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Börsengänge : Kursgewinne mit deutschen Neulingen

Guter Start: Derby-Chef Seydler Bild: dapd

Die Aktien von Kabel Deutschland, Brenntag oder GSW brachten hohe Renditen. Die Aufnahmefähigkeit des Marktes für weitere Neulinge ist deshalb jetzt hoch.

          Die drei größten Börsengänge in Deutschland seit Ausbruch der Finanzkrise haben den Aktionären erhebliche Kursgewinne beschert. Wer im März 2010 Aktien des Kabelnetzbetreibers Kabel Deutschland zu je 22 Euro zeichnete, hat heute einen mehr als doppelt so hohen Wert von 46 Euro je Anteilsschein im Depot stehen. Der größte deutsche Börsengang seit dem Hamburger Hafen im Herbst 2007 ist damit ein voller Erfolg für die neuen Aktionäre. Die Skepsis vor der Aktienplazierung, hier wolle nur ein Finanzinvestor Kasse machen, erwies sich als unangebracht. Am Freitag maßen die Analysten der Commerzbank und von Goldman Sachs der Aktie weiteres Kurspotenzial zu. Die amerikanische Investmentbank setzte das mittelfristige Kursziel auf 61,50 Euro herauf.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Auch der zweitgrößte Börsengang nach Ausbruch der Finanzkrise war bislang eine lohnende Geldanlage für die Neuaktionäre. Die Aktien des Chemiehändlers Brenntag wurden im März 2010 zu 50 Euro plaziert. Am Freitag kosteten sie mit gut 82 Euro fast zwei Drittel mehr. Der größte Börsengang im laufenden Jahr und der drittgrößte seit Ausbruch der Finanzkrise liegt zwar nicht ganz so deutlich im Plus. Wer jedoch im April 2011 die Aktien der Berliner GSW Immobilien zu 19 Euro gezeichnet hat, verbuchte bis Freitag einen Kursgewinn von gut 20 Prozent in sieben Wochen. Bester Börsenneuling des Jahres in Frankfurt war bislang der Fahrradhersteller Derby Cycle mit einem Kursplus von 40 Prozent seit Februar. Der Kurs des Herstellers der Marken Kalkhoff, Focus, Raleigh, Rixe und Univega profitierte dabei vom Einstieg des niederländischen Fahrradherstellers Accell Group.

          Größte Aktienplazierung seit mehr als zehn Jahren

          Nach der Flaute an Börsengängen in Deutschland, die im Sommer 2008 einsetzte, und den schlechten Erfahrungen der Anleger mit Börsengängen, die kurz vor dem scharfen Kursrückgang am Aktienmarkt im Sommer und Herbst 2007 ihr Debüt feierten, ist die jüngste Entwicklung ein positives Zeichen für den Markt für Börsenneulinge. Damit Anleger ihr Geld einem an den Kapitalmärkten noch nicht so bekannten Unternehmen anvertrauen, verlangen sie einen Kursabschlag gegenüber Unternehmen der gleichen Branche, die schon an der Börse notiert sind. Sie wollen ihre Risikobereitschaft bezahlt wissen und im Falle eines geglückten Börsengangs zudem die Aussicht auf nennenswerte Kursgewinne haben.

          Die jüngsten positiven Beispiele erhöhen damit die Bereitschaft der Anleger, Börsenneulingen Geld zur Verfügung zu stellen. Mit der chinesischen United Power am 10. Juni und den Adler Modemärkten am 16. Juni sind bereits zwei weitere Börsengänge im streng regulierten Prime Standard der Deutschen Börse fest geplant. Aber auch im weiteren Jahresverlauf könnten auch dank der Erfolge der jüngsten Börsengänge eine ganze Reihe neuer Werte auf die Kurszettel der Börsianer gelangen.

          Ein besonderes Augenmerk richten die Marktteilnehmer dabei auf den Leuchtmittelhersteller Osram und den Spezialchemiekonzern Evonik. Beide haben schon ein Konsortium an Banken beauftragt einen Börsengang vorzubereiten: Evonik setzt dabei federführend auf die Deutsche Bank und Goldman Sachs, Osram ebenso und zusätzlich noch auf die UBS. Den Wert der Siemens-Tochtergesellschaft Osram bezifferten Marktteilnehmer auf rund 7 Milliarden Euro. Der Erlös eines Börsenganges im Herbst könnte bei rund 3 Milliarden Euro liegen. Dies wäre die größte Aktienplazierung seit mehr als zehn Jahren in Deutschland.

