https://www.faz.net/-gv6-7rwj8

Saudi-Arabien : Aktien aus Tausendundeiner Nacht

Gute Geschäfte gibt es auch in der Wüste. Bild: REUTERS

In Saudi-Arabien öffnet sich die Börse für große Anleger aus dem Westen. Der Ölstaat will Kapital zur Entwicklung seiner Wirtschaft anlocken.

          3 Min.

          Sabic ist das größte Unternehmen in der Petrochemie auf der Welt, aber seine Aktie war Anlegern aus dem Westen bisher verschlossen. Denn das Kürzel Sabic steht für Saudi Basic Industries Corporation, und saudi-arabische Aktien waren bisher nur für Investoren aus dem Heimatland und aus sechs befreundeten Staaten vom Golf handelbar. Das soll sich bald ändern. Denn Saudi-Arabien hat nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg eine Liberalisierung seines Aktienmarktes eingeleitet, als deren Folge vermutlich ab dem ersten Halbjahr 2015 ausländische Großanleger Zugang zu der Tadawul genannten Börse in Riad erhalten werden. Die Details der Liberalisierung sollen von der saudischen Kapitalmarktaufsicht erarbeitet werden.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Die seit Jahren beabsichtigte Liberalisierung rückte einen Aktienmarkt ins Blickfeld, der mit einem augenblicklichen Marktwert von rund 400 Milliarden Euro weitaus größer ist als die Börsen in anderen Golfstaaten. Bisher waren Anlagen am saudischen Aktienmarkt für westliche Anleger schwer bis unmöglich. Seit wenigen Jahren gibt es in Saudi-Arabien aufgelegte börsengehandelte Indexfonds (ETF), deren Anteile auch ins Ausland verkauft werden können. Die im Westen aufgelegten börsengehandelten Indexfonds für die Golfregion enthalten meist Aktien aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait, Qatar und Oman, aber keine saudischen Titel.

          Dabei ist die saudische Börse, an der rund 180 Papiere notiert sind, durchaus von Interesse. Die nach dem Marktwert größten Unternehmen sind nach dem Industriewert Sabic, die Al Rajhi Bank, der Telekommunikationskonzern Etihad Etisalat; das Nahrungsmittelunternehmen Savola Group sowie das Immobilienunternehmen Jabal Omar Development. Nicht notiert ist freilich die in Staatsbesitz befindliche Ölgesellschaft Aramco. Ihr Wert wurde vor einigen Jahren von westlichen Analysten auf bis zu 8 Milliarden Euro geschätzt; sie besitzt die größten Ölreserven der Welt und fördert auch mehr Öl als jedes andere Unternehmen.

          Hoffnung auf ausländisches Kapital

          Hinter der Öffnung des saudischen Aktienmarktes verbirgt sich die Hoffnung auf ausländisches Kapital zur weiteren Entwicklung der saudischen Wirtschaft. Die Regierung hat bereits angekündigt, rund 100 Milliarden Euro in Unternehmen außerhalb der Ölbranche zu investieren. Weitere Gelder wären sicherlich willkommen. Andere Staaten in der Region haben schon vor längerer Zeit begonnen, ihre Wirtschaft von der Ölbranche unabhängig zu machen. So hat sich Dubai als Touristenzentrum und als Heimstätte einer sehr stark expandierenden Fluggesellschaft expandiert.

          Saudi-Arabien dürfte zwar noch lange zu den führenden Ölstaaten der Welt zählen, aber das Land, das daneben über bedeutende Einnahmen aus dem Tourismus verfügt, will auch in weiteren Wirtschaftszweigen eine wachsende Produktion und interessante Arbeitsplätze bieten. Auch angesichts der hohen Staatsausgaben, unter anderem für das Militär, ist der Regierung an einer nachhaltig wachsenden Wirtschaft gelegen. In den vergangenen Jahren ist die saudische Wirtschaft mit einer durchschnittlichen Jahresrate von 6,4 Prozent gewachsen.

