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Börsendebüts : Die Party findet anderswo statt

Um der Angst zu begegnen, im Prozess eines Börsengangs das Vorhaben abzubrechen und als gescheiterter Börsenkandidat mit einem Stigma versehen zu werden, werden bei Börsengängen neue Wege beschritten. Spätestens seit Evonik im vergangenen Jahr den Großteil seiner plazierten Aktien vorab in Investorengesprächen verkauft hatte und nur einen kleinen Teil über ein öffentliches Angebot (Initial Public Offering, IPO) an den Markt gebracht hat, wird über neue Formen diskutiert.

„Evonik hat die Idee für neue Strukturen gegeben, kann aber nur bedingt als Modell dienen“, sagt Jurist Ernst. Schneller und flexibler sollen die Börsengänge gestaltet werden. Beim Talanx-Börsengang ging es in der finalen Phase – allerdings nach langen Hin und Her – plötzlich ganz schnell. „Wir können Börsengänge in Vermarktungsperioden von fünf Tagen an den Markt bringen, wenn es erforderlich ist“, sagt Banker Diehl. Auch Fixpreise anstelle von Zeichnungsspannen konnten in Europa in jüngster Zeit beobachtet werden. Der völlige Verzicht auf ein öffentliches Verfahren, so abschreckend es für manchen Mittelständler sein mag, sei aber nicht sinnvoll. „Die Richtlinien vieler Fonds lassen eine Investition sonst gar nicht zu.“ Auch nur kleine Teile des Unternehmens können in einem ersten Schritt an die Börse gebracht werden. „Nur 10 Prozent sind keine Seltenheit“, sagt Ernst. „Ein Börsengang ist nicht zwingend mit der Abgabe der Entscheidungshoheit über ein Unternehmen verbunden.“

Wer Visionen hat, wird an der Wallstreet wertgeschätzt

Bei der Deutschen Börse sind die Hoffnungen auf deutlich mehr Börsengänge dennoch gering. Ihre technischen Voraussetzungen, die Handelsinfrastruktur und die Regularien hält sie für sehr gut. Für neue Segmente, wie sie im Herbst der ehemalige Wirtschaftsminister Philipp Rösler für Wachstumsunternehmen angeregt hatte, zeigt sie sich offen. „Das allein löst aber das Problem nicht“, sagt Gebhardt. „Die Unternehmen gehen bei der Kapitalmarktfinanzierung dorthin, wo ihr Markt und ihre Vergleichsunternehmen sind, wo das Verständnis für ihr Geschäftsmodell besser ist und wo sie letztlich auch das meiste Geld für ihr Unternehmen bekommen, und das ist gerade im Hochtechnologie- und E-Commerce-Bereich derzeit nicht in Deutschland, wo schon vergleichsweise früh nach schon realisierten Umsätzen und Gewinnen gefragt wird.“ Eine mögliche Chance sieht Gebhardt in der verstärkten Nutzung von börsennotierten Unternehmensanleihen zur Finanzierung: „Das machen auch immer mehr Mittelständler, und so kommen sie mit Investoren ins Gespräch. Im Idealfall ist das der Eisbrecher für einen Börsengang.“

Vorher gelten Gespräche mit den vielen unbekannten Weltmarktführern im deutschen Mittelstand als wenig erbaulich. „Wir machen das immer wieder, aber stoßen häufig auf große Skepsis“, sagt Diehl. Er sieht noch am ehesten Potential für Börsengänge bei Finanzinvestoren (Private Equity), die ihre Beteiligungen verkaufen wollen. Doch manche würden im Zweifel einen Komplettverkauf vorziehen, zumal der Kauf und Verkauf von Unternehmen eher ihr Tagesgeschäft ist, als sich den Launen der Börse auszusetzen. Die Deutsche Börse hat zudem beobachtet, dass die großen Banken sich im Bereich der kleinen und mittelgroßen Unternehmen nicht mehr um Börsengänge bemühen.

Wesentlich erquicklicher ist das Geschäft zum Beispiel in Amerika. An der Wall Street gab es alleine im Januar und Februar 42 Börsengänge und damit doppelt so viele wie im entsprechenden Vorjahreszeitraum und in etwa so viele wie vor Ausbruch der Finanzkrise. Doch dort hat der Titel des Chief Executive Officer (CEO) auch ein ganz anderes Renommee. Und wer Visionen hat, wird an der Wall Street eher wertgeschätzt als zum Arzt geschickt.

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