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Börse Bulgarien : Vom Abstiegsrang zum Spitzenplatz

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Bild: F.A.Z.

Wie viele andere Börsen in Südosteuropa stand auch der bulgarische Aktienmarkt lange Zeit auf dem Abstellgleis. Doch der Wind hat sich gedreht. 2011 rangiert der Sofix plötzlich ganz weit vorne in der weltweiten Performance-Rangliste.

          Das Plus, das der Leitindex zum Wochenausklang bei einem Stand von 442,60 Punkten in diesem Jahr bisher verbuchen kann, beläuft sich immerhin auf rund 22 Prozent. Das ist ein Ergebnis, das weltweit gesehen nur ganz wenige Börsen wie etwa der Shootingstar Mongolei übertreffen können. Und nicht nur das: Mit dem eigenen Listing der Bulgarian Stock Exchange gab es sogar so etwas wie einen Börsengang zu vermelden.

          Erklären lässt sich der Aufschwung primär mit einer allgemeinen Wiederentdeckung der Anlageregion Südosteuropa. An diesen Märkten war die Hausse bisher fast komplett vorbeigegangen. Vielmehr setzte es selbst im ansonsten allgemein guten Börsenjahr 2010 noch Verluste.

          Auch der Aktienmarkt in Sofia machte dabei keine Ausnahme. Der Sofix verlor vielmehr 15,2 Prozent. Um zu beurteilen, wie schlimm die Bären wüteten, hilft der Blick zurück bis Anfang 2008. Denn damals notierte der Sofix noch bei 1.692,67 Punkten. Obwohl das bereits deutlich entfernt vom Rekordhoch war, ist selbst gemessen am diesjährigen Jahreshoch von 451,53 Punkten bis dahin noch sehr viel Luft vorhanden.

          Dieser große Abstand zu den alten Rekorden mag ein Beweggrund für die Anleger gewesen sein, sich wieder den Börsen in Südosteuropa und damit auch der in Bulgarien zuzuwenden. Eine wichtige Rolle dürften aber auch die Bewertungen gespielt haben, denn die waren und sind im weltweiten Vergleich einfach oft günstig. Und zwar nicht selten sogar so günstig, dass dadurch der Nachteil der räumlichen Nähe und der relativ engen Verflechtung mit dem Krisenstaat Griechenland übertüncht wird.

          Bewertungen und Konjunkturerholung schieben die Kurse an

          Zudem laufen Aktienmärkte dann häufig gut, wenn sich eine schlechte volkswirtschaftliche Lage etwas zum Besseren wendet. Genau das ist aber das, was momentan in Bulgarien passiert. So ist die Wirtschaft im Vorjahr immerhin um 0,3 Prozent gewachsen. Das war zwar etwas weniger als erhofft, stellt aber gegenüber dem 2009 verbuchten Minus von fünf Prozent eine deutliche Verbesserung da. Und für 2011 hofft die Regierung nun sogar auf eine Zuwachsrate von 3,6 Prozent.

          Unmöglich erscheint das nicht, weil nicht zuletzt begünstigt durch den Aufschwung in Deutschland der Exportsektor wieder angesprungen ist. Allerdings wäre es völlig verkehrt, die Lage deswegen schon wieder schön zu reden. Denn der Konsum dümpelt vor sich hin und bei einer im Januar verzeichneten Arbeitslosenrate von fast zehn Prozent dürften die Konsumenten ihre Geldbeutel auch weiterhin verschlossen halten.

          Angesichts des bestehenden Wohlstandsgefälles zum EU-Durchschnitt könnte das Land bei einer besseren Veraltung und einer anderen Mentalität vielleicht sogar etwas wie ein kleines Wirtschaftswunder entfachen. Doch davon ist man weit entfernt und es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass demnächst bald ein Rück durch die Gesellschaft gehen wird. Selbst viele Jugendliche haben ihre Hoffnungen auf größere Veränderungen längst aufgegeben.

          Zu den wichtigsten Bremsfaktoren zählt unter anderem die Korruption. Diese hat unter Firmen wegen der Wirtschaftskrise einer Studie der Nicht-Regierungsorganisation Zentrum für Demokratiestudien zufolge zuletzt sogar noch weiter zugenommen. Demnach zahlte im Schlussquartal 2010 jede sechste Firma, die Kontakt mit den Behörden hatte, Schmiergeld. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die EU-Kommission Bulgarien ebenso wie Rumänien jüngst erst wieder dazu aufgefordert hat, im Kampf gegen Korruption und bei der Reform ihrer Justiz noch mehr Anstrengungen zu unternehmen.

          Handelsumsätze nach wie vor dünn

          Wer außerdem vor Ort Erfahrung mit der Verwaltung und der Unternehmenskultur gesammelt hat, der wird sich außerdem fragen, wie das Land langfristig mit der viel dynamischer erscheinenden Konkurrenz aus Asien mithalten will. Kreditkrise hin oder her, den Verantwortlichen sollte die 2010 um 58 Prozent auf magere 1,35 Milliarden Euro geschrumpften ausländischen Direktinvestitionen jedenfalls zu denken geben. Zur Erinnerung: 2007 konnten noch rund neun Milliarden Euro angelockt werden und 2008 waren es immerhin noch rund sechs Milliarden Euro.

          Auch an der Börse ist von einem regen Mittelzufluss wenig zu spüren. In diesem Jahr beliefen sich die Handelsumsätze im Schnitt lediglich auf umgerechnet 1,26 Millionen Euro am Tag. Trotz des jüngsten Kursaufschwungs ist das sogar weniger als der für die vergangenen 12 Monate zu Buche stehende Durchschnittswert von rund 1,44 Millionen Euro.

          Alles das wird aber vermutlich nichts an dem Spitzenplatz ändern, den die bulgarische Börse in diesem Jahr beim Performance-Vergleich inne hat. Zumindest solange, wie sich die Risikobereitschaft der Marktteilnehmer nicht wieder spürbar eintrübt. Denn günstige Bewertungen, die sich oft in Kurs-Buchwert-Verhältnissen von unter eins manifestieren, und eine wieder etwas angesprungene Konjunktur sprechen dafür, dass die erst kürzlich angekommenen Bullen noch etwas länger in Bulgarien und ganz allgemein an den Börsen in Südosteuropa grasen werden.

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