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Börse : Aktienmarkt als gläserne Kugel

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Hält die Wirtschaft den Erwartungen der Finanzmärkte stand? Bild: dpa

Die Aktienmärkte spielten in den vergangenen Monaten die Konjunkturwende. Doch ist die Börse ein verlässlicher Frühindikator?

          2 Min.

          Die Rezessionsangst ging im vergangenen Jahr um die Welt; und erwischt hat es vor allem die US-Wirtschaft. Seit März vergangenen Jahres geht es dort bergab, im Schlepptau befand sich die gesamte Weltkonjunktur und so mussten auch in Europa und Deutschland die Wirtschaftsprognosen immer wieder nach unten revidiert werden.

          Doch nun mehren sich die Zeichen für eine nahende Belebung der Konjunktur. Voran gegangen sind dabei die Aktienmärkte, die seit dem dritten Quartal 2001 eine Erholung verzeichnen. Doch kann das tatsächlich als Indikator für einen nahenden Wachstumsschub gewertet werden? Oder führen die Finanzmärkte doch zunehmend ein Eigenleben und treiben die wirtschaftliche Entwicklung vor sich her?

          Die Befürchtungen vor einer Abkoppelung der Börse von der Realwirtschaft oder einer börsengetriebenen Konjunktur ergeben sich nicht zuletzt aus den Erfahrungen mit dem Neuen Markt. Bis zu seinem Zusammenbruch vor anderthalb Jahren stiegen damals die Aktienkurse in schwindelnde Höhen; mit der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage vieler Unternehmen hatte dies allerdings wenig zu tun. Und das rächte sich letztlich: Die Kursbubble am Neuen Markt zerplatzte wie eine Seifenblase - die von den Börsen geschürten Erwartungen an einen ganzen Wirtschaftszweig erwiesen sich als Flop.

          Aktienmärkte immer ein halbes Jahr voraus

          Abgesehen von dieser Fehlentwicklung spiegelt die Börse aber tatsächlich die Fundamentaldaten der Wirtschaft wieder - zumindest in der langfristigen Perspektive. Davon überzeugt zeigt sich Hans-Jörg Naumer, Leiter der Investor-Information beim Deutschen Investment Trust (dit). In der Vergangenheit hätten die Aktienkurse erfahrungsgemäß ein realistisches Abbild der konjunkturellen Entwicklung gegeben, weiß er zu berichten.

          Beispiele hierfür lieferten alle großen Volkswirtschaften, seien es die USA, Europa oder Deutschland. Das ergibt der Vergleich der großen Indizes mit den entsprechenden Konjunkturdaten in den letzten zehn Jahren. Dabei laufen die Börsen der realen Entwicklung meist ein halbes Jahr voraus und zeigen die Erwartungen der Kapitalmärkte an die Unternehmen (siehe unten angehängte Grafiken).

          Verzerrungen gleichen sich langfristig aus

          Natürlich kommt es, so Naumer, an den Börsen zu Fehleinschätzungen. Der Neue Markte sei dafür das beste Beispiel. Doch letztlich habe auch hier die Stunde der Wahrheit geschlagen - die New-Economy sei mehr als hart gelandet. Fehleinschätzungen werden also immer auch wieder korrigiert. Zudem lässt sich nicht ausschließen, dass die Kapitalmärkte die Wirtschaft vor sich her treiben. Doch auch hier gilt: Wenn die Unternehmensdaten langfristig nicht stimmen, dann gehen die Kurse auch wieder nach unten.

          Letztlich zogen die meisten Börsianer, so hofft Naumer, ihre Lehren aus den Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre. Ganz klassisch orientiere man sich wieder mehr an den Hard-Facts, und gängige Bewertungsfaktoren gewännen erneut an Bedeutung. Dazu gehöre vor allem, die Gewinnerwartungen der Unternehmen sehr genau zu überprüfen. Nicht zu unterschätzen sei außerdem die langfristige Analyse des Kurs-Gewinn-Verhältnisses sowie der Dividendenrendite.

          Börsianer bleiben optimistisch

          Vor diesem Hintergrund will Naumer die Hoffnung auf einen baldigen wirtschaftlichen Aufschwung nicht aufgeben. Der Verlauf der Börse in den vergangenen Monaten gäbe genügend Anlass dazu. Augenblicklich zeigten sich die Aktienmärkte allerdings wieder abwartend - eine gewisse Seitwärtsbewegung ist zu verzeichnen. Die Akteure an den Börsen warten eben darauf, ob die in die Wirtschaft gesetzten Erwartungen auch erfüllt werden.

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