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Börsen-Crash : Das China-Risiko

Doch wenn die Autohersteller leiden, leidet auch der Dax. Das zeigen exemplarisch Berechnungen des Kölner Vermögensverwalters Bert Flossbach: Zwischen März und Mitte Juli sind die drei Autoaktien im Dax im Durchschnitt um 22 Prozent gefallen (das hatte auch mit China, aber ebenfalls mit den allgemeinen Kursverlusten im Zuge der Griechenland-Krise zu tun). Im gleichen Zeitraum hat der Dax 1440 Punkte verloren. Für 370 Punkte davon waren allein die drei Autoaktien verantwortlich.

„Eine echte Krise sehe ich noch nicht“

Wobei man nicht vergessen darf: Auch das Wohlergehen der Zulieferer Continental (Reifen, Elektronik) und Infineon (Halbleiter), ebenfalls beide im Dax gelistet, hängt unmittelbar von der Autoindustrie ab. Sie sind in Flossbachs Berechnung noch nicht einmal berücksichtigt. Zudem sind auch Industriekonzerne wie Siemens, die China mit Maschinen und Anlagen versorgen, von einem möglichen Rückgang des chinesischen Wachstums betroffen. Dies verstärkt die China-Abhängigkeit des Dax. Henning Gebhardt, als Leiter des weltweiten Aktienteams der Fondsgesellschaft DWS für mehr als 90 Milliarden Euro verantwortlich, hat dennoch keine Angst: „Eine echte Krise in China sehe ich noch nicht.“ Jetzt hektisch deutsche Autoaktien auf die Verkaufsliste zu setzen, hält er darum für einen Fehler. Schließlich sei China selbst mit einem geringeren Wachstum als der derzeit offiziell angestrebten Rate von rund sieben Prozent dem Rest der Welt immer noch voraus, schließlich hat noch längst nicht jeder Chinese ein eigenes Auto.

Aber auch Gebhardt hat beobachtet, dass sich in dem Land etwas geändert hat. „Die Phase des ganz großen Wachstums in China ist vorbei. Der Markt wird reifer, damit auch härter umkämpft – die hohen Erträge früherer Jahre sind nicht mehr abzuschöpfen.“ Das hat auch damit zu tun, dass Chinas Regierung in vielen Branchen sehr daran gelegen ist, einheimische Firmen zu echten Konkurrenten der ausländischen Hersteller aufzubauen.

Die chinesische Krise lässt auch die deutsche Wirtschaft nicht unberührt.
Die chinesische Krise lässt auch die deutsche Wirtschaft nicht unberührt. : Bild: F.A.Z.

Auch wenn Großanleger wie Gebhardt die Ruhe bewahren – Warnungen vor China gibt es derzeit von allen Seiten. So schreiben die Experten der Bundesbank in ihrem jüngsten Monatsbericht von „einer erhöhten Störanfälligkeit der chinesischen Wirtschaft wegen des massiven Anstiegs der inländischen Verschuldung“. Das heißt nun nicht, dass es – um im Duktus zu bleiben – auch wirklich zu einer Störung kommen muss. Aber relativ unbestritten ist: China wird in Zukunft nicht mehr so stark zum Wachstum der Weltwirtschaft beitragen können wie in früheren Zeiten. Als Versicherung gegen konjunkturelle Rückschläge auf anderen Märkten taugt das Land auch für deutsche Firmen nur noch mit Einschränkung. Wie stark aber diese Einschränkung tatsächlich ausfallen wird, vermag derzeit niemand zu sagen.

Für Anleger ist das eine unbefriedigende Situation: Denn nichts ist an der Börse so verhasst wie Unsicherheit. Sich vor den möglichen Folgen dieser Unsicherheit vernünftig schützen kann man aber derzeit nicht – es sei denn, man wirft alle Aktien mit China-Bezug aus dem eigenen Depot. Dann allerdings blieben im Dax kaum noch Aktien übrig. Am besten man hält es mit Großanlegern wie Henning Gebhardt: ruhig bleiben, aber die Augen stets offen halten. Denn wie heißt es warnend in einem chinesischen Sprichwort? „Auch der schönste Traum endet mit dem Erwachen.“

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