im September 2008 wurde an deutschen Börsen für Leerverkäufe ein Verbot erlassen. Dieses ist nun ausgelaufen. In Europa sind Meldepflichten für Leerverkäufer geplant.

          3 Min.

          Ungedeckte Leerverkäufe von Bank- und Versicherungsaktien sind seit Montag in Deutschland wieder erlaubt. In Frankreich dagegen, das sich dem Kampf gegen diese bei Hedge-Fonds beliebte Spekulationsstrategie besonders verschrieben hat, wurde das Verbot auf unbestimmte Zeit abermals verlängert. Unklar ist, ob in Österreich das dort bis Ende Februar laufende Verbot noch einmal verlängert wird.

          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im September 2008 hatten zahlreiche Aufsichtsbehörden auf der Welt mit befristeten Notverfügungen ungedeckte Leerverkäufe untersagt, weil diese Spekulationsstrategie damals den Abwärtsdruck auf Finanzaktien verschärfte.

          Die Lehman-Leeren

          Bei Leerverkäufen verkauft ein Anleger Aktien, in der Hoffnung, sie später zu einem niedrigeren Kurs zurückzukaufen und so einen Gewinn zu erzielen. Bei gedeckten Leerverkäufen leiht sich der Investor die Aktien, die er verkaufen will. Dies begrenzt den Umfang seiner Leerverkaufsstrategie. Bei ungedeckten oder nackten Leerverkäufen dagegen deckt sich der Spekulant nicht mit Aktien ein, sondern verkauft Aktien am Markt, ohne sie sich ausgeliehen zu haben.

          Bild: F.A.Z.

          Durch das spätere Gegengeschäft entgeht der Spekulant der Lieferverpflichtung. Gerade weil er nicht liefern und sich über Wertpapierleihe nicht eindecken muss, kann er größere Aktienpositionen leer verkaufen als der Spekulant, der sich eindeckt. Ohne überhaupt Aktien zu besitzen, kann ein Spekulant mit ungedeckten Leerverkäufen einen größeren Preisdruck ausüben. Deshalb sind ungedeckte Leerverkäufe an vielen Finanzplätzen verboten. Wo sie erlaubt waren, wurden sie auf dem Höhepunkt der Finanzkrise untersagt.

          Hedge-Fonds hatten vor und nach der Insolvenz von Lehman Brothers mit Leerverkäufen so stark auf die Abwärtsbewegung von Bankaktien spekuliert, dass mehrere Kapitalerhöhungen im Bankwesen zu scheitern drohten. Als dann Ende September 2008 vielerorts das Verbot von Leerverkäufen erlassen worden war, schnellten die Kurse von zahlreichen Bank- und Versichereraktien um zweistellige Prozentsätze in die Höhe. Hedge-Fonds, die auf dem falschen Fuß erwischt wurden, kritisierten das Verbot scharf.

          Meldepflichten

          Der Europäische Verband der Wertpapieraufsichtsbehörden bemüht sich seither in Europa um neue einheitliche Rahmenbedingungen für Leerverkäufe, die an die Stelle der Notverbote treten. Frankreich will den Leerverkäufen den Anreiz nehmen, indem es in die Preise für geliehene Aktien eingreift. Das Committee of European Securities Regulators (CESR), dem auch die deutsche Finanzaufsicht Bafin angehört, will Leerverkäufe auf Dauer nicht verbieten. Aber es soll eine Meldepflicht eingeführt werden.

          In London müssen seit einiger Zeit Leerverkaufspositionen von mehr als 0,25 Prozent des Kapitals von Unternehmen, die eine Kapitalerhöhung vornehmen, öffentlich gemeldet werden. Erwogen wird im Euro-Raum nun eine interne Meldepflicht gegenüber den Aufsichtsbehörden ab einer Leerverkaufsposition von 0,1 Prozent des Kapitals. Dafür bedürfte es für Deutschland einer Gesetzesänderung, womöglich über eine EU-Verordnung.

          Mehr Mut in ruhigerem Wasser

          Zunächst hat nun die Bafin die Notmaßnahme vom September 2008, die sie auf dem Wege einer befristeten allgemeinen Verfügung erlassen und seither mehrmals verlängert hatte, auslaufen lassen. Damit dürfen die zuvor betroffenen elf Finanzaktien, darunter die Dax-Werte Deutsche Bank, Commerzbank, Deutsche Börse, Allianz und Münchener Rück, wieder leer verkauft werden. „Die Lage an den Finanzmärkten hat sich beruhigt. Deshalb gab es keinen Grund mehr, das Aktienleerverkaufsverbot zu verlängern“, sagte eine Sprecherin der dem Bundesfinanzministerium unterstellten Bafin.

          Tatsächlich sind die Kursschwankungen, die mit der Insolvenz von Lehman Brothers gemessen am V-Dax einen Rekord erreichten, seither rückläufig. Auch hat sich der europäische Bankaktienindex seit dem Tief im März 2009 zeitweise verdreifacht. Obwohl die Aktienkurse europäischer Banken gemessen am Index Stoxx Banken seit einem halben Jahr nicht weiter zulegen, konnten etliche Banken wie Société Générale und Unicredit milliardenschwere Kapitalerhöhungen plazieren. Deutsche Banken wie die Commerzbank haben dies dagegen nicht gewagt.

          Kapitalnöte

          Besonders gefährlich war das Spiel mit Leerverkäufen gewesen, als damit auf dem Höhepunkt der Finanzkrise dringend notwendige Kapitalerhöhungen von Banken torpediert wurden. Manche Behörden wie die amerikanische und britische Marktaufsicht hatten deshalb sogar sämtliche Leerverkäufe in Bank- und Versicherungsaktien untersagt. In den Vereinigten Staaten betraf dies zeitweise 799 Finanzinstitute.

          Grund für die rigorosen Schritte der Aufsichtsbehörden war eine Flut von Gerüchten und Leerverkäufen, mit denen vor allem Hedge-Fonds die Aktien von Northern Rock, Bear Stearns, Lehman Brothers, Morgan Stanley, Royal Bank of Scotland bis hin zu irischen und australischen Bankaktien in die Knie zwingen wollten. So konnte die britische Hypothekenbank Bradford & Bingley das Kapital nur zu extrem ungünstigen Konditionen erhöhen; bei der Royal Bank of Scotland drückten Leerverkäufe den Aktienkurs bis nah an den Bezugskurs, und bei HBOS gelang es den Spekulanten gar, den Aktienkurs zeitweilig unter den Bezugskurs zu drücken, was die Konsortialbanken Morgan Stanley und Dresdner Kleinwort in Bedrängnis brachte.

          In Deutschland waren Leerverkäufe für Banken und Unternehmen nie so gefährlich, weil der Handel von Bezugsrechten während einer Kapitalerhöhung nicht so lange gestattet ist wie etwa am Finanzplatz London. Spekulanten haben damit weniger Zeit, gegen eine Kapitalerhöhung zu spekulieren.

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