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Börsenchef Reto Francioni : „Der superschnelle Computer macht die Börse fair“

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Reto Francioni,58, ist seit Oktober 2005 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG in Eschborn bei Frankfurt Bild: Wolfgang Eilmes

Der Chef der Deutschen Börse Reto Francioni findet den Hochfrequenzhandel volkswirtschaftlich nützlich und moralisch in keinster Weise verwerflich. Eine weitere Regulierung lehnt er ab.

          Herr Francioni, Börsencomputer handeln heute in Millisekunden. Ist das noch normal?

          Ja. Und auch nützlich für unsere Volkswirtschaft.

          Die meisten Leute sind anderer Meinung und fürchten, dass mathematisch programmierte Maschinen längst den Menschen entmachtet haben.

          Als Fachmann verstehe ich die Ängste nicht; als Vorstandschef eines Unternehmens, das in der Öffentlichkeit steht, nehme ich sie aber ernst.

          Dann klären Sie uns auf: Was können die Maschinen?

          Weniger, als die Befürchtungen vielleicht vermuten lassen: Das Tempo an der Börse ist viel schneller geworden, anleiten muss den Computer aber unverändert der Mensch. Das ist auch gut so und wird so bleiben. Was die Computer heute machen, haben früher die Banken im so genannten Nostrohandel gemacht. Diese Form des Eigenhandels wird abgelöst vom schnelleren Computerhandel. Aber es ist im Grunde nichts anderes.

          Sie sagen: Es macht keinen Unterschied, wer entscheidet, der Trader oder der Algorithmus?

          Gleich bleibt, dass Sie immer eine Einschätzung des Marktes haben müssen. Beim Bilden dieser Marktmeinung lässt der Computer Sie allein, egal, wie schnell er seine Order abgibt. Das mussten und müssen Menschen machen. Der Algorithmus führt nur aus, der Entscheidungskorridor wird vorher durch den Programmierer bestimmt.

          Aber das ist doch Zocken, reiner Selbstzweck?

          Nein, das ist kein Selbstzweck. Die Kapitalmärkte sollten zuallererst und mit großer Priorität für die Realwirtschaft da sein. Man muss einmal daran erinnern, wie Börsen funktionieren.

          Nämlich?

          Die Börse ist eine Einrichtung, über die Unternehmen möglichst günstig an Kapital kommen, mit dem sie dann Investitionen tätigen und damit Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze schaffen können. Wir als Börse stellen dabei vollkommene Transparenz und Fairness für alle Marktteilnehmer sicher und machen damit das marktwirtschaftliche System stabiler.

          Was stellen Börsen her?

          Wir liefern einen Marktplatz, auf dem gehandelt wird, und wir liefern Preise, zu denen die Investoren ein Unternehmen bewertet haben. Im Preis sind alle Informationen über ein Unternehmen zum Zeitpunkt der Preisbildung enthalten. Und alle Investoren müssen gleichzeitig mit kursrelevanten Informationen beliefert werden.

          Das ist die ideale Welt effizienter und rationaler Märkte, in der Menschen miteinander handeln. Aber seit einigen Jahren ist alles ungeheuer schnell geworden.

          Das stimmt. Wir sind jetzt im Millisekundenbereich. Angefangen hat es im Sekundenbereich. Noch früher arbeitete man mit Telex und Fax, davor per Ausruf. Aber diese weit bessere Ausstattung mit Technik hat große Vorteile. Heute ist alles viel transparenter und fairer für alle Marktteilnehmer: Jetzt hat jeder einen Einblick in das Auftragsbuch und damit in die Preisbildung. Früher konnten sich Insider gegenüber den Nichtinsidern Vorteile verschaffen, konnten auch manipulieren. Das ist heute an der Börse selbst kaum noch möglich.

          Aber diese Schnellhändler haben doch kein langfristiges Interesse: neuer Tag, neues Glück.

          Am Abend sind die Positionen der Hochfrequenzhändler in der Regel wieder ausgeglichen, das stimmt, ist aber nicht negativ, im Gegenteil. Es gibt nun einmal verschiedene Arten von Investoren: Die einen wollen langfristig investieren, die anderen bewegen sich kurzfristig im Markt. Beide Investorentypen schließen Transaktionen ab und nutzen damit der Volkswirtschaft.

          Wird nicht Ihre ideale Börsenwelt durch schnelle Computer verzerrt, die sich, von Algorithmen gesteuert, längst verselbständigt haben?

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