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Börse Johannesburg : Wettlauf um Afrikas Unternehmen

Die Börse in Johannisburg Bild: AFP

Seit Jahren umgarnt die Johannesburger Börse afrikanische Unternehmen von Nairobi bis Lagos, bei ihnen ihre Aktien zu zeichnen. Die Konzerne ziehen aber nur zögerlich mit. Wenn sie Eigenkapital benötigen, gehen sie lieber nach London, New York oder Toronto.

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          Die Nachricht dürfte die Chefin der Johannesburger Börse (JSE), Nicky Newton-King, wenig gefreut haben. Der nigerianische Dangote-Konzern, eines der größten Konglomerate auf dem afrikanischen Kontinent, plant eine Notierung seines Zementgeschäfts an der Londoner Börse. Es könnte einer der größten Börsengänge des Jahres werden. Unternehmer Aliko Dangote, der reichste Mann in Afrika, schätzt die Marktkapitalisierung auf 40 Milliarden Dollar, weit mehr als diejenige des Branchenführers Lafarge.

          Arbeiter einer Zementfabrik von Dangote in Obajana (Nigeria)
          Arbeiter einer Zementfabrik von Dangote in Obajana (Nigeria) : Bild: REUTERS
          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          So einen Neuzugang hätte sich auch Newton-King gewünscht. Seit Jahren umgarnt die Börse afrikanische Unternehmen von Nairobi bis Lagos. Manager der JSE reisen unermüdlich auf dem Kontinent herum, um Gesellschaften zumindest zu einer Zweitnotierung an dem mit weitem Abstand größten afrikanischen Finanzmarkt zu bewegen. Die Südafrikaner haben sich das Ziel gesteckt, für internationale Anleger zu einem „Tor zum Kontinent“ zu werden. Der Rest Afrikas aber zieht nur zögerlich mit. Lieber blicken die Konzerne nach London, New York oder Toronto, wenn sie Eigenkapital benötigen. Das mag teurer sein, aber sie erhoffen sich dort ein größeres Publikum – und mehr Prestige.

          „Blue-Chip-Index für Afrika“ gescheitert

          Den Beleg für diese Entwicklung lieferte die JSE vor wenigen Wochen selbst, als sie kurz und knapp das Ende ihres „Africa Board“ bekanntgab. Das Projekt war im Jahr 2009 mit viel Getöse vom früheren Börsenchef Russel Loubser gestartet worden. In dem Marktsegment sollten Anleger erstmals afrikanische Unternehmen mit Sitz außerhalb Südafrikas auf einen Blick finden können, eine Art „Blue-Chip-Index für Afrika“. Die JSE hatte gehofft, 40 Kandidaten dafür zu begeistern, darunter Dangote und den führenden ostafrikanischen Mobilfunkkonzern Safaricom aus Kenia.

          Aliko Dangote geht mit seinem Unternehmen lieber in London an die Börse.
          Aliko Dangote geht mit seinem Unternehmen lieber in London an die Börse. : Bild: REUTERS

          Die Bilanz drei Jahre später fiel ernüchternd aus: Dem Africa Board gehörten bis zuletzt nur zwei, nicht gerade prominente Unternehmen an: der Finanzdienstleister Trustco aus Namibia und der Tourismusanbieter Wilderness Safaris aus Botswana. Beide wechselten jetzt vom Africa Board zum Hauptmarkt der JSE, wo insgesamt zwölf ausländische afrikanische Unternehmen notiert sind.

          Image als Segment zweiter Klasse

          „Wir haben geglaubt, dass sich ausländische Fondsmanager wohler fühlen, über die JSE zu agieren, weil sie unsere Handelssysteme und Regularien kennen“, sagte JSE-Direktorin Siobhan Cleary. In der Praxis aber habe das Marktsegment bei einigen den Ruf gehabt, ein Segment zweiter Klasse zu sein. Auch fehlte vielen Unternehmen die Möglichkeit, sich mit anderen aus ihrer Branche vergleichen zu können. Mehr noch aber mag es daran gelegen haben, dass die Charmeoffensive des „Goliath“ aus Johannesburg in den anderen afrikanischen Staaten auf wenig Begeisterung stieß, auch wenn die dortigen Börsen von einem regeren Aktienhandel in Johannesburg profitieren könnten. Abgesehen von der JSE werden fast alle afrikanischen Börsen von den Regierungen oder Zentralbanken kontrolliert. Auch die meisten namhaften Unternehmen sind eng mit der Politik verquickt.

