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Börsendebüts : Die Party findet anderswo statt

Kindlicher Spaß an der Wall Street: King Digital Entertainment feierte am Mittwoch den Börsenstart Bild: REUTERS

In London und New York läuft das Geschäft mit Börsengängen exzellent. Obwohl die Bedingungen kaum besser sein könnten, gab es dieses Jahr in Frankfurt keinen einzigen. Warum nur?

          Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen, hat Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) einmal wissen lassen. 100 Börsengänge im Jahr wie in anderen Ländern sind keine Vision, sondern könnten auch das Ziel für Deutschland sein, sagt Reinhold Ernst, Partner der Kanzlei Hengeler Mueller und dort zuständig für das europäische Kapitalmarktgeschäft. Von diesem Ziel ist Deutschland meilenweit entfernt. Null Börsengänge gab es in diesem Jahr, und in Sicht ist bis auf die Abspaltung Buwog von der österreichischen Immofinanz nichts.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Dabei könnten die Bedingungen kaum besser sein. Die deutsche Volkswirtschaft feiert Exporterfolge. Der Kapitalmarkt ist in guter Verfassung. Die Kursschwankungen an den Aktienmärkten sind seit zweieinhalb Jahren gering. Viel Kapital fließt in europäische Aktienfonds. „Für Börsenneulinge sind das Traumbedingungen“, sagt Oliver Diehl, Leiter des Kapitalmarktgeschäfts von Berenberg. Die Bank hat in den vergangenen Jahren die meisten größeren Börsengänge begleitet, ihre Analysten und ihr Kapitalmarktgeschäft aber nach London verlagert. „In Großbritannien wird das Momentum, das die Märkte derzeit bieten, geschickt genutzt.“ Es gebe etwa 100 börsenreife Kandidaten. „Investoren aus England und den Vereinigten Staaten rufen uns an: Wir wollen mehr Geld in Deutschland anlegen. Wo sind eure Börsengänge?“ Die Internationalisierung der Kapitalmärkte kommt Deutschland dabei entgegen. „In Deutschland haben wir nur fünf, sechs große Namen, die als Investoren bei Börsengängen angesprochen werden können, in London sind es 100“, sagt Diehl. Die Investoren legten ihr Geld aber aufgrund ihres europäischen Fokus grenzüberschreitend genauso in Deutschland oder Frankreich an wie in London.

          Das Problem des deutschen Marktes für Börsengänge sitzt tiefer: Die in der Bevölkerung verankerte Skepsis gegenüber dem Aktienmarkt macht auch vor Unternehmern nicht halt. „Für den Inhaber eines florierenden mittelständischen Unternehmens im Schwarzwald hat der Titel eines CEO einer Aktiengesellschaft keinen hohen persönlichen Stellenwert“, sagt Cord Gebhardt, Leiter des Primärmarktgeschäfts der Deutschen Börse und damit zuständig für die Börsengänge. „Sicherlich haben wir in Deutschland eine Vielzahl höchst ertragsstarker und wettbewerbsfähiger familiengeführter Unternehmen, die auch für einen Börsengang in Frage kämen. Solange sie ihr Geld aber woanders herbekommen – und das bekommen sie derzeit sehr günstig von ihrer Bank –, dann tun sie sich mit den Pflichten des Kapitalmarkts, insbesondere den Transparenzpflichten, sehr schwer.“ Gebhardt hält 100 Börsenkandidaten hierzulande pro Jahr deshalb zwar nicht für eine Vision, aber für wenig wahrscheinlich. „Mit Glück und einem groben Raster bleiben vielleicht 25 bis 30 übrig, die wir jährlich für einen Börsengang gewinnen könnten.“

          Auch ein Börsengang in kleinen Schritten ist möglich

          Wolfram Schmitt hat viele Jahre für die Deutsche Bank die Kapitalmarktkommunikation verantwortet. 2010 wechselte er zum Versicherer Talanx, um ihn an die Börse zu bringen, und berät heute für FTI Consulting künftige Börsenkandidaten. „In Hochglanzbroschüren errechnen die Banker einen hohen Betrag, den das Unternehmen mit einem Börsengang erzielen könne“, sagt Schmitt. Doch damit wollen sie vor allem den Auftrag für den Börsengang bekommen. „Wenn die Investoren dann ihre Preisvorstellungen äußern, wird es für viele Unternehmer schwer, wieder von den anfangs geweckten Erwartungen Abstand zu nehmen.“ Viele Börsengänge sind hierzulande an den unterschiedlichen Preisvorstellungen gescheitert. Dabei sollten Unternehmen einen gewissen Abschlag einkalkulieren, sagt Schmitt: „Das ist der Eintrittspreis für den Kapitalmarkt, schließlich sind sie dort Neulinge.“ Später würde sich das anfängliche Nachgeben auszahlen, wenn Kapitalerhöhungen oder weitere Aktien- oder Anleiheplazierungen anstehen.

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