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Verdacht gegen Börse-Chef : Fusion ohne Vertrauen

Noch Herr im Haus: Carsten Kengeter in Eschborn bei Frankfurt Bild: Helmut Fricke

Der Verdacht auf Insiderhandel gegen Deutsche-Börse-Chef Kengeter erhärtet sich. Dass Hessen die Fusion so durchwinkt und das Schicksal der Börse in seine Hände legt, glaubt kaum noch jemand.

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          Die Wortwahl variiert von Todesstoß über endgültig gescheitert oder Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Doch alle Gesprächspartner, die sich mit der Börsenfusion näher befassen, lassen keinen Zweifel daran, dass die Ermittlungen der Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, die geplante Fusion mit der Londoner Börse in ihrer jetzigen Form scheitern lassen.

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Börse ist kein normales Unternehmen, sondern mit der öffentlich-rechtlichen Aufgabe betraut, einen ordnungsgemäßen Börsenhandel zu gewährleisten. Das Land Hessen wacht darüber. Und es kann die Fusion untersagen. Vertrauen spielt dabei die entscheidende Rolle. Vertrauen in Carsten Kengeter, denn er soll die fusionierte Börse führen, einem Konstrukt nach britischem Recht mit Sitz in London.

          Die Zweifel daran sind schon immer groß, weil Hessen befürchtet, seine Zugriffsrechte und den Einfluss auf die Fortentwicklung des hiesigen Börsenbetriebs bei einem Sitz in London zu verlieren. Kengeter sieht sich selbst als Garantie für Frankfurt in dem von britischen und amerikanischen Aktionären dominierten Börsenkonzern.

          Am 14. Dezember 2015 hatte Kengeter für 4,5 Millionen Euro Aktien des eigenen Unternehmens gekauft und dafür zusätzlich vom Unternehmen Anteile an einem Vorstandsvergütungspaket für weitere 4,5 Millionen Euro bekommen. Zwei Monate später wurde die geplante Fusion mit sehr vielen Details publik. Vergangene Woche hat der Aufsichtsrat unter dem Vorsitzenden Joachim Faber einstimmig Kengeter sein Vertrauen ausgesprochen. Fusionsverhandlungen haben im Jahr 2015 nicht stattgefunden, so die Feststellung der Aufsichtsräte.

          Doch immer mehr Details sprechen dagegen. Schon im November habe Kengeter im Kanzleramt vorgesprochen und auch von der Bedingung der Londoner Seite berichtet, der Sitz müsse in London sein. Auch mit dem Bundesfinanzministerium sollen entsprechende Gespräche schon vor dem Aktienkauf geführt worden sein. Die Staatsanwaltschaft weiß von Gesprächen auf Leitungsebene aus dem Sommer 2015 zu dem Fusionsvorhaben.

          Insiderhandel ist längst kein Kavaliersdelikt mehr und die Regeln wurden immer wieder verschärft, um das Vertrauen in einen ordnungsgemäßen Börsenhandel zu stärken. „Gerade der Vorstandsvorsitzende eines Unternehmens, das für die Durchführung eines ordnungsgemäßen Börsenhandels zuständig ist, müsste daher mit eigenen Aktiengeschäften besonders sensibel umgehen“, sagt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

          Dies sehen viele auch in Wiesbaden so. Unabhängig davon, ob die Staatsanwaltschaft letztlich Anklage erhebt, hätte sich Kengeter mit seinem Aktiengeschäft nie in diesen Graubereich begeben dürfen, heißt es. Immer mehr Unternehmen untersagen ihren Führungspersonen Aktiengeschäfte vor heiklen Unternehmensterminen wie der Bekanntgabe von Geschäftszahlen grundsätzlich.

          Klima zwischen Börse und Hessen vergiftet

          Der Vorgänger von Kengeter, Reto Francioni, habe peinlichst genau darauf geachtet, auch nicht den leisesten Verdacht von Mauscheleien zu erwecken. Er habe eben Instinkt gehabt und war auch nicht so aufs schnelle Geld aus, wird berichtet. Er hätte dafür gesorgt, dass ein solches Angebot von Aufsichtsratschef Faber (4,5 Millionen Euro extra von der Börse beim Aktienkauf) ihm so nicht gemacht wird oder zumindest nicht zu so einem Zeitpunkt.

          Die Stimmung zwischen dem Land Hessen und der Börse sei nun endgültig vergiftet, heißt es. Schon zu Beginn, als die Fusionsabsicht publik wurde, soll Kengeter Ministerpräsident Bouffier versichert haben, die Sitzfrage sei noch offen und er kämpfe für Frankfurt. Kurz danach gab er den Sitz London öffentlich bekannt.

          Auch bevor die Aktionäre der Fusion zustimmen sollten, wurden sie beschwichtigt, das Referendumkomitee unter Leitung von Faber werde dafür sorgen, dass nach dem Brexit-Votum die Fusion mehr zu Frankfurter Gunsten austariert werde. Nachdem die Aktionäre – im Fall der Deutschen Börse nur nach Verlängerung der Umtauschfrist und Senkung der nötigen Annahmequote – ihre Zustimmung gaben, ist davon keine Rede mehr. Der Vertrag sei schließlich in dieser Form mit Sitz in London angenommen worden und könne nun nicht mehr geändert werden, heißt es von der Börse. Einige Aktionäre sehen sich von Kengeter und Faber getäuscht.

          Es ist eine Sitzfrage

          Unter diesen Umständen fehlt es den meisten Beobachtern an Phantasie, wie noch ein fusionsrettender Kompromiss zwischen dem Land Hessen und den Börsen zustande kommen könnte. Die EU-Kommission will bis zum 3. April entscheiden, ob der Zusammenschluss der mit Abstand größten europäischen Börse (Deutsche Börse) mit der Nummer zwei (London Stock Exchange), den Wettbewerb behindern könnte. Stimmt die EU zu, muss Hessen Farbe bekennen.

          Mit Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) äußerte sich vor gut einer Woche erstmals ein Kabinettsmitglied aus Hessen öffentlich sehr deutlich und gab den Unternehmen den dringenden Rat, sich in der Sitzfrage zu bewegen. Strukturentscheidungen wie der Sitz seien auf lange Sicht wichtiger als die Besetzung von Spitzenpositionen. Die Börsenaufsicht obliegt Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne).

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