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Börsenchef im Interview : „Manche glauben, sie könnten über Wasser gehen“

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Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse Reto Francioni Bild: Wolfgang Eilmes

Börsenchef Reto Francioni zieht Bilanz: Ein Gespräch über leichtsinnige Anleger, aufmüpfige Aktionäre und die Rückkehr nach Zürich.

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          Herr Francioni, Sie haben sich am Mittwoch von Ihren Aktionären verabschiedet. Warum gehen Sie mit 60 bei voller Leistungskraft in Pension?

          Sie haben recht, für Pension wäre es sicher zu früh. Ich freue mich auf den neuen Lebensabschnitt. Es wird neue Aufgaben geben, und darauf freue ich mich ebenfalls.

          Was haben Sie vor?

          Ich werde mich um meine Tätigkeit im Verwaltungsrat der UBS kümmern und ebenso um die Professur an der Universität Basel. Verschiedene andere Mandate werden noch dazukommen. Anfragen, die mir vorliegen, werde ich in Ruhe prüfen.

          Das heißt: Sie haben Angst vor dem Ruhestand, der Leere nach dem Leben als Vorstandsvorsitzender?

          Nein, überhaupt nicht. Ich bin halt nicht mehr operativ tätig, konzentriere mich auf strategische Fragen, werde sehr gezielt auswählen, was ich mache. Das ist eine andere Qualität, zu arbeiten - und auch zu leben.

          Wie viel Stunden arbeitet ein CEO der Deutschen Börse?

          Die Einsatzbereitschaft ist permanent gefordert, rund um die Uhr, auch am Wochenende, auch im Urlaub. Nicht, weil ich nicht loslassen könnte, ich bin nicht wild darauf, sonntags zu arbeiten, ich habe auch einen sehr guten Stellvertreter. Trotzdem muss ich immer erreichbar und handlungsfähig sein, so wie jeder Manager in dieser Kategorie.

          Die Börse schließt doch Freitag-Nachmittag, dann ist Ruhe.

          Ich glaube, Sie haben da ein falsches Bild. Es gibt immer Themen, nicht zwingend Riesenprobleme, aber Fragen, wo es einen Entscheid des Chefs braucht: Gehen wir in der Sache nach links oder rechts? Gerade Personalfragen sind oft am Wochenende zu lösen. Auch die Asien-Flüge beginnen immer am Sonntagvormittag, sonst verliere ich zu viel Arbeitszeit.

          Was hat der Chef der Deutschen Börse überhaupt in Asien zu suchen? Wer wartet da auf Sie?

          Erst mal die Kunden, aber auch Regulatoren, Partner und so weiter. Da braucht es einen permanenten Kontakt. Unsere chinesischen Partner wollen den Chef sehen. Die folgen da ganz dem Top-down-Ansatz. In Amerika ist das nicht anders, auch dort muss der Chef vor Ort auftauchen. Asien ist mir aber auch persönlich ganz besonders wichtig. Das Wachstum liegt in Asien. Dort liegt ein wesentlicher Teil unserer Zukunft.

          Blicken wir zurück auf Ihre Jahrzehnte als Top-Manager, was war die aufregendste Zeit?

          Die Digitalisierung der Börsen, die Einführung von Xetra, die Auseinandersetzung mit aggressiven Hedgefonds. Consors war sehr spannend, nah am Kunden, eine Superzeit ...

          … Sie waren zu Zeiten der New Economy Vorstand der Direktbank Consors ...

          Ja, und ich war der Erfahrenste dort, mit meinen damals 45 Jahren.

          Aus heutiger Sicht waren damals jede Menge Scharlatane und Phantasten unterwegs.

          Es hat eine Überhitzung gegeben. Der Kern der New Economy war aber gut, es hat in dieser Phase auch unglaubliche, heute nicht mehr wegzudenkende Fortschritte gegeben, gerade im Finanzbereich. Natürlich war da der ein oder andere Ausreißer, Leute, die geglaubt haben, sie könnten über Wasser gehen. Leider hat die Hybris von diesen wenigen das öffentliche Bild zu stark geprägt.

          Was ist geblieben aus dieser Zeit?

          Dieser unglaubliche Schub aus dem Internet, der hat unsere Welt, unser Denken, unsere Wirtschaft und auch unser soziales Miteinander verändert.

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