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Hang Seng-Index : Hongkongs Börse ist eingezwängt zwischen zwei Welten

Händler an der Börse in Hongkong. Bild: dpa

Die Inselbörse ist abhängig von Amerika und dem volatilen chinesischen Festland.

          3 Min.

          Die wohl berühmteste Börsenweisheit des 1999 verstorbenen Aktiengurus André Kostolany lautete „Kaufen und liegen lassen“. In Hongkong scheint dieses Gesetz nur begrenzt zu gelten. Mit dem New Yorker Dow Jones-Index hätten Anleger eine Rendite von mehr als 60 Prozent erzielt, wenn sie vor fünf Jahren einen Fonds gekauft hätten, der den Index abbildet. Mit dem deutschen Aktienindex hätten sie sogar 94 Prozent in diesem Zeitraum gewonnen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Und mit dem Hongkonger Hang Seng Index, der die wichtigsten Werte der viertgrößten Börse der Welt abbildet? Dort stünde beim Einstieg vor fünf Jahren ein Plus von 17 Prozent. Besser als nichts - und Glück gehabt: Wer ein Jahr später einstieg, der hat bis heute 6 Prozent Minus gemacht. Verglichen mit seinen Wettbewerbern von den anderen Börsenplätzen auf der Welt ist der Hongkonger Aktienmarkt eine Enttäuschung. Oder wie es der Branchendienst Bloomberg nennt: die Börse mit der „schlechtesten Leistung nach Neuseeland, Ghana und den Philippinen“.

          HANG SENG

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          Den Sieg wird Hongkong in diesem Jahr nur in einer Disziplin erringen: als Börsenplatz mit den meisten Neuemissionen auf der Welt. Doch das war Hongkong auch im Jahr zuvor schon. Verglichen mit 2015 fällt zudem auch diese Bilanz enttäuschend aus: Im Vorjahr habe es noch 26 Prozent mehr Börsengänge gegeben als in diesem, hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ausgerechnet. Dabei würden bis zum Jahresende wohl 195 Milliarden Hongkong-Dollar eingesammelt worden sein, lautet die Schätzung, was 24 Milliarden Euro entspricht.

          Chinas Privatunternehmen gieren nach der Börse

          Die KPMG-Analysten erwarten, dass sich diese Summe im kommenden Jahr zumindest leicht um 2,45 Prozent erhöht. Der Grund dafür ist aber wohl eher nicht die Leistung des Hongkonger Aktienmarkts, sondern der Aufstieg der Volksrepublik China. Weil von den chinesischen Staatsbanken gemeinhin nur Staatskonzerne Kredit erhalten, gieren Chinas Privatunternehmen nach der Börse als Mittel zur Kapitalbeschaffung. Die Liste mit den Bewerbern, die in Hongkong gerne gelistet werden würden, ist 700 Namen lang.

          Wer es von den chinesischen Unternehmen nicht auf die Insel schafft, muss mit einer Notierung in Schanghai vorliebnehmen, deren Kurse vor allem von nicht selten über Nacht verkündeten neuen Regulierungen der chinesischen Regierung getrieben werden. Und von der Zockerlust der chinesischen Privatanleger, die das Geschehen in Schanghai ganz überwiegend bestimmen. Die Börse dort steht in der Rangfolge mit den meisten Neuemissionen auf der Welt auf Platz zwei, hat aber in diesem Jahr mit geschätzt umgerechnet 14 Milliarden Euro weit weniger Kapital eingesammelt als Hongkong.

          Das mag auch daran liegen, dass in der früheren Kronkolonie und heutigen chinesischen Sonderverwaltungszone mit einem unabhängigen Rechtssystem vor allem institutionelle Investoren die Aktien an der Börse kaufen: internationale Banken und Pensionsfonds, die über umfangreiche Mittel verfügen. Gehandelt werden aber Anteilsscheine aus China, notiert in Hongkong-Dollar. Es ist diese Konstellation, die die Kurse in Hongkong immer wieder für ein paar Monate hochschnellen lässt, bevor dann stets der Sinkflug in fast demselben Umfang einsetzt. Seit dem Höhepunkt im September ist der Verlust schon fast zweistellig.

          Chinas Banken haben einen Haufen fauler Kredite

          Hongkongs Währung ist an den amerikanischen Dollar gekoppelt. Wenn dieser steigt wie derzeit, weil es die Vermutung gibt, dass die amerikanische Federal Reserve unter der Präsidentschaft von Donald Trump den Leitzins erhöhen könnte, steigen auch die Werte in Hongkong. Gleichzeitig sind dort jedoch eben zunehmend Werte aus Festlandchina gelistet. Gibt es in der chinesischen Wirtschaft Probleme, und die gibt es derzeit reichlich, schlägt sich dies negativ auf den Markt in Hongkong nieder.

          Den großen chinesischen Immobilienentwicklern geht es derzeit nicht gut, weil viele Unternehmen überschuldet sind, die Kapitalkosten steigen und der Bauboom der früheren Jahre vorbei ist. Die großen chinesischen Banken haben einen Haufen fauler Kredite in ihren Bilanzen, was ebenso Sorgen schafft.

          Die Währung Yuan fällt in schnellem Tempo und treibt das Kapital aus dem Land. Die Geldströme, die zuvor über die Verbindung der Hongkonger Börse mit dem Aktienmarkt in Schanghai (Stock Connect) vom Festland nach Hongkong strömten, dünnen aus. Peking wirft in großem Stil Teile seiner amerikanischen Währungsanleihen auf den Markt, um den Kurs zu stabilisieren. Generell ist das Tempo des chinesischen Wirtschaftswachstums auf den niedrigsten Stand seit einem Vierteljahrhundert gesunken. Hongkongs Börse ist also hin- und hergerissen, zwischen den Stimmungen von zwei Welten. Kein Wunder, dass die Kurse langfristig kaum vom Fleck kommen.

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