          Im November 2000 erlöste die Deutsche Post bei ihrem Börsendebüt 5,8 Milliarden Euro. In diese Größenordnung könnte nach Analystenmeinungen der Börsengang des Essener Spezialchemiekonzerns Evonik vorstoßen. Das mehrheitlich im Besitz der RAG-Stiftung befindliche Unternehmen wird von Analysten auf einen Wert von 15 Milliarden Euro geschätzt. Ein Börsengang im Herbst gilt bei entsprechender Marktlage als wahrscheinlich. Überdies befassen sich auch Deutschlands größte Container-Reederei Hapag-Lloyd, der Versicherungskonzern Talanx und der Gabelstaplerhersteller Kion mit dem Thema Börsengang. Sie gelten jedoch eher als Kandidaten für das Jahr 2012.

          Sind internationale Börsenneulinge zu teuer oder zu billig?

          Die beratenden Investmentbanken verdienen derzeit gut mit Börseneinführungen. Die zehn größten Banken haben in diesem Jahr nach Angaben von Thomson Reuters global 1,7 Milliarden Dollar Prämien für ihre Beratung und ihr Konsortialgeschäft vereinnahmt gegenüber 1,1 Milliarde Dollar im Vergleichszeitraum 2010. Dies ist wichtig für die Institute, denn andere, ehemals lukrative Geschäfte wie der Eigenhandel und das Geschäft mit komplexen strukturierten Produkten ist mit der Finanzkrise weitgehend fortgefallen.Führend sind in diesem Geschäft Morgan Stanley, Deutsche Bank und Goldman Sachs, Bank of America Merrill Lynch, Citi und JP Morgan. Doch die Arbeit der Banken wurde kürzlich scharf von einem der größten Investoren der Welt, Blackrock, kritisiert. Luke Chappell und James Macpherson vom Management der Fondsgesellschaft monierten in einem Schreiben an Vertreter der Investmentbanken, dass die Institute danach bezahlt würden, welcher Aktienkurs am Tag der Börseneinführung erzielt werde. Dies führe zu einer immer aggressiveren Preisgestaltung vor allem durch große Syndikate. Blackrock warnt, dass Unternehmen Banken mit Blick auf völlig unrealistische Bewertungen anheuerten.

          Der Fondsanbieter habe zudem keine Lust mehr, sich als Großinvestor in einem einzigen, einstündigen Informationsgespräch zur Teilnahme an Börseneinführungen bewegen zu lassen. Hinter den Kulissen räumen Vertreter von Investmentbanken ein, dass die Kritik berechtigt sei und sich an dem Verfahren in der Tat etwas ändern müsse. Die Bewertungen seien im Kampf um die Rolle des Konsortialführers mitunter so hoch gewählt, dass in London auch internationale Börseneinführungen abgesagt werden mussten oder der Kurs unter den Einführungskurs sinke. Der Rohstoffkonzern Glencore sei eine löbliche Ausnahme gewesen, weil die City auf den Erfolg der Transaktion geachtet habe.

          Bewertung und die Festsetzung des Ausgabepreises

          Die Diskussion ist bemerkenswert, denn die britische Wettbewerbsbehörde, das Office of Fair Trading (OFT), hatte das Thema vor kurzem untersucht. Dabei hatte das OFT festgestellt, dass die während der Finanzkrise aus Risikogründen auf 3 Prozent gestiegene Bankgebühren trotz der Entspannung an den Finanzmärkten nicht gesunken sei. Auch gebe es nicht genug Wettbewerb unter den Konsortialführern. Unternehmer übten nicht genug Druck auf die Banken aus, die Kosten einer Börseneinführung zu drosseln.

          Das hört sich merkwürdig an, aber Unternehmen haben nach Angaben der britischen Wettbewerbsbehörde zu wenig Erfahrung mit Börseneinführungen und Angst, konkurrierenden Banken vertrauliche Betriebsinformationen zu geben. Börseneinführungen seien ein so komplexes Geschäft, dass Unternehmer die einmal angeheuerte Bank nicht einfach so auswechseln könnten. Es ändere sich offenbar auch wenig an der Situation. Dennoch hat die britische Behörde gefolgert, dass eine formale Wettbewerbsprüfung des Geschäftes nicht notwendig sei. An der Wall Street gibt es hingegen eine Debatte darüber, ob Investmentbanken die Aktien des sozialen Online-Netzwerks Linkedin beim Börsengang zu niedrig bewertet haben.

          Der Aktienkurs des Unternehmens hatte sich am ersten Handelstag mehr als verdoppelt und notiert trotz jüngster Rückschläge immer noch um rund 70 Prozent über dem Ausgabekurs. Einige Kommentatoren werfen den Konsortialbanken Morgan Stanley und Bank of America vor, Linkedin betrogen zu haben, da Linkedin mit einem höheren Ausgabepreis mehr Kapital hätte aufnehmen können. Dieses Geld sei stattdessen in die Hände von Investoren gefallen, denen die Konsortialbanken einen Gefallen tun wollten. Investmentbanker halten dagegen, dass Linkedin das erste soziale Netzwerk war, das an die Börse ging, und es für die Bewertung und die Festsetzung des Ausgabepreises kaum Vergleichsmaßstäbe gab. (bes./nks.)

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