          Von Bloomberg zitierte Analysten zeigen sich erfreut von der geplanten Liberalisierung des Aktienmarktes. „Das ist eine aufregende Neuigkeit“, sagte Gary Dugan, Anlagestratege bei der National Bank of Abu Dhabi. „Das verleiht der ganzen Region eine größere Glaubwürdigkeit.“ Saudi-Arabien sei ein „schlafender Gigant“ mit einem großen Aktienmarkt. Ryan Huang vom Finanzunternehmen IG Ltd. in Singapur sagte, die Staaten am Golf würden künftig von westlichen Investoren weniger als eine exotische Anlageregion wahrgenommen.

          Richtungswechsel der Kapitalströme

          Die arabische Suche nach westlichem Kapital ist neueren Datums, denn in der jüngeren Vergangenheit liefen die Kapitalströme eher in die umgekehrte Richtung: Spätestens seit der lateinamerikanischen Schuldenkrise vor rund drei Jahrzehnten gelten die Golfstaaten als eine Region, die westlichen Ländern Geld aus ihren Ölverkäufen zur Verfügung stellt. Damals sorgte ein sogenanntes Recycling von Petrodollar dafür, dass die westlichen Banken keine schweren Schäden aus der Schuldenkrise in Lateinamerika erlitten.

          Schon zuvor hatten sich arabische Investoren an deutschen Industrieunternehmen beteiligt. So hatte im Jahre 1974 die Familie Quandt einen Anteil von 14 Prozent an Daimler an Kuwait verkauft. Vor wenigen Wochen sorgte ein Investor aus Qatar mit einer Beteiligung an der Deutschen Bank für Gesprächsstoff. Staatsfonds aus der arabischen Welt zählen heute zu den wichtigsten internationalen Investoren. Der Fonds aus Abu Dhabi soll über ein Anlagevermögen von nahezu 800 Milliarden Dollar verfügen. Saudi-Arabien lässt Anlagen im Westen über geschätzt rund 740 Milliarden Dollar von seiner Notenbank, der Saudi Arabian Monetary Authority (Sama), verwalten.

          Entwicklung der Aktien in Saudi-Arabien innerhalb der letzten Jahre
          Entwicklung der Aktien in Saudi-Arabien innerhalb der letzten Jahre : Bild: F.A.Z.

          Eine langfristig geringere Abhängigkeit der Saudis vom Öl könnte den Markt für diesen Rohstoff verändern. Denn seit Jahren erklären Analysten den Preis von rund 100 Dollar je Barrel (159 Liter) weniger mit den Produktionskosten. Es gibt zwar moderne Förderprojekte, deren Kosten sich in der Nähe von 100 Dollar je Barrel befinden dürften, aber ein erheblicher Teil des Öls kommt aus Quellen mit deutlich niedrigeren Förderkosten.

          Dies gilt nicht zuletzt für das Öl aus Saudi-Arabien, zum Beispiel aus Ghawar, dem größten Ölfeld der Welt, das seit dem Jahr 1951 in Betrieb ist. Stattdessen vertreten manche Rohstoffanalysten die Ansicht, dass sich der Preis von 100 Dollar an den finanziellen Bedürfnissen Saudi-Arabiens ausrichte. Das Land brauche sehr hohe Öleinnahmen, um durch viel Geld den sozialen Frieden im Land zu sichern. Sollte dies stimmen, müsste ein auch auf anderen Säulen ruhender wirtschaftlicher Wohlstand dem Herrscherhaus in Riad sehr willkommen sein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die HMS Defender bei ihrer Ankunft im Hafen von Odessa am 18. Juni

          Vorfall im Schwarzen Meer : Wollte die Royal Navy Russland provozieren?

          In Großbritannien verstärkt sich der Eindruck, dass die Royal Navy im Schwarzen Meer ein Zeichen setzen wollte. Moskau droht für Wiederholungen mit Bombenangriffen „nicht einfach in den Kurs, sondern auf das Ziel“.

          Probleme des DFB-Teams : Höggschde Fahrigkeit

          Der Unterschied zur WM 2018, als Deutschland krachend vom hohen Ross fiel, besteht in erster Linie darin, dass sich „die Mannschaft“ nun wehrte. Das Grundproblem aber hat sich nicht verändert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.