          Die Johannesburger Börse ist bei afrikanischen Unternehmen weniger beliebt.
          Die Johannesburger Börse ist bei afrikanischen Unternehmen weniger beliebt. : Bild: REUTERS

          Anleger, die sich für afrikanische Papiere interessieren, müssen an kleineren afrikanischen Marktplätzen heute teils unüberwindliche Hürden nehmen: minimale Liquidität, das Fehlen von elektronischen Handelssystemen, komplizierte Regularien. Auch die Handelszeiten sind vielerorts kurz. In Sambia und Uganda haben die nationalen Aktienmärkte nur zwei Stunden am Tag geöffnet. Selbst an der Börse in Mauritius, die zu einer der führenden auf dem Kontinent aufsteigen will, wird der Handel jeden Tag um 13.30 Uhr beendet. An der JSE dagegen finden an einem Tag mehr Transaktionen statt als an allen anderen afrikanischen Börsen in mehreren Monaten. Zweimal hintereinander hat das Weltwirtschaftsforum die JSE als die bestregulierte Börse der Welt ausgezeichnet.

          Pan-afrikanische Handelsplattform gilt als unerreichbar

          Trotz des „Africa Board“-Debakels hält die Betreibergesellschaft daher an ihrem Plan fest, Anlegern einen leichteren Zugang zu einem Markt zu ermöglichen, den Analysten als einen der letzten Wachstumsmärkte der Welt bezeichnen. Die beste Lösung für die Anleger und für den Kontinent wäre eine pan-afrikanische Handelsplattform, sagt Cleary. Dies aber gilt mittlerweile als unerreichbar. Stattdessen wollen die Südafrikaner weiter über Kooperationen mit anderen Börsen verhandeln – zumindest auf technischer Ebene.

          Als Alternative zu Zweitnotierungen ist an die Einführung von sogenannten Depositary Receipts gedacht. Damit können Anleger in Johannesburg Zertifikate auf Anteile an afrikanischen Unternehmen erwerben, auch wenn diese nicht an der JSE gelistet sind. Nach den Erfahrungen in der Vergangenheit aber erwartet niemand schnelle Fortschritte. „Wenn wir noch 40 oder 50 Jahre verhandeln müssen, dann ist das eben so“, hatte der frühere Börsenchef Loubser damals zum Start des Africa Board gesagt: „Wir können offensichtlich niemanden zwingen.“

          Tansania will einheimische Mobilfunkkonzerne zu Börsengang in Daressalam verpflichten

          Zumal die potentiellen Kooperationspartner auch nicht untätig bleiben. In Tansania beispielsweise tritt im kommenden Jahr ein umstrittenes Gesetz in Kraft, das die im Land tätigen Mobilfunkkonzerne zu einem Börsengang in Daressalam verpflichtet. Daran wollen sich auch andere Regierungen ein Beispiel nehmen. Zwang ist aber nicht immer vonnöten. So werden die Aktien der in London erstnotierten Africa Barrick Gold seit kurzem auch an der Börse in Daressalaam gehandelt.

          In Sambia können sich Anleger am kanadischen Rohstoffkonzern First Quantum beteiligen. Viel Wirbel verursachte im vergangenen Jahr die Notierung des in London ansässigen Ölkonzerns Tullow Oil an der Börse in Ghana. Durch den Neuzugang verdoppelte sich der Marktwert der gesamten Börse buchstäblich über Nacht. Von einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die JSE sind die Marktplätze freilich noch weit entfernt. Eine Notierung bedeutet noch lange nicht, dass die Aktien auch rege gehandelt werden.

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