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Börsengang : Twitter-Aktie für Schatzsucher interessant

Flieg, kleiner Vogel, flieg! Bild: Reuters

Dem Börsengang von Twitter wird mit Spannung entgegen gesehen. Angesichts fehlender Gewinne gilt der Erfolg von Unternehmen und Emission als Glaubensfrage. Doch der könnte hier einmal mehr Berge versetzen.

          3 Min.

          Twitter weckt ungute Erinnerungen an die Dotcom-Blase um das Jahr 2000. Gab es da nicht auch viele Technologiefirmen, die mit gigantischen Absatzprognosen, ohne je einen Cent verdient zu haben und mit unklarem Geschäftsmodell an die Börse kamen und teuer bezahlt wurden? Derselbe Eindruck drängt sich beim Börsengang von Twitter auf. Bei einem Aktienkurs von 26 Dollar, dem Preis je Aktie vor dem ersten Börsengang am Donnerstag, wäre Twitter inklusive Aktienoptionen mit rund 18,1 Milliarden Dollar bewertet, ohne dass der 2006 gegründete Kurznachrichtendienst jemals einen Cent verdient hätte.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Twitter macht sein Geld vor allem mit Werbebotschaften im Nachrichtenstrom der Nutzer, oft davon auf Echtzeitbasis. Beispielsweise hatte der Kekshersteller Nabisco während eines Stromausfalls beim Super Bowl einen Link zu einer Werbung verschickt. 15.000-mal wurde diese Kurznachricht weiter gesendet.

          Steil wachsende Umsätze

          Dass Twitter Geld einnehmen kann, ist unstrittig. Immerhin hat sich der Umsatz zwischen 2010 und 2012 auf 317 Millionen Dollar verelffacht. In den zwölf Monaten vor dem 30. September setzte Twitter 534 Millionen Dollar um. 2014 sollen es 1,14 Milliarden Dollar werden. Dennoch: Gewinn hat dieser Umsatzanstieg bisher nicht gebracht. Immerhin hat sich die Situation verbessert. Betrug der Verlust 2010 mehr als das Doppelte des Umsatzes, waren es zuletzt 25 bis 30 Prozent.

          Auch operativ muss der Kurznachrichtendienst unter Beweis stellen, dass er Geld verdienen kann. Hier betrug der Verlust der vergangenen zwölf Monate rund 36 Millionen Dollar. Ein Gutteil des Verlustes geht auf Zukäufe zurück. So hat das Unternehmen in diesem Jahr für 67 Millionen Dollar das Unternehmen Bluefin gekauft, dass das Interaktionsverhalten im Zusammenhang mit Fernsehsendungen analysiert. Zukäufe dürften weiter zulasten der Gewinne gehen. Schließlich will Twitter mit dem Erlös aus dem Börsengang sein Anzeigengeschäft ausbauen.

          Gewinne irgendwann einmal

          Das Unternehmen selbst hat keine Angaben dazu gemacht, wann es Gewinne erwartet. Investoren soll eine operative Gewinnmarge von 40 Prozent in Aussicht gestellt worden sein, nach nur 6 Prozent im dritten Quartal dieses Jahres. Analysten rechnen im Durchschnitt für 2015 mit ersten Gewinnen auf bereinigter Basis und dann mit einer Marge von rund 6 Prozent. Damit errechnet sich auf Basis der Preisspanne ein Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) zwischen 127 und 139. Auf unbereinigter Basis dürfen Anleger noch länger warten.

          Das erinnert abermals an die Dotcom-Blase unseligen Angedenkens. Die Stimmen an Wall Street fallen entsprechend kritisch aus. Es herrsche ein fast abergläubisches Vertrauen zur Federal Reserve, und Dotcom sei durch soziale Medien plus mobiles Internet ersetzt, beklagt Ian D’Souza, Dozent für Beteiligungskapital und Verhaltensökonomie an der Universität New York gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg.

          Einige Beobachter verübelten dem Unternehmen auch die Anhebung der Preisspanne wenige Tage vor dem Börsengang. Bis zu diesem Zeitpunkt sei Twitter bemüht gewesen, die Fehler der überteuerten und hochgejubelten Facebook-Emission zu vermeiden. Gemessen am Verhältnis von Preis und Umsatz waren die Twitter-Aktien zunächst 27 Prozent billiger als die Facebook-Anteile. Doch schon in der dann tatsächlich festgesetzten Preisspanne von 23 bis 25 Dollar, stieg die Unternehmensbewertung auf bis zu 17,4 Milliarden Dollar bewertet. Damit war aber nach Ansicht vieler Experten fast alles ausgereizt. „Oberhalb von 26 Dollar sieht die Sache ein wenig heikel aus“, sagte etwa Max Wolff, Chefstratege von ZT Wealth der Nachrichtenagentur Bloomberg im Vorfeld. Nun sind es eben diese 26 Dollar und Twitter wird mit 18,1 Milliarden Dollar gehandelt.

          Auf Schatzsuche

          Ob Twitter zu einer Goldgrube werde, sei eine Glaubensfrage, ist zumeist zu hören oder zu lesen. Twitter-Chef Dick Costelo führe Anleger zu einem Sumpf und verspreche ihnen, dass hier einmal das Paradies sein werde, sagt etwa Anthony Catanach, Professor für Rechnungslegung an der Villanova Universität der Nachrichtenagentur AP. Chris Taylor von der auf soziale Medien spezialisierten Nachrichten-Seite Mashable.com  vergleicht Twitter mit der Expedition eines Schatzsuchers.

          Ob die Aktienemission zum Erfolg wird, ist eine andere Frage. Die Nachfrage ist hoch, die Bücher sind offenbar übervoll. Üblicherweise führt das dazu, dass in den ersten Tagen der Kurs steigt, um dann auch aufgrund der Normalisierung der Nachfrage erst einmal zu fallen. Da wie bei Facebook die ersten Quartalsergebnisse als enttäuschend eingestuft werden könnten, könnte das zu einem weiteren Kursverfall führen, weil die Bewertung zur Emission wenig Spielraum lässt. Ebbt dann die Verkaufswelle ab, ist ein lang anhaltender Kursanstieg möglich.

          Für eine solche Kursentwicklung sprechen auch die Erwartungen. Nachdem der Facebook-Kurs im Juli endlich eine rasche Aufwärtsbewegung eingeschlagen hat, ist die Erwartung groß, dass zumindest längerfristig auch die Twitter-Aktie zum Reichmacher wird. Insofern spricht manches dafür, dass es die Aktie nach dem Börsengang bald billiger geben wird.

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