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Börsengang : Twitter erobert die Börse

Twitter erlebt einen erfolgreichen Börsengang: Niedriges Angebot trifft auf hohe Nachfrage Bild: AP

Twitter hat einen fulminanten Start an der Börse hingelegt - die Wall Street ist begeistert, Experten sind überrascht. Twitter macht nämlich keine Gewinne. Sind wir alle verrückt?

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          Dieser Mann wurde im Anzug bisher eher selten gesehen, normalerweise bevorzugt Dick Costolo Pullover und Jeans. Lässig soll das vor allem wirken, so wie es sich gehört für jemanden, der im Umkreis des kalifornischen Silicon Valley sein Geld verdient – des Ortes, an dem große Internetkonzerne wie Google, aber auch kleine Start-up-Firmen an den Technologien der Zukunft basteln.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Costolo konnte hier lange unerkannt mitbasteln, nun jedoch muss er sich an eine neue Rolle gewöhnen – und zu der passen Krawatte und Sakko besser als der bisherige Schlabberlook: Denn aus der einst kleinen Firma, die er seit 2010 leitet, ist mittlerweile ein Unternehmen geworden, das die Anleger an den Finanzmärkten von sich überzeugen will. Der Vorstandschef trägt darum nur noch Anzug.

          Und seit dem vergangenen Donnerstag weiß die Welt: Das hat sich ausgezahlt. Denn seitdem notiert die Aktie der Kurznachrichtenfirma Twitter (deutsch: Gezwitscher) an der New Yorker Wall Street, und es gibt wohl keinen Börsengang, der die Anleger in diesem Jahr mehr elektrisiert hat.

          Kaum Konkurrenz und eine große Klappe

          Twitter hat nämlich viel von dem zu bieten, wofür Investoren ein Unternehmen lieben: eine rasante Wachstumsgeschichte – weltweit nutzen mehr als 230 Millionen Menschen den Kurznachrichtendienst, um Botschaften (neudeutsch: Tweets) von maximal 140 Zeichen Länge zu versenden. Kaum vorhandene Konkurrenz. Und eine große Klappe: „Jeder Mensch mit Internetzugang soll eines Tages Twitter nutzen“, tönte Vorstandschef Costolo am Donnerstag.

          Trotzdem waren selbst Experten überrascht, als der erste Twitter-Kurs über die Bildschirme der New Yorker Börse flimmerte. 45,10 Dollar stand dort in großen Zahlen – gegenüber dem Ausgabepreis von 26 Dollar ein gewaltiges Plus von mehr als 70 Prozent. So fulminant hat schon lange kein Börsenneuling mehr losgelegt und so viel Geld eingesammelt auch nicht: 1,8 Milliarden Dollar nahm Twitter auf diese Weise ein, mehr konnte aus der Internetbranche nur Facebook bei seinem Börsengang abgreifen.

          Und auch im Vergleich zu manch traditionellem Industrieunternehmen sprengt Twitter alle Maßstäbe: An der Börse ist die Zwitscherfirma bereits ähnlich viel wert wie der Aluminiumkonzern Alcoa oder der deutsche Sportartikelhersteller Adidas. Ein solcher Einstand ruft Befürchtungen hervor: Die ersten Fachleute fühlen sich schon wieder an den Boom um die Jahrtausendwende erinnert, als sich die Anleger um die Aktien jedweder Internetfirma rissen und in der Folge heftige Verluste hinnehmen mussten.

          Ergebnis einer ausgeklügelten Strategie

          Aber auch wer dies für Panikmache hält, fragt sich doch: Kann es mit rechten Dingen zugehen, wenn eine Aktie am ersten Tag so zulegt? Und auf welche Weise lassen sich Internetaktien wie Twitter überhaupt vernünftig einschätzen? Dass der Kurs in so kurzer Zeit so gewaltig hinzugewonnen hat, hat jedenfalls nichts mit Tricksereien zu tun, sondern ist vielmehr Ergebnis einer ausgeklügelten Strategie. Bei der Suche nach dem besten Ausgabepreis für eine Aktie spielen nämlich Investmentbanken eine entscheidende Rolle – und die wollten dieses Mal nur eines vermeiden: dass sich die Blamage des Facebook-Börsengangs aus dem vergangenen Jahr wiederholt.

          Damals war die Facebook-Aktie schon am ersten Tag deutlich unter den Ausgabepreis gefallen, für die beteiligten Banken war es ein Desaster. „Nie wieder“, haben sie sich bei Goldman Sachs und Morgan Stanley geschworen und daher bewusst vorsichtig agiert. Schon in den Tagen vor dem Börsenstart, in denen Großinvestoren wie beispielsweise Fondsgesellschaften bevorzugt Aktien zeichnen können, hatten sie das Blatt nicht überreizt und eine niedrige Preisspanne für die Papiere festgelegt.

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